bergwaldprojekt greendelicious

Vom 18.08. bis zum 25.08. war ich in der Rhön, genauer im Biosphärenreservat Rhön in Hessen. Seit drei Jahren versuche ich, mir eine schöne Woche mit physischer Arbeit beim Bergwaldprojekt in schöner Lage zu verschaffen. Dieses Jahr hat es endlich geklappt mit der ehrenamtlichen Arbeit und resultierender Zufriedenheit am Abend. Natürlich wird nicht nur gearbeitet. Die Projektleiter organisieren mit und bei lokalen Anwohnern/Unternehmern und Angestellten Kurztrips nach der Arbeit, um die Region kennenzulernen und/oder sich auszutauschen bei einem ökologisch korrekten Bierchen (siehe Foto unten).

Im Bergwaldprojekt werden notwendige Arbeiten erledigt, die sonst von Dienstleistern aus Forst- bzw. Landwirtschaft erledigt werden. Damit sind in der Regel Dienstleistungen gemeint, die händisch an sensiblen Standorten zu tätigen sind, z.B. an steilen Hängen, in Mooren oder einfach um die Fauna nicht zu stören bzw. Flora und Fauna im Boden nicht durch den Druck von Maschinen zu schädigen. Dienstleistungen sind natürlich teuer, wenn professionelle Kräfte eingesetzt werden. Die zuständigen regionalen Verwaltungen von Biosphärenreservaten, Naturparks, Naturschutzgebieten und Förster sind die Ansprechpartner für das Projekt, die dringende Pflegemaßnahmen für definierte Flächen auszeichnen. Die Arbeiten umfassen Pflanzungen, Zaun- und Wegebau, Meliorationsarbeiten, Rückführung von ehemals durch Landwirtschaft belasteten Flächen in alte Kulturlandschaften bzw. die Vorbereitung von Flächen für althergebrachte sinnvolle Pflegemaßnahmen durch Nutz- oder Wildtiere. Und manchmal fällt man auch Bäume oder entbuscht Flächen, die sich im Pionierstadium der Waldbildung befinden.  Die verschiedenen Projekte finden in ganz Deutschland statt, sind also nicht unbedingt an Bergwald gebunden. Ursprünglich stammt das Projekt aus der Schweiz. Ableger gibt es auch in Lichtenstein, Österreich und der Ukraine. Es müssen nicht zwangsläufig Bergwälder in ihrer Entwicklung unterstützt werden, Allgemein werden alte Kulturlandschaften, renaturierte Areale oder Schutzgebiete weiter entwickelt und angepasst an neue Erfordernisse. Man kann sich am Anfang eines jeden Jahres zum Bergwaldprojekt anmelden und eine Woche freiwillig arbeiten. Die Verpflegung ist vegetarisch und ökologisch ziemlich korrekt. Die Unterkünfte sind komfortabel bis spartanisch. Kost und Logis sind frei, bis auf die Getränke. Die An- und Abreise wird selbst gezahlt. Einige der Freiwilligen in der Rhön waren schon öfter dabei, einer sogar schon 12-mal. Das Alter in unserer Gruppe reichte von 20 bis 72 Jahren. Mindestalter ist 18 Jahre und Bedingung ist eine Sozialversicherung.

ehrenamtliche umwelt arbeit greendelicious

Ehrlich, ich bin gegen ehrenamtliche Arbeit. Denn viele Dienstleistungen, die im Ehrenamt geleistet werden, sind gesellschaftlich notwendige Arbeiten, die elementar für das Funktionieren einer Gesellschaft, und im Sinne des Bergwaldprojektes, auch für Ökosystemleistungen sind. Da aber oft noch die notwendige Einsicht in unserer Gesellschaft fehlt, ist es aber auch so, dass ohne die Ehrenamtlichen mit hehren Idealen, sich keiner zuständig fühlt und das zu weiteren sozialen Spannungen innerhalb der Gesellschaft führt. Hier sind, wie es so schön heißt, die Politiker in der Pflicht. Die tauchen aber nur auf, wenn es Hände zu schütteln und Fotos mit „wichtigen Leuten“ zu machen gilt. Die Ängste vieler Menschen durch soziale Spannungen werden dann gekonnt zur Wahlkampfpolitik genutzt. Natürlich haben viele Menschen Angst die sozialen Spannungen durch erratische, von Gewalt begleitete Entladungen wie derzeit in Syrien und vorher in Ägypten, Libyen, Tunesien usw. zu erfahren. Deshalb versuchen sie die Spannungen zu dämpfen, mit ehrenamtlichen Tätigkeiten. Das lenkt ab, hilft einem wirklich und ist sogar neurologisch erwiesen. Und wenn man die ökologische Brille trägt, dann ist die Zeitspanne zur Rettung bestimmter durch ökologisch integrative Bewirtschaftung geschaffener alter Kulturlandschaften sehr gering. Sobald eine Kultur- oder Naturlandschaft verschwunden ist, ist sie nicht mehr ohne sehr großen Aufwand wieder zu beleben und dann auch nur stark veränderter Form. Die Gelder, die dafür benötigt werden, werden auch lieber in Wirtschaftskreisläufe gepumpt, die nichts mit dem Erhalt einer halbwegs intakten Umwelt zu tun haben. Man denke dabei an den Stuttgarter Bahnhof oder die Elbphilharmonie und die Airbuserweiterung im Mühlenberger Loch in Hamburg. Deshalb ist vorerst Ehrenamtliches notwendig, um die Umwelt vor weiteren kurzfristigen Zerstörungen zu schützen, bis unsere Gesellschaft bewusst ist und Möglichkeiten generiert, eine Wertschätzung in Form von zahlbarer Münze für Dienstleistungen aus unserer Umwelt zu zahlen. Das muss nicht notwendigerweise Geld sein, aber sie ist auch den notwendigen Helfern zu zahlen bzw. sollte denselben existentielle Sicherheit bieten. Ich denke Adivasi in Indien, Penan in Papua-Neuguinea oder Yanomami, Wayampi im Amazonabecken ebenso wie viele andere gefährdete Völker brauchen eher existentielle Sicherheit durch Erhalt ihrer Lebensgrundlagen, den natürlichen Vegetationsformen. Und helfen können uns diese Völker durch Information, die sie erhalten, indem sie mit ihrer Kultur weiter existieren (Infos z.B. TARGET, Yasuni-ITT-Iniative).

