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Eine der meist diskutierten Fragen des letzten Jahrzehnts, die nach Hungermachern, wird in diesem Buch konkret beantwortet. „Beeinflussen Rohstoffspekulationen Nahrungsmittelpreise?“ Wenn ich so suggestiv frage, dann muss die Antwort bei dem Titel von Harald Schumann natürlich ja lauten. Schumann hat sich umgehört und für Foodwatch ein Buch geschrieben, dass kurz und bündig die mantraartigen Argumente der Großverdiener an den Rohstoffbörsen widerlegt. Aber das Buch über Hungermacher geht wie viele Sachbücher über diese fachbezogene Lektüre hinaus. Funktioniert unser Gehirn noch einwandfrei?

Diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten, weder für Sie noch für mich. Aber wenn unsere Gier, ich rede mal von unserer Gier, denn die meisten Zeitgenossen sagen ja, ich würde es genauso machen, wenn ich die Chance dazu hätte. Also muss ich vom einfachen Kalkül des wirtschaftlich so denkbelasteten durchschnittlichen Mitmenschen ausgehen und sagen „Ich würde es nicht genauso machen.“ Aber viel Spaß beim Synchronpaddeln, denn Du bist nicht derjenige, der die Chance dazu hat. Wenn wir Politikern, Wirtschaftseliten und abhängigen Stiefelputzern erlauben, uns mit Luftblasen zu bezaubern, die natürlich durch judikative und exekutive Elemente schlagkräftig zum Flimmern gebracht werden, dann haben wir selbst schuld. Oder nicht?

Herr Schumann hackt sorgfältig auf dem Beifall heischenden „Status quo“, der von der Finanzindustrie mit Studien protegiert wird, herum, die aber durch zahlreiche Arbeiten hinreichend widerlegt sind. Oft zeigt sich, dass die angesprochenen Unternehmen selbst an irgendeiner Stelle zeigen oder publik machen, wie recht die Kritiker von Nahrungsmittelspekulation im nicht traditionellen Sinne der Absicherung gegen Preisschwankungen haben. Dass sich Rohstoffriesen wie Cargill, Bunge, Archer Daniel Midlands oder Produzenten wie der einheimische Bauer sich auch nicht gegen die Spekulation wehren, ist nur allzu verständlich, wenn die Preise zu Höhenflügen neigen. Zeigt aber auch, dass ihnen vielleicht ihr Ruf als Hungermacher egal ist. Die Großen gründen dann schon mal eigene Investmentbanken oder legen Hedgefonds und Ähnliches auf, fürs mehrfache Abkassieren. Infolge wehren sie sich nicht gegen die Spekulationen, die in ihrem ursprünglichen Kerngeschäft, dem Nahrungsmittelhandel und der Verarbeitung zuwiderlaufen. Denn die ursprüngliche Absicherung durch Warentermingeschäfte für Käufer und Verkäufer physischer Ware erzeugte Planungssicherheit für beide Seiten. Folglich unterstützen die großen Handelskonzerne die Finanzindustrie beim Lobbyismus gegen Einschränkungen bzw. Limits für einzelne Unternehmen, die von der amerikanischen Regierung geplant sind. Und wenn Politiker zufällig zu High-Roller-Bankstertreffen dazustolpern und mitblubbern dürfen auf der großen Illusionistenbühne oder artig olympionesk clownieren für die Reste, die Ihnen die Finanziers unserer nationalstaatlichen Bankrotts hinwerfen, braucht man keine Angst zu haben. Schulden sind schließlich für alle da und ein Perpetuum mobile für den Pöbel, der gehetzt von einem aufleuchtenden Spielfeld aufs nächste leuchtende Feld hüpft. „Leider wieder nichts gewonnen, bitte werfen Sie Kredit ein, um weiterspielen zu dürfen.“ Warum spielen Sie mit?

Das Buch ist in der Argumentation redundant geschrieben und vieles wiederholt sich öfter, damit man nicht ständig die Termini und Prozedere auf den Finanzplätzen bzw. Rohstoffbörsen vergisst. Zuerst ist man etwas genervt davon, aber mit dem sich entwickelnden Komplex aus immer zahlreicherer aufeinander gebauter Paradoxa und zunehmender Ignoranz von starken Argumenten durch Investmentbanker, Hegdefonds-Manager und Politiker sowie Lobbyisten war ich dankbar, nicht den Überblick und damit vielleicht das Interesse zu verlieren. Gerade die Erläuterungen zu den Widerständen gegen Veränderungen sind oft konkret fallbezogen und sprechen aktuelle Grabenkämpfe an. Ab einem gewissen Punkt fand ich es wie einen unendlich zu kauenden Plombenzieher, der aber leider nicht immer besser schmeckt und gleichzeitig die Kiefer schmerzhaft und zunehmend blockiert. Da Wut und Zähneknirschen aber nicht weiterhelfen, geht man also tiefer, denn einen Ausweg gibt es nicht bzw. das einen die Problematik nicht betrifft, ist doch recht unwahrscheinlich. Besonders wenn die EU mal wieder einfach irgendwelche Gesetze, Gesetzesvorlagen oder Ähnliches für die mangelnde Eindämmung der Finanzindustrie von den USA übernehmen möchte. Auch fällt einem in geschilderten Beispielen massiv die hochgelobte Rotation zwischen politischen und wirtschaftlichen Tätigkeiten in den USA auf, die zu Interessenskonflikten führt. Aber deshalb auch oft in Deutschland herbeigerufen wird. Muss das sein? Sind wir als Europäer so einfach, alles aus der Neuen Welt zu übernehmen, ohne uns dagegen zu wehren. Ich dachte immer die EU sollte als eigenständiges Gegengewicht zu anderen großen geographischen Wirtschaftseinheiten eigene Wege gehen. Da habe ich mich wohl auch für die anderen EU-Mitbürger geirrt.

