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Kürzlich habe ich den Werkzeugkasten aufgeräumt und ca. 25 Inbusschlüssel, auch Innensechskant genannt, gefunden. Obwohl ich keinen zusätzlich brauche, bekomme ich jedes Mal, wenn ich einen Schrank oder ein Regal kaufe, wieder einen neuen. Das ist psychologische Obsoleszenz, gepaart mit privilegiertem Zugang zu Ressourcen bestimmter Bevölkerungsanteile der globalen Gesellschaft. Wo bleiben all die Inbusschlüssel? Ich habe meine wieder mitgenommen und bei dem entsprechenden Unternehmen abgeliefert. Ich brauche nur einen Satz und auch den nicht aus der Packung des betreffenden Produktes. Das ist psychologische Obsoleszenz, denn der Käufer bekommt den Eindruck vermittelt, der Innensechskant sei nichts wert. Entsprechend unachtsam geht man damit um.

In der DDR oder auch heutigen, sogenannten Entwicklungsländern, hat man und wird nichts weggeworfen, da wurde und wird alles aufbewahrt, weil Mangel herrschte und herrscht an bestimmten Dingen. Das DDR-Modell wurde als Planwirtschaft beschimpft. Heute wird alles im schnellen Produktzyklus betrachtet. Es wird geplant, wie lange eine Produkt halten kann oder soll. Das ist auch Planwirtschaft. Entwertende Planwirtschaft, denn ein Überangebot an Waren, die wir nicht brauchen, zu einem Preis, der nicht den Schaden in der Umwelt widerspiegelt, den er anrichtet, erzeugt geplant durch Marketing, PR, Werbung und Finanzindustrie immer neue Bedürfnisse, die alte, oft noch nützliche Dinge, psychologisch entwertet, um einen neuen Kaufreiz auszulösen.

Joachim Deuß  und Cosima Dannoritzer greifen die Thematik des gleichnamigen Films „Kaufen für die Müllhalde“ von Frau Dannoritzer mit dem Buch noch einmal auf. Wir konsumieren mehr als 26-mal so viel wie zu Zeiten von Karl Marx. Wir haben in Mitteleuropa durchschnittlich 10000 Gegenstände im Haushalt. Wir kaufen und produzieren uns und unsere Umwelt kaputt. Wir unterliegen funktioneller Obsoleszenz, die Google Datenbrille wird ersetzt durch Datenkontaktlinse, psychologischer Obsoleszenz, die Datenbrille ist dann Oldschool und wird durch die nun gehypten Datenkontaktlinsen ersetzt. Allgemeiner, Neoliberale und Wachstumsapologeten reden über ThinkTanks anderen Interessengruppen allen ein, wir brauchen weiter Wachstum, das wiederum angeblich nur über Konsum generiert werden kann. Die dritte Form, qualitative Obsoleszenz ist, wenn in die Datenbrille Sollbruchstellen eingebaut werden oder Software, die regelmäßig upgedatet werden muss, damit sie weiter funktioniert. Nuancieren kann man das Ganze noch feiner, z.B. die psychologische Obsoleszenz in durch Überfluss erzeugte Obsoleszenz, durch sozialen Druck erzeugte oder durch ästhetisch erzeugte Obsoleszenz. Sie ist mit Abstand das Schwergewicht, denn wenn etwas absichtliche mit Sollbruchstellen ausgestattet wird, kaufen wir es irgendwann nicht mehr. Wenn etwas noch funktioniert, wird der Nutzer normal keinen Anreiz haben ein Substitut zu erwerben. Also muss es ihm eingeredet werden.

