AKW-Laufzeitverlängerung

Es schreitet immer noch eine asymmetrisch informierte Gesellschaft auf das Informationszeitalter Web 2.0 zu. Sie hat, wie alle offenen Systeme, Probleme mit unkontrollierten Fluktuationen in der Umwelt aufgrund der schlechten Verfügbarkeit und Aufbereitung von relevanten Informationen und dem fehlenden politischen Willen, diese Probleme zu beheben (Leider braucht es mehr Whistle-Blower bzw. Transparenz.). Manche werden sagen, es lag nicht am politischen Willen, sondern an der begrenzten Rationalität der Entscheidungsträger. Ich sage, es ist gewollt auskristallisierte Kurzsichtigkeit und das gekonnte Ausnutzen von Massenträgheitsmomenten durch den Menschen mittels PR, geplanter Obseleszenz (1. Schöner moderner Kühlschrank 2. auf Kredit gekauft 3. Kredit abgezahlt => 4. Kühlschrank kaputt. 5. Schöner moderner Kühlschrank usw.) und Kreditwirtschaft. Dieses Verhalten verursacht unter anderem den sinnlosen Verbrauch von Ressourcen, die ein Agnostiker namens Natur geschaffen hat. Durch das natürliche Verhalten des Menschen Denken zu vermeiden, um Energie zu sparen (Ein denkendes Gehirn verbraucht bis über 20% der aufgenommenen Energie des Gehirnträgers.), kann die erwähnte Kurzsichtigkeit praktisch nicht sublimiert werden, etwa in ein Massenphänomen namens Bescheidenheit. Oder in qualitativ hoch entwickelte sowie ökonomisch breit und tief implementierte Erkenntnisse in nachhaltige Produktionsprozesse. Erkenntnisse, die zu einer nachhaltigeren Nachhaltigkeit, als dem stoischen Willen zur Macht einiger entscheidungsfreudiger menschlicher Vereinigungen, geführt hätten. 

Ergo Ego Politikum hat man sich für eine AKW-Laufzeitverlängerung entschieden. Dieser stoische politische Wille, den Entscheidungsträgern der Energiekonzerne Denken und in der Konsequenz das Handeln zu ersparen und um vielleicht später ein paar gut dotierte Jobs bei diesen doch sehr trägen Wesen abzugreifen, führte uns nun in eine wunderbare Sackgasse namens Ausstieg aus dem Atomkraft-Ausstieg. Womit wir auf das zentrale Thema kommen. Der Verwendung von Atomkraft in Deutschland. Nicht ausschließlich angeregt wurde ich durch eine Ausgabe von ÖKOTEST-SPEZIAL Umwelt & Energie mit dem Artikel „Merkels Märchen“ und den Film „Into Eternity“ von Michael Madsen, der das finnische Atommüll-Endlager Onkalo als Leitrealität nutzt, um Fragen zu stellen [1,2].

Es gibt 17 Atomkraftwerke in deutschen Landen, die offiziell, je nach Fertigstellungszeitpunkt, acht bzw. vierzehn Jahre länger als 2002 im Atomkonsens geplant am Netz bleiben dürfen. Allerdings wird die Betriebsdauer nach Strommengen bei voller Auslastung ohne Unterbrechungen angegeben. So ergibt sich praktischerweise für die Betreiber eine weitere Verlängerung um die Strommengen, die aufgrund von Wartungsarbeiten oder Störfällen auftreten. Und es gibt ja „kaum“ Störfälle [3]. Hinzu kommt die Übertragung von Strommengen von einem alten AKW auf ein Neueres, vice versa geht ebenfalls, aber nur mit Zustimmung des Umweltministeriums. Ein Schelm wer Arges vermutet, wenn Umweltminister Röttgen einen Atom-Lobbyisten namens Gerald Hennenhöfer zum Chef der deutschen Atomaufsicht macht und sich Sorgen über eine AKW-Laufzeitverlängerung macht [4a,4b].

