Oft, wenn ich über greendelicious spreche, vermeide ich das Wort Nachhaltigkeit und wenn ich Nachhaltigkeit sage, dann ärgere ich mich zuweilen. Denn dieser Begriff ist ein Plastikbegriff oder ein Gummiwort. Man findet ihn bei Google über 9,5 Millionen mal (Stand 20.49 am 26.07.2013). Warum eigentlich?

Wir sind rund 7,166 Mrd. Menschen (Stand 17.07.2013). Jede Sekunde kommen zwei Komma sechs Erdenbürger hinzu. Und jeder Mensch, der mit dem Begriff Nachhaltigkeit in Berührung gekommen ist, versteht vielleicht das Gleiche.
Interpretiert aber mit Sicherheit nicht dasselbe. Es kommt natürlich auf den Kontext an. Aber wer kann in einem Satz sagen, was Nachhaltigkeit ist, die jedem deutschsprachigem Mitteleuropäer passt, als Kompromiss im besten Fall.
Und im Alltag entscheiden wir fallweise, ob wir Nachhaltigkeit berücksichtigen oder nicht. Jeder hat in Bezug auf Nachhaltigkeit verschiedene Präferenzen.
Mein Name ist Legion, denn wir sind viele, ist der ursprüngliche Satz des Titels. Der vorhergehende Satz stammt aus der Bibel, genauer vom Dämon von Gadara, der eigentlich viele Dämonen war. Und unsere Bedürfnisse kann man als fallsensitive Dämonen sehen.
Wir wollen dies, brauchen das, schreien nach jenem, beschweren uns weil wir das nicht bekommen und bemühen uns auch den anderen Dämonendompteuren, unseren Mitmenschen gerecht zu werden oder strecken die Ellenbogen raus, damit wir dieses außergewöhnliche oder jenes iterativ profane bekommen. Und auch ich bin natürlich nicht immer nachhaltig, jederzeit in jedem Kontext. Allgemeine Handlungsunfähigkeit wäre die Folge.
Ich rede nicht gern über Nachhaltigkeit, ich versuche auf genauer definierte Felder auszuweichen. Das macht die Sache einfacher, aber auch schwieriger. Einfacher für mich, weil ich mich in einem definierten Rahmen besser bewegen kann, schwieriger, weil man damit themenfremde Gesprächspartner vielleicht überfordert. Aber wie ein Politiker möchte ich ebenso wenig klingen. Nachhaltigkeit ist erschreckend evident und doch schon wieder ein totes Thema, wie ich neulich zu hören bekam, als ich das Thema Nachhaltigkeit doch mit dem Terminus Nachhaltigkeit anschnitt. Zuerst war ich irritiert und später ist mir klar geworden, dass die Person mit der ich sprach, keinen Kontakt mit dem Thema hatte, sondern nur Headlines in den Medien wahrnahm. Ich war etwas irritiert, wie konnte so etwas jemand sagen, dass das Thema Nachhaltigkeit schon durch sei.
Aber es ist nur logisch, dass man hin und wieder eine Kalibrierung braucht, um sich bewusst zu werden, dass sich nicht jeder Mensch Alltag um Nachhaltigkeit wie ich sie verstehe, dreht ständig die Perspektive, prüft die Gegebenheiten. Und es kann auch frustrieren, wenn man sofort sieht, bei einem genaueren Blick, was eben nicht nachhaltig ist.
Die meisten Menschen sind nur nachhaltig an Sicherheit interessiert, bis auf ein paar Adrenalinjunkies. Aber auch die brauchen die Gewissheit des nächsten Adrenalinstoßes. Gehen also wie „Normalbürger“ nachhaltig sicher zu Werke, um auch in Zukunft sicher den nächsten Kick zu bekommen.
Nachhaltigkeit, drei Definitionen habe ich dazu herausgesucht.
• EU-Kommission:  Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
• Deutschland Bundesregierung:  … Vom Ertrag – und nicht von der Substanz leben. Jede Generation muss ihre Aufgaben lösen und darf sie nicht Nachkommenden aufbürden.
•Ekardt, F.: … die politische, ethische, rechtliche Forderung nach intertemporaler und globaler Gerechtigkeit.
Die Schwierigkeiten beginnen sofort. Die erste Definition stammt von der EU-Kommission. Und sofort dachte ich, wer weiß was die nächsten Generationen wollen, vielleicht leben die alle nach der Strategie der verbrannten Erde, wie wir. Vielleicht ist es ihnen auch egal, weil ihr Bewusstsein sich nur an der aktuellen Lebensumwelt orientiert, was verständlich sein kann. Was nutzt schon eine grüne Erde, die einmal war.
