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Vor etwas längerer Zeit bin ich bei Recherchen zur Inselbiogeographie über die ausgestorbenen Elefantenvögel auf Madagaskar und Moas auf Neuseeland, letztere wurden vom ebenfalls ausgestorbenen Haastadler gejagt, auf den Philippinenadler gestossen. Spontan hatte ich mich entschlossen, ab und zu eine Art zu beschreiben, die unseres Schutzes bedarf. Die Suche nach einem schönen Bild gestaltete sich beim Philippinenadler aber recht schwierig. Jetzt bin ich mit Unterstützung endlich fündig geworden und kann dieses großartige Tier vorstellen.

Der Philippinenadler, ein Waldbewohner, dessen Gattung monotypisch ist. Das heißt, diese Gattung wird nur durch eine Art, den Philippinenadler vertreten. Der Adler ist CITES gelistet und wird als „Kritisch bedroht“ eingestuft. Die nächsthöhere Einstufung ist „Ausgestorben in der Wildnis“. Und somit sind evolutionäre Eigenschaften, die der Philippinenadler genetisch und ethologisch in sich trägt, einzigartig und konsequent bedroht, abgesehen von dem ästhetischen Bild, das so ein Adler uns vermittelt. Er kann aber für uns wichtig sein, denn manche Stoffwechselwege, -produkte oder Verhaltensmuster können unter Umständen nur mit Philippinenadlern erforscht werden. Manchmal können es auch bionische Charakteristika sein, die uns z.B. in den Ingenieurs- oder Medizinwissenschaften helfen können. Denn auf lange Sicht werden wir nicht umhin kommen, natürliche Systeme ganzheitlicher zu imitieren oder noch besser zu akzeptieren, dass sie ungestört auch für uns einen Mehrwert generieren und uns damit einfach noch länger an ihnen zu erfreuen, um uns nicht völlig zu vergiften, sei es psychosomatisch oder somatopsychisch. Gerade die psychosomatische Komponente gehört zur eudämonistischen Motivation Arten zu schützen und beinhaltet viele kulturelle bzw. gesellschaftliche Aspekte, die uns von der Natur mitgegeben wurden und unsere Psychologie, Soziologie und Ethologie massiv beeinflussen. Die anderen beiden sind die Ökologie und Ökonomie. Obwohl es mit fortschreitendem Wissensstand schwierig fallen dürfte, diese drei noch zu trennen.

Es wird davon ausgegangen, dass der Adler sich zum Teil von Philippinen-Gleitfliegern, Colugos genannt, ernährt, die, wie der Adler endemisch für die Philippinen sind. Diese ernähren sich nur vegetarisch und sind die größten Gleiter unter den Säugetieren, die ohne Flügel auskommen müssen. Da wir nur wenig über die Funktion der Colugos, speziell des Philippinengleiters, in den Wäldern wissen, verursacht das Aussterben des Philippinenadlers verschiedene Verschiebungen in den Nahrungsnetzen. Er ist nämlich einer der Toppredatoren auf den Philippinen. Und die Philippinen sind ein Hot-Spot der Artenvielfalt, infolge ist das Nahrungsnetz extrem komplex aufgebaut. So ist, z.B. wenn die Colugos überhandnehmen ohne bestimmte Pflanzen u.U. eine natürliche Verjüngung des Waldes nicht mehr gewährleistet oder wenn die Colugos nicht mehr existieren, weichen die Adler auf kleine Nutztiere aus, was wiederum zu Problemen mit darauf angewiesenen Selbstversorgern führen könnte. Kleinere Nager oder Rehartige können beträchtliche Schäden durch eine zu geringe Bedrohung durch Predatoren wie in unseren Breitengraden das Rotwild, durch eine zu hohe Flächendichte anrichten, wenn der Adler dort verschwindet.

Zu erkennen ist er an seinem hohen und schmalen Schnabel, der größte, zusammen mit dem des Riesenseeadlers, bei einem Adler sowie seiner Kopfhaube ähnlich der der Harpyie in Südamerika. Der Philippinenadler zeichnet sich durch eine kraftvolle Gestalt mit breiten Flügeln aus. Er jagt innerhalb von Wäldern und ist der größte Adler weltweit nach der Körperhöhe mit über 100 cm, bei einem Gewicht mit 4,5 bis 9 kg. Nur der Sekretär (Sagittarius serpentarius) und der Andenkondor (Vultur gryphus) sind als Greifvögel noch größer in der Körperhöhe. Die oberen Gewichtsgrenzen treten in Gefangenschaft auf und entsprechend sind andere Greifvögel in der Wildnis schwerer wie z.B. der Andenkondor oder die Harpyie. Die Weibchen werden auffallend größer. Schießen Trophäen-Jäger dann eigentlich lieber auf Weibchen?

Mit seinen breiten Flügeln und seinem langen Schwanz kann er gut im Wald die Beute ansteuern und mit Kraft zuschlagen, ohne sich zu verletzen, bei einer Flügelspannweite von über 220 cm. Ein niedriges Flügellängen-Flügelbreiteverhältnis ist ein generelles Merkmal von im Wald jagenden Raubvögeln, die große  und schnelle Beute schlagen. Auch hier kann man wieder den Vergleich mit der Harpyie oder bei uns mit dem Habicht (Accipiter gentilis) ziehen.