Die Regierung begrenzt mit den Betreibern vertraglich die Kosten für Nachrüstungen je AKW auf 500 Millionen Euro. Ergo werden die AKW-Betreiber gezwungen, „ungewollt“ ihre Laufzeiten zu verlängern. Denn sie „dürfen“ nicht zu viel Geld für die höhere Auslastung bzw. schnelle und sorgfältige Umbaumaßnahmen ausgeben bzw. jede Verzögerung spielt wieder dem Strommengenaufbrauch in die Hände. Da so der Anteil durch die AKWs höher ausfällt, zementiert die Regierung den Anteil der Atomkraft am Gesamtstrombedarf in Germanien. Die deutsche Umwelthilfe hat Preise verglichen und festgestellt, je höher der Atomkraftanteil, desto teurer der Strom. Und falls die armen Betreiber doch genötigt sein sollten, mehr in die AKW zu investieren, dann reduziert sich entsprechend der Betrag, mit dem der Öko-Strom-Fonds unterstützt wird. Das ergibt dann für die AKW-Betreiber für die bereits abgeschriebenen AKW eine Million Euro pro Tag Gewinn, ohne Störfälle und Nachrüstungen gerechnet. Das sind dann, bei konstantem Strompreis, konservativ gerechnet, 57 Mrd. Euro Gewinn bis die letzten Meiler vom Netz gehen [5]. Abgesehen von den errechneten 165 Mrd. Euro Subventionen, die der Atomkraft in Deutschland zukamen. Und weitere 92 Mrd. Euro kommen durch die Sanierung von AKW bzw. Steuervorteile bei Rückstellungen hinzu. Das ergibt dann 6,1 Cent je Kilowattstunde an Subventionen für die AKW seit Anfahren der ersten Anlage [1]. Im Gegensatz dazu: „Von 2000 bis 2009 flossen zudem knapp 49 Milliarden Euro in die Förderung der erneuerbaren Energien. Sie ist keine staatliche Subvention, sondern wird von den Stromkunden getragen. Mit rund 2 Cent pro Kilowattstunde macht das derzeit circa zehn Prozent der Stromrechnung aus [6].

Auch ist die gepriesene CO2-Neutralität nicht gegeben. 31 bis 61 g CO2 werden pro kWh mit Kernspaltung produziert, während die Werte für Windenergie bzw. Wasserkraft bei 23 bzw. 39 g CO2 liegen. Kleine dezentrale gasbetriebene Blockheizkraftwerke schneiden übrigens am besten mit 5 g CO2 ab. Je höher die AKW-Laufzeitverlängerung ausfällt, desto länger wird der Umbau unserer Energiewirtschaft und damit unsere Gesellschaftspolitik zu dezentraleren und weniger anfälligen Strukturen verzögert.

Uran ist ebenfalls endlich und wird in Zukunft schwieriger abzubauen sein. Etwa durch sinkende Urangehalte im Erz und über 200 verschiedene Uranminerale, deren Gewinnung unterschiedliches Know-How benötigt und den Abfall aus diesem Abbau, der sich aufgrund zukünftig geringerer Konzentrationen, zwangsläufig erhöht [7a,b]. Alternativ gibt es Plutonium, das aber ein noch größeres biologische Risiko darstellt [7c], sowohl bei einer Havarie, wie auch bei den viel bemühten Terrorszenarien. Die Letzteren scheinen unwahrscheinlicher als zivile Havarien oder hat einer von mal was gezielten Störungen durch Dritte in AKW gehört, außer dem Stuxnetvorfall, von wem auch immer, im Iran oder dem Bombenangriff durch den Irak auf Buschehr im Iran bzw. israelische Aktionen.

Nun könnte man mit einem großen Herzen dieser „etwas“ einseitig erscheinenden Entscheidungen zugunsten der Betreiber sagen, dann lasst diese „armen“ Menschen doch weiter gierig sein. Aber leider ist der entscheidende Punkt, dass bei der Kernspaltung unter anderem Gammastrahlung erzeugt wird. Diese hinterlässt in bekannter (kurzfristig spätestens seit Little Boy und Fat Man[12]) und unbekannter (langfristig?) Weise in biologischen Organismen Veränderungen, die in der Regel schädlich sind [8a,b].