Die Woche im Bergwaldprojekt hat mir sehr viel Freude bereitet, denn man trifft Menschen, die etwas tun möchten für unsere Umwelt. Und der Austausch mit den Leuten eröffnet weitere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Außerdem habe ich mich mal wieder richtig körperlich ausgetobt. Denn wir haben auf Magerstandorten Flächen von verholzenden Pflanzen befreit, die sonst in ein paar Jahren verbuschen und sich in Folge zu Wald entwickeln werden, was normalerweise natürlichen Zyklen entspricht. Die Entfernung der Büsche und kleineren Bäume nützt den Birkhühnern, zumindest in der Rhön, die offene Flächen, z.B. um Beutegreifer früh sichten zu können, bevorzugen, und natürlich artenreichen, selten gewordenen, Pflanzengemeinschaften, die die Grundlage für eine hohe tierische Vielfalt bilden. Allgemein entstehen an nährstoffarmen Standorten hochdiverse Artengemeinschaften, da sich Spezialisten ansiedeln bzw. über längere Zeiträume entwickeln (Man denke an die hohe Diversifizierung der Arbeit innerhalb unser städtischen Gemeinschaften und wie nährstoffarm versiegelte Flächen allgemein sind. Oder an die nährstoffarmen Böden in vielen Tropenwäldern, die durch die hohe Prozesskomplexität in Nahrungsnetzen einen Großteil der Nährstoffe in lebender Biomasse speichern.). Zusätzlich überschneiden sich viele verschiedene Zyklen von Arten zeitlich und räumlich in mehr oder weniger starker Abhängigkeit voneinander. Die Komplexität dieser Prozesse ist z.B. ein Grund für den Erfolg der verschiedenen Biodiversitätskonzepte, die die komplexen ökologischen Vorgänge, auf einfachere Modelle in Verbindung mit der Biogeographie herunterbrechen, um überhaupt kurzfristige Handlungsalternativen zu entwickeln. Leider ist es so, dass viele dieser hochdiversen Standorte durch kulturspezifische, derzeit vorwiegend industrielle Bewirtschaftung, z.B. durch Düngung und Rodung zerstört sind. Denn sobald bestimmte Nährstoffe zu genüge vorhanden sind, setzen sich wenige dominante Pflanzenarten durch, die diese Nährstoffe am besten nutzen, aber unter natürlichen Bedingungen mit den Spezialisten nicht konkurrieren können. Normalerweise tauschen sich spezifische Artengemeinschaften über sogenannte Ökotone aus, also über natürliche Gradienten, die ebenfalls wieder komplex mit anderen standörtlichen Gegebenheiten interagieren, das können z.B. hydro-, pedo- und topologische Gradienten sein. D.h. lokale oder regionale Störungen hat es schon immer gegeben, aber nicht mit dem hohen Wirkungsquerschnitt durch uns Menschen. Das Problem mit den Birkhühnern ist der menschliche Raumfraß und mangelnde althergebrachte Bewirtschaftung, weil nicht mehr genügend Flächen für die Ansprüche der Birkhühner existieren, haben wir in der Hessischen Rhön Flächen entbuscht. Früher gab es mehr und größere Pflanzenfresser, die die Triebe oder gar Zweige und Äste verholzender Pflanzen als Nahrung nutzten und weiterzogen. Das ist heute durch die kleinen Flächen, die nur begrenzt größere Wildsäugerpopulationen fassen können bzw. durch stark limitierte Wanderwege derselben nicht mehr möglich. Auch gibt es kaum noch saisonale Viehwanderungen, die zu alten Kulturlandschaften geführt haben, die oftmals sehr divers sind. Folglich sind auch pflanzliche Wanderbewegungen stark eingeschränkt und wichtige Ökotone degradiert bzw. blockiert. Ergo müssen wir Menschen die natürlichen Abläufe imitieren.

Deshalb möchte ich mich bei Anja, Evi, Heiko, Lars, Margot, Maria, Ramona, Petra, Thomas für die schöne Zeit bedanken. Natürlich möchte ich mich auch bei dem Bergwaldprojekt-Team bedanken. Bei Annegret für die Organisation und die standörtlichen Informationen, bei Lars für seine Überlebenstechniken nebst Angelhakengeschichte, bei Maria für die ausgezeichnete vegetarische Vollwertkost und bei Thorsten für seine nichtverbale esoterische Art, bald sterbende Pflanzen zu betrachten. Ein besonderes Lob bekommt Josef, der ein echter Teamarbeiter ist, sich selbst kein Stück schont und andere ausgezeichnet anleitet.

Fotos: Greendelicious

Titelbild: Moorbirke vor einer Fichte im Roten Moor der Hessischen Rhön

2. Bild: Ruhepause zum Mittag, jeder arbeitet wie er kann, aber fast jeder macht ein Nickerchen.


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