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Vor Kurzem habe ich das Buch „Genfood“ vorgestellt. Max Annas, der Mitautor von „Genfood – Das aktuelle Handbuch“ hat mit Erwin Wagenhofer auch „We feed the World“ geschrieben. Der gleichnamige Film „We feed the World“ von Erwin Wagenhofer dürfte jedem, der ihn gesehen hat, in Erinnerung geblieben sein. Da ich eher über das Lesen Informationen in meinem Oberstübchen ablege, ist das Buch natürlich als auf- bzw. erklärendes Medium geeigneter.  Durch „Genfood“ habe ich mir jetzt überlegt, ob ich versuche mich von Gentechnik frei zu ernähren, also natürliche Zuchtselektion zulasse. Meine Frau ist alles andere als begeistert, was ich nach einiger Recherche verstehen kann.

Denn gerade durch das Buch „We feed the world“ wird mir noch mehr augenscheinlich, was wir für ein gravierendes Problem wir haben. Und ich habe den Eindruck, es ist viel schwieriger als vegan zu leben. Meister aller Klassen scheint mir, wer ohne Gentechnik und Petrochemie auskommt. Ich versuche gerade mir einen entsprechenden Ernährungsplan zusammen zu stellen. Das kann dauern, denn die Kennzeichnungspflicht lässt immer noch zu wünschen übrig. Und irgendwie weiß ich nicht, ob ich darüber lachen oder weinen soll.

Unser Ernährungsproblem liegt schließlich nicht nur bei gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln, sondern auch an den Züchtungen. Ich musste kürzlich laut lachen, weil wir ja alle so super gern Obst und Gemüse essen oder essen sollten. Mit der mir eigenen Logik esse ich ja beim Apfel alles mit, außer den Blütenblättern und dem Stängel. Damit hoffe ich, mehr Nähr- und Ballaststoffe aufzunehmen. Was fürs Keimen gut ist, kann ja so schlecht nicht für mich sein.

Jetzt war ich auf einer PR-Veranstaltung und da hat man uns erzählt, dass die besten Nährstoffe im Kern einer bestimmten Frucht seien. Das Lustige daran ist, die Kerne der zum Verzehr vorgesehenen Früchte werden immer öfter weggezüchtet. Da freut sich die Nahrungsmittelergänzungsbranche, die Kosmetikindustrie, die Pharmaindustrie und jeder Psychologe. Dafür kann man jetzt Kosmetika kaufen, die Kerninkredenzien enthalten, um vor was auch immer geschützt zu sein. Wir sind so blöd, es tut wirklich weh. Aber stimmt ja auch. Warum soll ich eine gesunde, Kern enthaltende Frucht essen, die mich von innen schützt, wenn ich mir in einem schicken Laden, labellastig überteuerte Kosmetika kaufen kann und dafür in meinem sozialen Milieu wohler fühle.

Kennt jemand Eis mit rohen Eiern? Wisst ihr noch, wie das Eis schmeckt? Es ist das beste Eis, was man bekommen kann, zumindest für meinen Geschmack. Na ja, nur leider darf man keine rohen Eier mehr für die Eisherstellung verwenden, aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen. Da freut sich die Konvenient-Ernährungsindustrie. Anderen dürfte eher der Versuch eines großen Molkereiunternehmens bekannt sein, durch einen Gesetzesentwurf über den Schleichweg des Hygienegebots einem Großteil der kleinen und mittelständischen Käsereien die Käseherstellung in Frankreich zu verbieten. Die Franzosen haben sich glücklicherweise mit Erfolg gewehrt. „We feed the world“ weist auf all diese Probleme hin. Wenn Lobbyisten versuchen in kommunalen, nationalen oder internationalen Institutionen Einfluss zu nehmen, dann wird oft der Hunger, Hygiene oder Wirtschaftsentwicklung vorgeschoben, obwohl einfach nur Absatzinteressen dahinter stehen.

Ehrlich, wenn die Menschen sich so bescheuert ernähren wollen, sich nicht dagegen wehren und den ganzen PR-Müll schlucken, dann denke ich oft, sollen sie doch an der Ernährungsweise oder besser ihrer Gleichgültigkeit sterben. Es kann mir ja egal sein, wenn die sich systematisch vergiften durch ihre systemische Ignoranz.

Das Problem ist nur, wenn so viele so gleichgültig wie die Schafe auf der Wiese stehen und warten, bis der Fleischer kommt, bin ich natürlich auch davon betroffen. Denn die Schafe scheißen beim Warten auf den Wolf ja auf die Wiese. Und deshalb ist es mir nicht egal. Es kann einfach nicht sein, dass der natürlichere Weg sich zu ernähren, der teuere ist. Und was am schönsten daran ist, diejenigen, die diese ganze Maschinerie am Laufen halten, also unsere qualifizierteren Mitmenschen gehen dann zu Alnatura oder in einen anderen Ökoschick und gesund Laden und ernähren sich bewusst. Wie blöd muss man eigentlich sein, um die Auswirkungen auf die gesamte Nahrungsmittelindustrie und Agrarindustrie nicht zu begreifen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin nicht gegen gesündere Ernährung, aber sich in einem Milieu zu verkapseln, funktioniert einfach nicht. Alles fließt…

Kurz, wenn Ihr etwas mehr wissen wollt, dann kauft das Buch. Thematische Schwerpunkte sind z.B. Wasser als Lebensmittel, Aquafarming, Brot, Milch, natürlich Fleisch und die Zerstörung von Subsistenzwirtschaft durch die Industriestaaten via Monokulturen, Pestizideinsatz, neokoloniale Handelsabkommen sowie Subventionen. Es ist als zeitlicher Vorläufer von „Genfood – Das aktuelle Handbuch“ etwas weniger stark gegliedert. Erläutert aber umfangreicher und mit anschaulichen Beispielen, wie ignorant wir sind, uns so etwas gefallen zu lassen, von Lobbyisten, Politikern, Industrievorständen und PR-Maschinen, Auch scheinbar unbeteiligte Industrien, wie die Autoindustrie nehmen Einfluss auf unser Essen über Lobbyisten in Brüssel. Ob so etwas in einer Zeit, wo die Probleme immer gewaltiger werden, noch akzetabel ist?

Ein Glossar hilft ebenso beim Füllen etwaiger Wissenslücken wie schon in „Genfood – Das aktuelle Handbuch“. Und da ich lokalen Konsum für besser halte, kauft das Buch lieber bei einem kleinen Buchhändler, der freut sich. Amazon kann man leider nicht mehr empfehlen, denn Gewinne erzielt man über niedrige Löhne sagte schon David Ricardo.

Nachtrag: Das Buch „We feed the World“ ist leider vergriffen, aber wozu gibt es Flohmärkte, booklooker.de oder buch.de oder ähnliche.

We feed the World – Was uns das Essen wirklich kostet, Erwin Wagenhofer und Max Annas, 15x20cm, 192 Seiten, Klappenbroschüre, orange press, ISBN 978-3-936086-26-3, 20 Euro

Orange Press ist ein im Jahr 2001 gegründeter Sachbuchverlag, der unabhängig ist und unter anderen die Schwerpunkte soziale und ökologische Brennpunkte setzt. „We feed the World“ war 2006 der erste Bestseller von Orange Press.

Foto: Orange Press


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