Damit verbunden sind die ungelösten Probleme der Endlagerung und Studien zur Nutzung von Atomkraft, die auffällige Erkrankungsmuster unter der Bevölkerung in der Nähe von AKW zeigen, auch wenn es widersprechende Studien gibt [7b]. Wie sicher die Betreiber ihre AKWs finden, wird deutlich, wenn die Haftpflichtversicherung für alle AKW im Falle eines GAUs 2,5 Mrd. Euro abdeckt. Trotzdem haften die AKW-Betreiber unbegrenzt mit ihrem Vermögen. Studien schätzen die ökonomischen Folgekosten auf 5500 bis 11.000 Mrd. Euro. Selbst wenn man nur von einem Zehntel des Wertes ausgeht, dürfte der Firmenverkaufswert der vier großen AKW-Betreiber in Deutschland weit darunter liegen, besonders im Falle eines Kursverfalls durch einen GAU [1]. Es ist keine Kunst zu erkennen, was dem deutschen Volke hier aufgebürdet wird. Im Übrigen wurde aufgrund des geplanten Ausstiegs kaum in Nachrüstungen der abzustellenden Reaktoren investiert, was ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko darstellt. Was wir nun in Japan sehen, kann übrigens ein Super-GAU werden, weil hier die nicht nur ein Station-Blackout eines einzelnen Reaktors vorliegt, sondern die gesamte Infrastruktur im Nordosten Japans am Boden liegt. Ich frage mich, ob ich überhaupt wen verklagen kann, z.B. das in Süddeutschland noch heute erhöhte radioaktive Rückstände in Säugetierpopulationen gefunden werden. (Nachtrag vom 17.10.2011: Ich frage mich auch, ob der Internationale Gerichtshof eine Klage wegen Tschernobyl gegen Russland zulassen wird. Und können die Einwohner des Bikini-Atoll die USA und des Mururoa-Atolls Frankreich verklagen? Außerdem frage ich mich, ob die Rückversicherer Kernkraftwerke gegen internationale Kollateralschäden an der Umwelt versichern und wer dann wen verklagen darf, wenn ein Beweis der Schuld möglich ist. Dann frage ich mich, ob die Leute, die nicht aktiv gegen Atomkraft vorgehen, auf eine Klagemöglichkeit spekulieren und ob sie dann in Folge eines Erfolgs dieses Geld verwenden können, um sich zu heilen oder philanthropisch die Umwelt über steuersparende Stiftungen. Nach kurzer Recherche kommt die Folgerung: Ich kann nicht klagen. Da es nicht mal möglich ist die Technologie gegen Schäden durch Dritte zu versichern. Erst wenn ich die Technologie versichern könnte, dann wäre eine entsprechende Rechtsabsicherung vorhanden. Glückwunsch, wir sind eine umfassende Testpopulation ohne nachweisbare statistische Signifikanz. Ein Schildbürger wer jetzt die offiziellen Grenzwerte von anthropogen verursachter radioaktiver Strahlung durch die Nutzung von Atomkraft hochsetzt.)

Häufig wird von sogenannter Brückentechnologie gesprochen, den die Kernspaltung auf dem Weg ins umweltfreundlichere Energiezeitalter darstellt. Warum kommen wir dann mit der Brückentechnologie nicht langsam an das andere Ufer? Das erste kommerziell genutzte Kraftwerk nahm 1954 die Arbeit auf [9]. Warum wurde dann nicht schon zu Zeiten der 1. Ölkrise auf „regenerative Energien“ umgestellt? Die Problematik der Kernenergie und der Abhängigkeit vom Erdöl war hinreichend erkannt. Warum wird dann durch Großprojekte bzw. -anlagen wie die AKW und Desertec versucht, die Kontrolle der Energiebereitstellung weiter in die Hände von Wenigen zu halten? Warum werden die zahlreichen finanziellen Zugeständnisse für die AKW-Betreiber nicht in umweltfreundliche Technologien gesteckt? Je stärker eine Vormachtstellung von Wenigen zementiert wird, desto abhängiger wird man davon (Evolution läuft nur vorwärts bzw. meine Zeitmaschine ist kaputt gegangen. Ihre auch? Gesamtgesellschaftliche Fehlentscheidungen sind nur schwer korrigierbar, wenn sie erst einmal breit in die Gesellschaft implementiert sind. Das wissen Politiker und Lobbyisten. („Masse und Macht“ Elias Canetti)). Das Abschalten von AKW erzeugt übrigens keine Probleme in der Versorgungssicherheit, wenn die Umsetzung von alternativen Energieerzeugungseinheiten endlich konsequent in Angriff genommen wird [10,11]. Im Prinzip wird wiederholt, was in der Finanzkrise mit den Banken geschah, die Verursacher einer Sackgasse werden gerettet. Die restliche Strecke wird weiter an die Wand differenziert, statt einfach neue Wege zu nutzen, die definitiv vorhanden sind. Dabei würde sich die einzigartige Chance bieten, lokale Energiegewinnungsanlagen auf ein neues ökologisch integriertes Niveau zu heben und Technologievorreiter zu werden, was Deutschland in vielen Umwelttechnologien ist bzw. aktuell verschlampt wird. Wenn sich dynamische und innovative Menschen gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt haben, dann werden sie sich hoffentlich nicht von den trägen Großkonzernen korrumpieren lassen, wenn deren Entscheidungsträger auch endlich gezwungen sind umzuschwenken und kleine innovative Unternehmen auf- bzw. deren Macher einkaufen. Der Geldüberfluss der Großkonzerne scheint jedenfalls keine Quelle von ökologisch versierter Produktentwicklung zu sein.

