Schlaue Netze

Die Autoren von „Schlaue Netze – Wie die Energie- und Verkehrswende gelingt“ gestern erschienen bei Oekom Verlag, Weert Canzler und Andreas Knie greifen nach den vermeintlichen Sternen der Mobilität, die dem deutschen Bürger wie Heilig Abend selbstverständlich erscheinen. Dem zentralen Nexus des Alltags vieler Bürger, dem durch fossile Brennstoffe betriebenen Auto. Und sie greifen danach um es runterzuholen auf die Erde, um realistisch die Zukunft des Autos im Schulterschluss mit der Energiewende zu betrachten.

„… Städter bewegen sich zu einem wachsenden Anteil bereits heute multimodal …“ Wie ich auch. Ich fahre Rad, selten Auto und wenn es sein muss DB oder regionale ÖV. Und der Anteil der Autonutzung geht zurück. Multimodal bedeutet auch weniger zentralistisch steuerbar. Die Integration dieser Multimodalität hängt von der Verkehrspolitik ab, wird aber oft schon von findigen Mitmenschen umgangen. Leider sind trotzdem in den Städten immer noch lediglich 15% per Bus und ÖV unterwegs.

Die verzweifelten Versuche der Autoindustrie mit neuen, sicher auch berechtigten, wenn auch immer erst sehr spät E-Mobil-Konzepten in Serie zu gehen, sprechen eine deutliche Sprache. Gerade wird ein Riesenhype um den BMW i3 gemacht, als wäre ein Heilsbringer vom Himmel herabgestiegen. Es wird BMW zugutegehalten, dass sie ein wenig mehr als die anderen deutschen Autohersteller für die E-Mobilität tun. Aber seien wir mal ehrlich, ab einem gewissen Alter ist man der Naivität entwachsen, dass BMW ein Vorreiter sein soll, zumindest was grünes Verhalten betrifft, denn die Strategie ist auch bei BMW, die Vermarktung über Individualität. Und nur weil man ein paar Hightech-Materialien in den i8 packt, damit er leichter wird bzw. auch als Supersportwagen verkauft werden kann, ist die Ökobilanz noch lange nicht besser. Und BMW kann auch gar nicht anders. Der größte Markt für deutsche Autohersteller, der chinesische und man darf das auch für den zukünftigen Riesenmarkt Indien erwarten, hat kürzlich im Mai über Regierungsvertreter bekannt gegeben, dass Autos in China nur eine Zukunft haben, wenn sie elektrisch sind.

Der Prosumer, also Produzent und Konsument  in einem, wird die Zukunft durch seine über Informationsplattformen geführten Präferenzen nicht aus der Hand geben und sich weiter individualisieren. Aber eben nicht mehr über das Auto bzw. wesentlich pragmatischer damit umgehen. Reboundeffekte, ein schönes Modewort für negative Rückkopplung, fressen die meisten Effizienzgewinne durch Innovationen sowohl im Energiesektor wie auch im Verkehrssektor auf. Denn nur das gleiche Auto in Grün erlöst nicht unsere überlastete Infrastruktur von der Verdichtung. Wieso muss ich meine öffentlichen Räume von Autos zustellen lassen? Kosten internalisieren heißt in diesem Kontext Auto fahren wird teurer.

Die Rennreiselimousine, das Pendant zur Eier legenden Wollmilchsau, im Verkehr, wie wir sie kennen, hat keine Zukunft. Denn Großteile der Kohlendioxid-Emmissionen werden durch den Verkehr verursacht. Über 750 Millionen Fahrzeuge auf den Straßen weltweit sprechen eine deutliche Sprache. Weitere Versiegelung von Flächen für automobile Infrastruktur kann nicht die Lösung sein. Der Abbau von Privilegien für private Autos oder Nutzung von SUV als Firmenwagen und die Einbeziehung des Verkehrsektors als einem der großen Emittenten in den Emissionshandel, obwohl der natürlich einer generellen Verbesserung und Wiederbelebung bedarf, leider, wird ein schwieriges aber notwendiges Thema sein.

Sind die Verdrängungseffekte, die wir über Automobile durch höhere Freiheitsgrade für unsere Eigenzeit und unseren Eigenraum erkaufen, noch hinnehmbar? Die mentale, technische und institutionelle Reorganisation unserer Gesellschaft weniger zentral gesteuert und weniger zentralistisch organisiert ist auch im Energiesektor nur mit einer synchron verlaufenden Umwälzung des Verkehrssektors zu erreichen.

Die fossile Grundlastfixierung in Politik und bei den großen Energieversorgern wird ebenso konstruktiv kritisiert wie die Trägheit der  öffentlichen Verkehrsunternehmen, die sich oft hinter der staatlichen Daseinsvorsorge verstecken.

Um all diese Probleme zu lösen sprechen die Autoren über schlaue Netze, das ist nichts Neues. Wer Jeremy Rifkin’s „Die dritte industrielle Revolution“ gelesen hat oder sich generell mit virtuellen Umgebungen beschäftigt, wird insofern nicht überrascht. Auch Smart Grids sind dafür ein mittlerweile eingeprägter Standard. Aber die Auflösung gepaart mit Kürze des Büchleins für die deutschen Lande ist sehr gut, wobei die globale Perspektive eingangs nicht außer Acht gelassen wird. Gerade die Diskussion um die Energienetze bzw. deren Ausbau, damit die Schwankungen bzw. die Speicherung der regenerativen Energien besser gelingt, wird hierzulande heiß geführt. E-Mobilität, dezentrale Energiegewinnung und intelligente Software, die über zahlreiche API verfügt, um lokale oder regionale Versorgungsschwankungen abzusichern, könnten die zentralen Probleme durch eine zu starke Zentralisierung in der Vergangenheit lösen.

