17665_S_reichholf_fin

Wenn die Begriffe Biodiversität oder auch Artenvielfalt in der öffentlichen Diskussion auftauchen, dann ist selbst eine regelmäßige Beschäftigung mit dem Thema kein Garant für die richtigen Worte in Gesprächen und manchmal ist man überfordert von der Vernetzung biologischer Phänomene mit unserem Leben. Vielleicht ist die zunehmende Differenzierbarkeit mit zunehmendem Wissen auch schuld. Jedenfalls sind Erklärungen, um das Thema zu erörtern, entsprechend stark reduziert. Es kann natürlich auch sein, dass ich damit überfordert bin. Deshalb freue ich mich über dieses Buch, auch wenn der Autor nicht unumstritten ist.

An diesem Werk über die Artenvielfalt gefällt mir besonders der direkte und sehr strukturierte Zugang zur Artenvielfalt und den Implikationen, die sich aus der Grundlage unserer Existenz, den Phänomenen der Evolution ergeben. Wahrscheinlich gefällt mir dieses Buch gerade weil Reichholf Evolutionsbiologe ist und entsprechend offen für die Artenvielfalt prozessiert.

Die Grundlagen der Artenvielfalt und der Verteilung auf der aktuellen Erde werden im ersten Drittel anschaulich erläutert. Die Probleme der Artenerfassung, der Schätzung der Zahl der Spezies auf dem Planeten, die Entwicklung von biotischer Diversität über die Zeit und in der jüngeren Erdgeschichte sowie die Funktionalität von Biodiversität für die -sphäre wird alles kurzweilig abgehandelt und erläutert. Reichholf bewegt sich auf hohem, aber gut verständlichem, populärwissenschaftlichen Niveau.

Im zweiten Teil, den ich für sehr wichtig halte, gerade für das Verständnis von der Notwendigkeit des Naturschutzes oder Umweltschutzes werden Strukturen von Leben im Raum und besonders wichtig Populationen in der Ökologie beschrieben. Wir alle kennen Details von einzelnen Tieren und in ihrem Verhalten, aber als Populationsexperten sind wir allgemein nur unter unseresgleichen unterwegs. Und erst wenn man Populationen versteht, versteht man räumliche Notwendigkeiten zum Artenschutz und die Konkurrenz zwischen verschiedenen Arten und Populationen. Das zerlegt Reichholf gründlich und allgemein verständlich über das Sterben und Aussterben im Zusammenhang mit den Gefährdungen der Vielfalt.

Hervorzuheben ist dabei die etwas zu kurze, aber trotzdem erwähnte Verantwortung von Reichen im pekuniären Sinne, die aus Spaß in vielen artenreichen Teilen der Erde ganze Populationen massakriert haben und auch heute noch glauben, besondere Rechte zu haben. Genauso gefällt mir die Kritik an der Nutzung von Naturschutzflächen unter wirtschaftlichen Aspekten bei gleichzeitigem Ausschluss von Naturfreunden oder -schützern aus den betroffenen Gebieten. Und der Generalverdacht, dass jede Art unter Schutz gehört, ist in unseren bzw. den industriell geprägten Gebieten Europas und Nordamerikas außergewöhnlich, aber in vielen anderen Regionen wie Indien und China eigentlich Erde normal, gerade auch aus religiösen Gründen und hat dort auch lange Zeit viele Arten bewahrt. Auch wenn derzeit durch den westlichen Konsumanspruch dort vieles auch im Argen liegt.

Die Überdüngung wird oft vergessen, wenn man von artenvielfältigen Standorten spricht, denn die sind selten geworden, weil zu viel Dünger gewollt und ungewollt vorliegt. Dass Städte weniger darunter leiden und entsprechend eine hohe Artenvielfalt zeigen, da hier nicht gejagt wird und teilweise eine hohe räumliche Strukturvielfalt vorliegt, ist positiv zu vermerken. Allerdings entbindet es uns nicht unsere Landwirtschaft gründlich zu überdenken, die Hauptverantwortliche für den Artenverlust ist. Die Viehzucht ist dabei ein Riesenproblem mit besonderem Gewicht auf die tropische Landgewinnung für die Rinderzucht. Auch hier greift Reichholf beherzt zu und argumentiert wider dem Handeln besseren Wissens.

Was mir nicht gefallen hat, war die etwas kurzsichtige und zu wohlwollende Betrachtung von Herr Grzimek, WWF und Konsorten, ist aber verständlich, wenn man die Freundschaft und jahrelange Zusammenarbeit vom Autor mit Grzimek betrachtet. Reichholf vergisst nämlich an dieser Stelle, dass viele Menschen durch die Naturschutzpolitik in Afrika und auch woanders vertrieben wurden. Gerade hier ist Herr Reichholf etwas paradox, denn einerseits redet er vom Zusammenleben mit Tieren und der Reduktion von Ängsten gegenüber Menschen, andererseits wurden durch Grzimek übereilte Handlungen und Einfluss ein althergebrachtes und kontingentes Zusammenleben von Menschen und Tieren verhindert.

Das Buch ist eines der besten interdisziplinären und nicht wissenschaftlich gehaltenen Kompendien für den Normalbürger, die ich zu dem Thema gelesen habe. Komplexität wird anschaulich heruntergebrochen und auf der populären Ebene analysiert. Realistischerweise weist der Autor auch auf die kommenden Artenverluste hin und gibt dennoch Hoffnung für die Zukunft, denn die Schwachstellen in der Naturschutzpolitik der meisten Länder sind hinreichend erkannt und Umweltgifte sind breit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Allein der Flächenverlust, die Überdüngung, die Qualität der zu schützenden Flächen und deren Vernetzung wird noch nicht hinreichend gestoppt, berücksichtigt bzw. umgesetzt und natürlich mangelt es wie immer an der gesetzlichen nationalen und inter- und transnationalen Implementierung. Er spricht Schwachpunkte an und vertritt auch populär Unpopuläres wie seine Bücher zu dem Thema Artenvielfalt allgemein zeigen.

Die anderen drei, in Bezug auf Artenvielfalt vorgestellten Bücher (Produktivkraft Natur, Die Messung von Vielfalt, Messung und ökonomische Bewertung von Biodiversität: Mission Impossible?) sind spezieller auf ein Thema zugeschnitten, was deren Qualität für Fachleute sicher erhöht, aber leider bei der Grundlage unserer Leben auch stark die Möglichkeiten einschränkt, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Wir benötigen aber breit in der Bevölkerung verankertes Naturschutzbewusstsein und je besser es unmittelbar und emotional mit unserem täglichen Leben einhergeht, desto schneller wird eine ökologische Transformation unserer Gesellschaft über das Biofeedback greifen. Die Möglichkeit den offenen Leser an genau der Stelle abzuholen, wo Emotionalität ihn agieren, aber nicht blind in Schwärmerei verfallen lässt, durch einen adäquaten Realitätsbezug, schafft Reichholf mit diesem Buch.

Ende der Artenvielfalt – Gefährdung und Vernichtung von Biodiversität, Forum für Verantwortung, Sach- und Taschenbuch, Fischerverlage, 9,95 Euro, 10,30 Euro (A), ISBN 978-3-596-17665-6


Subscribe to comments Both comments and pings are currently closed. |
Post Tags: ,

Browse Timeline


Comments are closed.


© Copyright 2007 GREENDELICIOUS . Thanks for visiting!