Männer hängen ja oft an alten T-Shirts, Jacken oder anderen Kleidungsstücken. Auch ich störe mich nicht an belanglosen Schäden. Aber stören sich andere daran? Diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, dass billig bei H&M, Zara oder Zalando scheinbar vermeintlich für das Überleben notwendige, aktuelle Kollektionen zu bekommen sind, schauen sicher irritiert, wenn ich oder andere Zeitgenossen mit optisch leicht lädierter, aber funktionell einwandfreier Kleidung auftauchen. Man wird vielleicht sogar mitleidig betrachtet. Es sei denn, man kauft von vornherein künstlich erzeugten Vintagelook, am besten mit grünem Siegel. Das ist so cool. Meine Frau hat sich jetzt öfter bei alten Kleidungsstücken durchgesetzt und ich habe sie durch neue ersetzen dürfen. Das nennt man über sozialen Druck erzeugte Obsoleszenz. Wäre auch doof, wenn man heute noch einen alten Ford T fahren könnte, der nur auf E-Betrieb umgerüstet wird oder per Tretkurbel angetrieben wird. Oder wo kommen wir da hin, wenn das Handy keinen Farbdisplay hat.

Ich bin öfter mal auf dem Flohmarkt. Und dort kaufe ich kaum etwas, denn die meisten Dinge sind schon nach 1950 hergestellt, d.h., meistens ist es keine gute Qualität mehr. In der Stellmacherei unserer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) gab es eine Abrichte, einen Dickenhobel und eine Fräse, die waren vor dem Ersten Weltkrieg hergestellt worden und es wurde immer noch damit gearbeitet. Sicher, die Sicherheitsaspekte sind vielleicht suboptimal zu sehen, aber ich weiß von zwei Ex-Kommilitonen, die in der Tischlerei gearbeitet haben und auch Teile von Fingern verloren haben, wie auch der alte Tischler in der LPG. Aber offensichtlich bieten die neuen Fräsen, immer noch Gelegenheit sich zu verletzen. Da nützen all die tollen Accessoires, die ich vor zwei Wochen auf der Ligna gesehen habe nichts. Vielleicht haben die Ex-Kommilitonen aber auch Sicherheitsvorschriften verletzt. Ich weiß es nicht. Aber jeder Handwerker der alle Hände vollständig hat, ist schließlich auch ein vollwertiger Konsument. Vielleicht liegt auch daran, dass die Produktivität zu hoch ist oder wir ganz viel erleben wollen, in möglichst kurzer Zeit. Dann ist die Informationsdichte u. U. zu hoch und es passieren Unfälle. Das denke ich oft, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin und von Autos als geplant obsoleszent angesehen werde. Ich versuche mir das mal vorzustellen.

Man kann ja schnell noch zum Laden X, um zu Pfingsten Produkt Z und A zu kaufen, schließlich braucht man es dringend zur Ablenkung von was auch immer. Also rein ins Auto und schnell mal in zweiter Reihe oder auf dem Radweg geparkt. Mir ist nämlich eingefallen, ich muss auch noch zum Bäcker, das alte Brot schmeckt ja nicht mehr und ein Teil des Obstes und Gemüses ist auch schon im Kühlschrank vergammelt, weil ich keine Zeit habe, es mir im Alltag zuzubereiten. Ja, die Milch ist auch schon überfällig und ist das nicht Magazin X, dass meine Frau so gerne liest, weil dort immer die neuesten Trends gezeigt werden. Na ja das Cover sieht genauso aus wie die Zeitschrift daneben, aber egal, Hauptsache man ist dabei und kann mitreden. Also rein damit in den Korb. So jetzt noch schnell in den Blumenladen und etwas Blumenerde aus dem ökologisch wertvollen Torfmoor besorgt und einen Strauß kenianischer Blumen für meine Partnerin, obwohl neulich habe ich was über virtuelles Wasser gehört und die damit einhergehende Zerstörung afrikanischer Fauna und Flora in Seen. Ach ich habe es eilig, jetzt aber her damit und weiter. Verdammt, ich wollte noch neue Druckerpatronen kaufen, die sind auch ständig leer. Ich wunder mich immer, warum der Drucker ständig so lange braucht, bis er anfängt zu drucken. Muss wohl mal ein neuer her, der macht es nicht schnell genug oder ist nicht einfach mehr auf der technologischen Höhe.

Sch…, Sch…, Scheiße, was ist denn das? Wo ist mein Navi und mein Autoradio? Das ist ja dreist, da klauen mir die am helllichten Tag, mitten auf der Straße (Parken in 2. Reihe), meine ganze technische Sensorik und Infotainment. Ist alles modular aufgebaut, also gut schnell ausbaubar und die Software ist ja schnell geknackt, abgesehen von der Alarmanlage, die hätte doch…? „Hallo Schatz, ich komme später, unser X9 wurde aufgebrochen und das Navi und das Radio fehlen, ich fahr noch mal in die Werkstatt. Kannst du schon alles einpacken, was wir so für die nächsten 2 Tage brauchen? Super bis gleich, ich beeile mich.

