Leben, Werk und Wirken des Hans Carl von Carlowitz

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist immer fragwürdig, weil offensichtlich plakativ Legion in Politik und Öffentlichkeit. Deshalb ist dieses wunderbare Buch anlässlich des 300 jährigens Jubiläums des Erscheinens der „“Sylvicultura oeconomica…“ von Hans Carl von Carlowitz veröffentlicht. Und mit Sicherheit hat der Begriff Nachhaltigkeit nach der Veröffentlichung durch Hans Carl von Carlowitzs Ausführungen eine kulturspezifische Wiedergeburt für Europa, zumindest in der deutschen Forstwirtschaft erfahren. Der Begriff Nachhaltigkeit wurde aber auch erst notwendig durch die Vorboten der Industrialisierung wie der Verhüttung von Erzen und dem Machtanspruch absolutistischer Herrscher, die für ihre Flotten ganze Wälder abholzten. Außerdem wirkte auch der   30 jährige Krieg (1618-48) nach. Wobei ich bei diesen auch fragen darf, ob nicht die Maßlosigkeit mit der absolutistische Vertreter auftraten, zu dem heute so beliebten gottgleichen Anspruch bestimmter Bevölkerungsanteile beigetragen haben.

Als kritischer Beobachter fiel mir sogleich die adelige Herkunft derer von Carlowitz auf. Und damit unsere Verantwortungseliten, die sich der Moral ihres Fressens erst bewusst werden, wenn die als natürlich subaltern geordneten Schichten nicht mehr so obrigkeitstreu, sondern selbstbewusst, auftreten wie beispielsweise das Bürgertum in der Aufklärung. Aber lasset uns itzo über Nachhaltigkeit berichten bzw. über diejenigen, die sich mit dem Buche über dasselbige Thema der Nachhaltigkeit auslassen und denjenigen, die sich vielleicht mangels Gelegenheiten nun nach genauerer Information umsehen möchten.

Das Buch hält für jeden Gewillten etwas bereit. Die Autoren ergötzen den Nachhaltigkeit Suchenden in diversester Weise und regen fortan sich mit dem Thema ergiebiger als ehedem auseinanderzusetzen. Umso mehr fiel meinem Geiste der Spaß auf, der ihn befiel sobald bestimmte Kapitel sich vorübergehend seiner bemächtigten. Dies soll kein Vorurteile demjenigen gegenüber sein, der mich durch seine Schreibe nicht unmittelbar zu begeistern wusste, sondern sei meinen eigenen Ressentiments geschuldet, die durch meinen bisherigen Weg gezeichnet sind. Obschon jedes Kapitel sehr ergiebig sein kann, wie ein gesunder Wald quasi nachhaltig, ließe man ihn, so käme meiner beschrankten Weisheit nicht zu Sinnen, was ich hätte wohl besser gestalten können oder mögen. Darum allen Schreiberlingen des Buches meinen ausführlichsten Dank, die Nachhaltigkeit ihrer Ausführungen sei nun immerfort und perpetuierlich, ob denn bewusst oder unbewusst in meiner Geschichte verewiglicht.

Angetan bin ich deutlich von den Gedanken von Wolfgang Haber, der mir Unvollständigkeiten aus den Assoziationen der Vergangenheit zu einem, wenn nicht geschlossenen Ganzen, so doch zu einer freundlichen Annäherung an die Toleranz gegenüber den im Kontext gefangenen, aber ökonomisch Emsigen, unserer Zeit verhalf. Felix Ekardt, der mir Ungereimtheiten bezüglich meines Verständnisses von Menschlichem und Allzumenschlichem durch scheinbar ethisch-rechtliche Monolithen in der Gesellschaft unbewusst aufbereitete und mich noch stärker hinführte zu einem kolloborativen Ansatz die Naturwissenschaften nicht länger aus dem wirtschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen wie es im Jahre 2013 noch der Regelfall ist. Und Ulrich Grober sei bedacht mit meinem Dank einen sehr guten historischen Katechismus zur Nachhaltigkeit verfasst zu haben, als Alternative zur Folksonomie unserer Medien und der Politik, immer angelehnt an Hans Carl von Carlowitz.

Wer darüber hinaus über die von Carlowitz erfahren möchte, erfährt einiges. Besonders fiel mir ein moderner Gedanke auf, in einer Zeit, die Kolonialismus als Lösung für die Gier weniger darstellte. U. Grober stellt ihn hervor als Absage an den Kolonialismus, denn Carlowitz lehnt die Unterwerfung fremder Provinzen ab, um Ressourcen für den täglichen und nachhaltigen Bedarf bereitzustellen. Und Grober greift natürlich auch die Inhaltsleere auf, die auftritt, wenn alle nur von Nachhaltigkeit reden. Deshalb ist die Diskussion darüber und Definitionen im täglichen Agieren unumgänglich.

Ein geschichtlicher Abriss des Leitmotivs der Nachhaltigkeit als Begriff, warum Carlowitz trotz seines Wirkens und Werkes kaum in der Öffentlichkeit präsent erscheint, erfolgt durch Günther Bachmann. Und die Analogien sind nicht einzig bei Bachmann frappierend, wenn auch durch die Beschäftigung und die Fokussierung auf Nachhaltigkeit via Carlowitz quasi eine Selbstprophezeiung inhärent ist.