Eine utopische Alternative: Falls wir wirklich weiter AKWs nutzen, würde ich ein Risiko-Minimierungs-Konzept für AKW-Gegner vorschlagen. All jene, die zugunsten von AKW gestimmt haben, in die unmittelbare Nähe von Kernkraftwerken samt ihrer Familien umzusiedeln und jene, die dagegen sind, woanders anzusiedeln. Diese zu modifizierenden AKW-Familien fangen bei einem atomaren Unfall dann an zu strahlen und warnen den Rest der nichtleuchtenden Bevölkerung. Nach Abschaltung dürfen diese Familien dann die Kraftwerke abbauen und mit dem Atommüll in die Endlager ziehen. Das würde zumindest einen Teil der Schäden politisch und materiell internalisieren. Und man könnte sehen, dass die Leute, die für Atomkraft sind, sogar für die Gesellschaft als mobile Mutagenlabore fungieren und damit leben können, wie auch immer. Das nenne ich dann Verantwortung, zumindest für sich selbst, zu übernehmen. Viel Spaß dabei!

„…Die Zukunft ist offen…“ K. Popper (Ich schließe mich durch die erbrachte Falsifizierung der sicheren Nutzung von Kernenergie diesem Manne an.)

Dankbar für jede Kritik!

Herzlichst,

SK-L

[1] „Merkels Märchen“ ÖKOTEST SPEZIAL – Umwelt und Energie, Nr. T 1011, S. 58-63

[2] http://www.intoeternitythemovie.com/

[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_meldepflichtiger_Ereignisse_in_deutschen_kerntechnischen_Anlagen

[4a] http://lobbypedia.heinlein-support.de/index.php/Gerald_Hennenhöfer

[4b] „Russisches Roulette auf Kosten der Bundesbürger“ Jörg Sommer, politische ökologie 119, Peak Soil – die unterschätzte Krise der Böden, S. 62-63

[5] Prognos, Öko-Institut, Dr. Ziesing (2009): Modell Deutschland. Klimaschutz bis 2050 – Vom Ziel her denken. Studie für WWF Deutschland, Basel, Berlin

[6] http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/die-schlacht-um-die-strom-milliarden/

[7a] http://www.uranstory.ch/media/uploads/article/Factsheet_Uranhandel_def.pdf

[7b] http://de.wikipedia.org/wiki/Uran

[7c] http://uwa.physik.uni-oldenburg.de/1583.html#_3.5.2.2

[8a] http://www.robinwood.de/german/energie/asse/2008-09-02-remlingen-3te-info-dannheim.pdf

[8b] http://www.alfred-koerblein.de/index.htm

[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Obninsk

[10] http://www.energiestiftung.ch/files/downloads/energiethemen-atomenergie/wuppertal-institut-2007.pdf

[11] „Utopie ist machbar, Herr Nachbar“ ÖKOTEST SPEZIAL – Umwelt und Energie, Nr. T 1011, S. 43-57

[12] http://de.wikipedia.org/wiki/Fat_Man

Bild: SZ


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