Verflucht, da erzählt mir der Werkstattleiter, dass es nichts vor Mitte nächster Woche wird. Das kann doch nicht so schwer sein, einfach ein Navigationsgerät und ein Radio nebst Konsole mal fix einzubauen. Gottseidank haben wir noch den X8, obwohl es ja schon eng wird, mit drei Personen für drei Tage im Pfingsturlaub. „Hallo Schatz, ich muss mit dem Taxi kommen, das Auto bleibt in der Werkstatt, wir müssen Deinen Wagen nehmen, ich bin in einer halben Stunde da. Bis gleich. Was? Windeln brauchen noch, Papertowels und Kleenex, ja gut, ich brauche sowieso noch Rasierklingen, dann bin ich in einer 3/4 Stunde Zuhause. Ja, kein Problem, dann kommen wir eben erst gegen 22 Uhr im Hotel an. Windeln machen über 20% des Mülls in Deponien aus, wieder mal die funktionelle Obsoleszenz. Warum sich mit Waschvollautomaten quälen, wenn man aus den Augen aus dem Sinn spielen kann? Was, das kann nur ein Mann sagen? Warum? Wer hat die Waschmaschine erfunden? Männer. Liegt hier ein Problem in der Wertschätzung komplementär notwendiger, in der öffentlichen Wahrnehmung nicht oft ankommender Hausarbeit durch den Partner vor? Gibt es eine psychologische Obsoleszenz für bestimmte Bevölkerungsanteile? Wenn man arbeitslos ist, dann ist man exkludiert, weil man kein vollwertiger Konsument mehr ist. Aber dafür gibt es Lösungen, man verkleinert die Packungsgröße und verdient relativ noch mehr an den vorläufig Aussortierten. Zwangsläufig muss dann der Absatz auf andere Märkte ausgeweitet werden, damit die Firma weiter wachsen kann. Je schneller und aggressiver desto besser. Wo kommen wir denn dahin, wenn nicht gewachsen wird. Moment mal, ist wachsen nicht ein biologisches Phänomen? Oder doch ein Wirtschaftliches? Ich bin verwirrt oder doch nicht. Die Ressourcen sind biologischen Ursprungs, aber die Wirtschaftstheorie ist naturwissenschaftlich nicht daran gekoppelt? Gott sei Dank gibt es Monsanto, Syngenta und BASF, Pioneer Hi Bred usw, die Samen/Pflanzen/Organismen entwerten, psychologisch und funktionell sowie qualitativ. Was, diese Pflanze funktioniert nur mit Glyphosat, Blödsinn diese Pflanzen funktionieren nicht mit Glyphosat, weil sie nicht von uns genetisch verändert wurde. Was die Natur sich dabei nur gedacht hat? Heute schon ihr Genom getestet, auf psychologische Obsoleszenz? Kauft Gentests und minimiert Euer Risiko mit Nahrungsergänzungsmitteln und im Fitnessstudio. Dann könnt Ihr 140 Jahre alt werden, aber nichts dabei mitbekommen, vor lauter Kauferei.

Das Buch ist das bisher beste, was ich von Orange Press gelesen habe. Denn es zeigt, woher unsere Leiden kommen bzw. ob wir unserer Leiden überhaupt gewahr werden möchten. Leider ist es etwas teuer, aber wir können es ja untereinander ausleihen, tauschen, darüber erzählen und uns über die geplante Obsoleszenz oder die Obsoleszenz allgemein ärgern, austauschen und gemeinsam Lösungen aus dem Dilemma suchen.

Kaufen für die Müllhalde
Das Prinzip der Geplanten Obsoleszenz
 
von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer 
15 x 20 cm, 224 Seiten, Fadenheftung, broschiert € 20,- (D),
€ 20,60 (A), SFr 27,50 (CH), ISBN 978-3-936086-66-9

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