Man erfährt, woher der Holzmangel stammt und die Erfahrungen, die Carlowitz von und über Menschen z.B. wie Colbert, dem Minister des Sonnenkönigs, in eine eigene Fortwirtschaft als sächsischer Oberberghauptmann umsetzte und ein Jahr vor seinem Tode als „Sylvicultura oeconomica oder haußwirthliche Nachricht und naturgemäße Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ veröffentlichen ließ.

Bachmann führt ein wunderbares Argument an, Zählen, was man wirklich hat, was ganz klar auf eine Erhebung der nachhaltig entnehmbaren Biomasse für unsere Bedürfnisse hinzielt und nicht auf sinnfreies Wachstum der Geldmengen, die einen nicht zurückzahlbaren Kredit auf unsere Zukunft, in Form von lebendigen Ressourcen darstellen, und deutlicher, unsere Zukunft akut bedrohen.

Die Erfindung der Nachhaltigkeit jedoch dem Hans Carl von Carlowitz zuzuschreiben ist nicht ganz gerechtfertigt wie Harald Thomasius in seiner Rezension der Sylvicultura oeconomica feststellt. Trotzdem hat Hans Carl von Carlowitz zweifellos seine erwähnenswerten Verdienste für die deutsche Forstwirtschaft, denn die Sylvicultura oeconomica stellt zumindest ein erstes Kompendium, wenn auch notwendigerweise ein unvollständiges, der Forstwirtschaft dar und gab somit Anregung für Zeitgenossen und folgende Generationen sich intensiver mit der Thematik zu befassen.

Die vierzehn Kapitel, oder Artikel wer so will, sind sehr dicht geschrieben und erhellen viel unübersehbar Notwendiges für die Zukunft eines jeden von uns. Aber die Schnittmengen aus den einzelnen Artikeln bilden die jeden manchmal überfordernde Opazität ab, die sich aus einer eingehenden Beschäftigung mit der Nachhaltigkeit zwingend ergibt. Das erscheint vielleicht trivial, ist aber in seiner Konsequenz das scheinbar informelle biologische Netzwerk, in dem und von dem wir leben und das uns auf der Erde hält. Ich persönlich finde viele Gedanken wieder und habe beim Lesen oft innegehalten, um nachhaltig Möglichkeiten für eine positivere Zukunft zu erkennen und zu verwerfen und ab und an auch umsetzen zu können.

Ehrlicherweise habe und hatte ich Vorbehalte gegenüber Adeligen, aber warum sollten ihre Gedanken und Erfahrungen nicht auch wertvoll sein, und wenn auf diesem Wege mehr Bewusstsein für und in der Öffentlichkeit geschaffen wird, warum sollte ich die Anregungen und Erfahrungen nicht nutzen. Die Besetzung von Ressourcen durch scheinbar auserwählte und ehemalige und aktuelle Räuber ist genauso unsinnig wie nicht zu akzeptieren, dass die Vergangenheit vergangen ist. Auch das erscheint vielleicht trivial, aber ein von mir wahrgenommenes, oft zu „linkes“ Denken, blockiert zusammen mit unserem gekränkten historischen Egoismus und kognitiv nachlaufendem bildungsbedingten Stolz doch die Innovation in unserer Gesellschaft, genau wie die reaktionären Kräfte, die von der Vergangenheit weiter zehren möchten, aber durch sozialen Spannungsaufbau weder uns noch der Umwelt dienlich sind, auf einer definitiv endlichen Ressource wie der Erde.

Das Buch gefällt mir abschließend sehr gut. Man findet mit den unterschiedlichen disziplinären Einschlägen viele Fingerzeige für weitere Selbsterkenntnis aus dem umfangreichen Netzwerk an Infos durch die Expertise der sehr unterschiedlichen Nachhaltigkeitsspezialisten. Und auch der etwas reißerische Titel wird in mehreren Beiträgen infrage gestellt, ohne gleich die Verdienste einzelner wie Cotta, Hartig oder von Carlowitz für die Entwicklung einer nachhaltigen Forstwirtschaft in deutschen Landen zu schmälern. Roderich von Detten zerlegt sehr schön, die ursprünglich ehrenwerte Absicht ökonomisch mit dem Walde umzugehen und argumentiert auch sehr interessant gegen die Überhöhung der Finanzwelt. Sowie deren Entkoppelung von produktiven Branchen, um nicht zu sagen gegen eine weitere Entwertung der Ressourcen und über die Zunahme des Reichtums und historisch damit verbunden der Macht weniger durch die Privatisierung weiterer Bereiche der gemeinschaftlich geschaffenen und sozialen Strukturen, ob nun physisch oder psychologisch. Der Preis erscheint mir durch die Expertise, die geboten wird, gerechtfertigt.

Die Erfindung der Nachhaltigkeit – Leben, Werk und Wirkung des Hans Carl von Carlowitz, Paperback, 24,95 Euro

Sächsische Carlowitz-Gesellschaft (Hrsg.), oekom verlag München, ISBN-13: 978-3-86581-415-9, 288 Seiten


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