Dazu ist aber ein ordnungspolitischer Rahmen notwendig, der die vielen kleinen informellen Gruppen, die heutzutage bilden und die sehr kreativ an die Lösung der Schwierigkeiten herangehen, vor dem reaktionären Lobbyismus der großen Konzerne und administrativen blockierenden Clustern innerhalb Deutschlands und der EU schützt und gleichzeitig weitere Anreize setzt. Warum sollten nicht viele kleine Batterien sinnvoller sein als große und anfällige Speichersysteme, die wiederum auch als Drohgebärde der jeweiligen Eigentümer eingesetzt werden können und weitere Sperrfelder für eine Reform unserer Wirtschaft darstellen. Trotzdem werden bestimmte sichernde große Einheiten notwendig sein, aber die Zunahme der EE nach Fukushima zeigt, dass wir viel schneller bei der Umsetzung sind als geplant. natürlich darf man die soziale Komponente nicht vergessen, die gerade derzeit in Deutschland im Diskurs läuft, nämlich die Frage nach den Gewinnern und Verlierern und dem Sinn und Unsinn, der zum Teil mit Fotovoltaik und Windgeneratoren betrieben wird. Denn nicht jeder Standort ist sinnvoll und bei weitem nicht alle profitieren. Man denke nur an die Subventionen, die unsere Bauern aus dem Agratopf erhalten haben und nun fassen sie in den Topf der Wind- bzw. Sonnenkraft Deutschlands.

Arbeitsplätze könnten zuhauf generiert werden und man darf die bereits gut ausgebildeten Menschen im Land auch nicht unterschätzen, die durchaus in der Lage sind sich in anderen Branchen einzuarbeiten und innovative Transferleistungen abzubilden in den neuen Arbeitsfeldern.

Und so wie Grenzkosten für die Verteilung von Informationen sehr gering sind, so gering können die Grenzkosten für Energie auch werden, wenn wir akzeptieren, dass die regenerativen Energien sind, was die Ökologie lokal zu leisten imstande ist. Wenn Organismen in den Überschuss gehen, dann wandert der Überschuss in die nächsten Trophieebenen, die in unserer Wirtschaft Unterversorgung in anderen Regionen sein können. Aber der Überschuss schädigt lokal nicht oder verlagert die Schäden, räumlich bzw. zeitlich im Gegensatz zu den zentralen noch dominierenden Strukturen unserer Zeit. Und auch wenn die interregionale Rückfalloption nur eine Sicherheit darstellt, zahlen alle für diese Sicherheit, auch diejenigen, die sich komplett selbst mit Energie versorgen. Ob wir ein übergeordnetes Stromnetz brauchen, weiß ich nicht, denn die Kontrolle des übergeordneten Stromnetzes bedeutet bei Smart Grids auch Einfalltore für moderne Raubritter. Andererseits muss man im Zusammenhang mit dem Status der Natur aktuell, vielleicht Inkaufnehmen, dass wir einige Regionen aus Gründen des Naturschutzes in Ruhe lassen mit dem Aufbau weiterer wirtschaftlich nicht notwendiger Infrastruktur. Ich denke da an touristisch erschlossene, aber noch nicht zu sehr versiegelte Gebiete, die dafür andere Leistungen im Regional- oder Länderverbund erbringen, z.B. Erholung von den wirtschaftlich verschmutzten Gebieten oder ein Emissionshandel, der in der Übergangszeit zur Vollversorgung mit regenerativen Energien einen Ausgleich bietet. Innovationen könnten in Zukunft zudem auch jetzt noch unterversorgte Regionen ökologisch angepasst mit Energie versorgen.

Smart Grids sind nur eine Übergangsphase, bis wir in der Lage sind, die Welt mit einer angenähert biosphärischen Informations- und Energiedichte zu verstehen und entsprechend zu handeln. Und diese intelligenten Netze mit den EE zu verbinden, geeignete Marketingmodelle bzw. Abrechnungsmodelle für die vielen Beteiligten zu entwickeln oder die Volatilität der EE einzubinden bzw. sich dagegen abzusichern wird völlig neue Formen von Versicherern auf den Plan treten lassen. Aber das Ganze ist positiv zu sehen, es gibt jede Menge Arbeit. Und wer sich entscheidet dieses Büchlein zu lesen, bekommt einen sehr guten Überblick und jede Menge Anregungen und schon sehr entwickelte Szenarien wie die Energie- und Verkehrswirtschaft der Zukunft und damit sogar sein Arbeitsleben aussehen kann, und möchte es vielleicht bei entsprechender Leidenschaft aufregender zu gestalten oder wird sich sogar als Pionier herausstellen.

 

Schlaue Netze – Wie die Energie- und Verkehrswende gelingt
 Weet Canzler, Andreas Knie

136 Seiten, oekom verlag München, 2013

Preis 9,95 Euro, auch als e-Buch erhältlich
ISBN-13: 978-3-86581-440-1

Abbildung: Oekom-Verlag


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