Der Raubvogel, früher auch Affenadler (Pithecophaga jefferyi) genannt, vor massiven Schutzmaßnahmen durch die philippinische Regierung, schlägt auch Affen, Schleichkatzen, Schlangen, Warane und entsprechend seiner Größe alles bis hin zu Rehartigen von über 10 kg Gewicht. Der Greif wird bis zu 60 Jahre alt und ist aufgerichtet sitzend bis zu 100 cm groß. Derartig groß ist er durch mangelnde Konkurrenz durch andere große Raubtiere geworden. In isolierten Regionen ist es normal, dass Arten aus anderen Taxonen, ökologische Funktionen übernehmen, wenn keine Säugetiere dort hingelangen konnten. Beispielsweise gab es Beutellöwen (Thylacoleo carnifex, Diprododontia) in Australien oder den Haastadler (Harpagornis moorei, Falconiformes) auf Neuseeland, die am Ende der Nahrungskette die Rolle der dominierenden Carnivoren wie in Europa, Afrika, Asien und Amerika die Säugetiere (Placentalia) einnahmen oder -nehmen. Pithecophaga jefferyi hat ein großes Revier mit bis zu über 130 Quadratkilometern. Als Vergleich dazu hat ein Nebelparder, ebenfalls ein Waldbewohner in tropischen Regionen und stark dreidimensional agierendes Raubtier ein Jagdgebiet von 20 bis 30 Quadratkilometern, bei ähnlichem Beutespektrum, allerdings wiegt Neofelis nebulosa etwa das Doppelte bis Dreifache und jagt entsprechend auch größere Tiere als Pithecophaga jefferyi und kann ein breiteres Spektrum verfügbarer Jagdnischen am Boden abdecken. Und wer fliegen kann, ist klar im Vorteil bei der Überbrückung von Distanzen.

Leider gibt es nur noch 340 Paare, als obere, sehr positiv, geschätzte, Grenze auf den philippinischen Inseln Luzon, Samar, Leyte und Mindanao. Verursacht wie üblich durch menschliche Aktivitäten wie Rodung und Degradation der Wälder. Die Fortpflanzungsraten sind auch in natura niedrig und die Geschlechtsreife wird spät mit 6-7 Jahren erreicht. Das Töten eines Philippinen-Adlers kostet 2300 Euro bzw. kann bis zu 12 Jahre Haft nach sich ziehen. Da er sehr selten ist, kann die Strafe ruhig noch höher ausfallen vor allem, wenn große Agrar- oder Holzkonzerne massiven Flächenfraß betreiben, finde ich. Hier allerdings eine Beweiskette aufzustellen scheitert oft an ökonomischen Interessen. Bei einer solchen Seltenheit kann man schon vom „extinct“ in 20-30 Jahren ausgehen.

Aber man kann das Ganze auch positiv sehen, wenn sich NGO’s und engagierte Menschen um extrem kleine Populationen kümmern. Ich denke dabei an den Mauritius-Falken (Falco punctatis), der nur noch mit 6 Exemplaren 1974 auf Mauritius vertreten war. Heute gibt es wieder über 400 Mauritius-Falken, was relativ nahe an der geschätzten Ursprungspopulation von 600 bis 700 Falken liegt. Wer mir als Erster den Namen des großartigen Ornithologen nennen kann, der sich dem International Council for Bird Preservation widersetzt hat und den Falken nicht aussterben ließ, bekommt von mir kostenlos ein sehr gut erhaltenes, ein oder zwei Mal gelesenes Buch zum Thema Nachhaltigkeit zugesendet. Und die Philippine Eagle Foundation hat sich in den letzten Jahren sehr verdient um den Schutz dieses Vogels gemacht. Das ändert aber leider nichts daran, dass die Lebensräume schrumpfen, was das größte Problem bleibt.

Also schaut Euch im Netz noch ein paar Bilder oder Filme von diesem großartigen Tier an, denn wenn nichts passiert und der Support nicht verstärkt wird, kann er bald zu einem der Mythen in Internetspielen verkommen, die eine künstliche Diversität schaffen, weil wir zu ignorant sind, den Ernst der Lage zu begreifen. Dann werdet Ihr vielleicht Geld dafür zahlen müssen, um schlechte Imitationen in einer virtuellen Welt zu erleben. Oder die Betuchteren unter Euch werden einen Haufen Geld hinlegen, um in einem Nationalpark die letzten, angeblich dort noch lebenden, Philippinenadler zu sehen. Daher wäre es schön, wenn Ihr Euch genauer informiert und vielleicht auch an Organisationen wie die Philippine Eagle Foundation spendet, die damit das Überleben nicht nur dieses großartigen Tieres sichern. Wenn ihr aktiv werdet und Leuten auf die Füße treten lernt, dann bin sicher nicht nur ich Euch schwer dankbar.

Das sehr gute Foto hat mir freundlicherweise der Fotograf und gelernte Biologe Herr Klaus Nigge zur Verfügung gestellt.


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