Auch die Diversifikation der Kernbereiche für die Aktionäre bzw. die Kontrolle vieler beteiligter Wirtschaftssegmente, ob vertikal oder horizontal, ist beängstigend. Shell und BP sind beispielsweise die größten Rohölhändler, Raffineriebetreiber und Händler für Öl-Derivate, aber wen wundert es, auch im Finanzinvestment sind sie ganz groß im Spiel. Dass steigende Ölpreise auch Nahrungsmittelproduzenten beeinflussen, sollte jedem inzwischen klar sein. Und umgekehrt haben Morgan Stanley und Barclays Ölreedereien und Pipelineunternehmen, um als Enduser agieren zu können. Das ist bedeutsam für den Börsenhandel, da sie dann als Käufer und Verkäufer auftreten können und auf beiden Seiten, je nach Interessenlage, beliebig viele Positionen für Rohstoffe zeichnen können. Denn die Positionslimits sind seit Ende des letzten Jahrhunderts nichtig und haben so erst die Superzockerei auf den Rohstoffbörsen ermöglicht. Wie praktisch, denn als die Dotcomblase platzte und dann die als Immobilienblase getarnte Bankenkrise, konnte man schnell, wenn man die richtigen Leute kannte, sein privates Geld retten und weiter in den Rohstoffterminhandel leiten. Waren Sie dabei? Kannten Sie damals schon (2007) Henry Paulson oder jemanden aus der Vorstandsetage von Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch, der Bank of America oder ..? Zufällig werden immer die Kleinanleger ausgeraubt.

Ein anderes Problem sind institutionelle Investoren wie Pensionfonds, Versicherungen, Stiftungsverwaltern oder Vermögensverwaltern, die beispielsweise mit dem Geld des Durchschnittsbürgers (Pensionsfonds, Versicherer) massiv spekulieren und die Preise beeinflussen, da möchte man sich doch glatt gegen Versichern. Außerdem muss ich wohl noch einmal nachlesen, was Kartell und Interessenkonflikt bedeuten und ob es wirklich Kartellämter oder dergleichen gibt. Und seien wir mal ehrlich, je größer und je mehr Anteilsnehmer, desto geringer der Einfluss des Einzelnen und desto mächtiger die AGB, und desto eher werden die Pensionsfonds und Versicherungen ausgeraubt, durch die Könner der Finanzindustrie, die natürlich Geschäftsmodelle entwickeln, die auf die Schwächen der durchschnittlichen Akteure bauen. Zumal durch die Verquickung von Politik und Industrie können einige sehr smarte Geschäftsleute an die richtigen Informationen gelangen, die als Insiderhandel nicht legal sind. Da muss man schon mal mindestens 50 Mio. oder mehr einzahlen, um mitprofitieren zu können, in der Hochfinanz, die sich zufällig durch sehr gute Kontakte zu hochrangigen Politikern, Beamten definiert und auch in der Industrie hat. Und da gibt es natürlich auch keinen Insiderhandel, nur Insiderwissen. Dass zuerst die reichsten 5 Prozent in den USA verdienen, wenn seltsame beim Normalverbraucher Panik auslösende Ereignisse platzend weltweite Kreise ziehen, ist wohl kein Zufall. Im Übrigen reden wir oft viel zu abstrakt von Unternehmen, viel öfter sollte man direkt die Aktionäre angehen, die den Hals nicht voll genug bekommen.

Das Gute bei all dem Schlechtem ist die Tatsache, dass Foodwatch eine Kampagne mit dem Namen „Die Hungermacher“ 2011 ins Leben rief und auch in den USA sich über 50 Organisationen zur Commodities Markets Oversight Coalition zusammengeschlossen haben. Dabei sind Luftfahrtkonzerne, die massiv von realen Preisabbildungen abhängen, genauso wie die National Farmers Union, Spediteure u. a. Also gibt es Hoffnung, aber nur wenn wir uns anschließen und als Masse das Verbot von Kapitalanlagefonds zur Spekulation, vielleicht nicht nur im Rohstoffsektor durchsetzen, wäre viel gewonnen. Denn keiner hätte einen wirtschaftlichen Schaden, da diese Spekulationen keinen volkswirtschaftlichen Nutzen haben und denen, die auf diese Rohstoffe als Grundnahrungsmittel angewiesen sind, wäre geholfen.

Bevor ich das ganze Buch hier in Kürze runterschreibe, empfehle ich es Euch lieber. Es kostet 9,99 Euro und wer danach nicht kapiert hat, dass er was tun muss, ob als stinknormaler Milliardär und wahrscheinlicher Hungermacher oder exzentrischer RTL-Gucker und auch Hungermacher, dem ist nicht zu helfen oder er ist als glücklicher Stoiker in der Mitte der Gesellschaft angekommen, als Hungermacher?

Die Hungermacher – Wie Deutsche Bank, Allianz und Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren

Foodwatch-Buch, Sachbuch, Taschenbuch, Fischer Verlag, Erscheinungsjahr 2013, Preis (D) 9,99, (A) 10,30, SFR 14,90, glücklich auf FSC-Mix gedruckt.

Cover-Abbildung: Fischer Verlag


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