Oder noch schwieriger, die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt … Wissen wir wirklich, was wir wollen? Und können wir aus dem Wissen um das Gewollte, unsere Bedürfnisse ableiten. Nachhaltigkeit bedeutet derzeit für die meisten Menschen so weitermachen zu können wie bisher, nur in „Grün“. Wir haben schließlich alle einen Plan, der mit Sicherheit „nachhaltig“ ist. Ein bisschen Effizienz hier, ein bisschen Substituieren in „Grün“, ein bisschen drüber reden dort und ein bisschen nachdenklich sein, wenn es unsere Dämonen zulassen. Das ist lediglich ökonomisch wird man vielleicht sagen. Leider wird allein schon beispielsweise die gesteigerte Effizienz im letzten Jahrzehnt durch unseren ökonomisch geprägten Wachstumsbegriff aufgefressen. Also kann unter der Hegemonie der gängigen Wirtschaftstheorien und angewandter Ökonomie wohl kaum Nachhaltigkeit entstehen.
Konsistenz ist ein anderer oft genutzter Begriff im Themenbereich Nachhaltigkeit. Er steht für Ökoeffektivität oder Kreislaufwirtschaft wie die Natur sie betreibt. Alles wird verwertet. Die Natur denkt nicht nachhaltig, sie handelt auch nicht nachhaltig. Die Natur, oder sagen wir Evolution, ist nachhaltig. Sie kann immer nur auf dem Vorangegangenen aufbauen. Sie hält haus mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wir leider nicht.
Womit wir bei der Suffizienz angekommen sind, die Entschleunigung und Verzicht bedeutet. Sie ist die wichtigste Komponente. Denn keiner kann eine begrenzte Fläche mit einer begrenzten Bioproduktivität mit immer mehr Omnivoren mit Luxusbedürfnissen ausstatten, ohne dass wir uns irgendwann kannibalisieren, wenn auch mit hoch kodifizierten Verhaltensnormen und ohne ökologisch destruktiv zu wirken.
In Nahrungsnetzen von Ökosystemen nimmt die Produktivität nicht zu, unabhängig von den vorhandenen Artengemeinschaften, das liegt schlicht an dem biologischen Wirkungsgrad der Organismen, nur wenige können viel mehr als 10% dessen was sie konsumieren in eigene Biomasse umwandeln, deswegen enden die meisten Nahrungsketten schon nach 3 oder 4 Stufen, weil noch größere Lebewesen nicht mehr genug Nahrung bekommen. Also wandeln wir lieber unsere Umwelt in Eigentum um, damit wir notfalls genug zu essen haben oder Geld um sich Essen zu kaufen oder Güter, bevor andere die Güter kaufen können. Klingt ein bisschen nach Kalter Krieg, nur auf individueller Ebene oder wie Survival of the fittest nach Spencer. Unsere wirtschaftliche Produktivität beruht auf einer abstrakten Größe oder den Zahlen, die diese Größe darstellen. Das gibt uns das Gefühl von Endgültigkeit und eine Entschlussfreudigkeit, wenn wir betriebswirtschaftliche Kennzahlen haben oder Gewinne, die uns nachhaltig Sicherheit spüren lassen. Die Zahl suggeriert uns ein Gefühl von Kontrolle, nachhaltige Kontrolle über unser Leben und nachhaltige Angst den aktuellen Status nicht halten zu können. Wir haben Angst, dass die anderen asozial sind, wenn wir nicht den gleichen oder einen höheren Status halten. Wir haben Angst, weil wir nicht nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen und einige diese Ressourcen über abstrakte Zahlenwerte (Geld) besetzen. Das verhindert Suffizienz. Das ist pure Ideologie als Massenpsychologie ausgeprägt. Die scheinbar dominante Strategie ist zu verbrauchen, um sozial integriert zu leben. Ist das Leben?
Diejenigen, die sich daraus befreit haben, konnten es in der Regel nur durch einen besonderen Status, den sie oder ihre Vorfahren sich bereits über unser Eigentumsverständnis erworben hatten, sprich durch Land oder Geld usw. Denjenigen, die nicht in unseren gesellschaftlichen oder kulturellen Normen leben wie einige Naturvölker, ist diese Angst fremd? Nein, sie agieren sozial wie Herdentiere, die wir nun einmal sind. Sie möchten auch sozial anerkannt sein. Aber sie verbrauchen ihre Ressourcen nicht. Und werden nur langfristig unglücklich, wenn wir hier bei uns Druck auf ihre Ressourcen ausüben. Was fast überall der Fall ist.
Glücklicherweise hat die Evolution dort andere Wege genommen. Und auch andere Lösungen gefunden. Warum nicht Nachhaltigkeit im Bewusstsein suchen statt in inhaltsschwangeren Definitionen, die oft mehr Verwaltungsaufwand fordern als die Inhalte, die Realität selbst? Und vielleicht hilft qualitative Bewusstseinsverbeiterung weiter als quantitative Produktdiversifizierung.
Ein großes Problem ist auch die technologische Dominanz in unserer Wirtschaft. Der Begriff Nachhaltigkeit ist nicht einfach in physikalische Größen übertragbar, wenn er auftaucht, als ökologischer Fußabdruck beispielsweise ist er natürlich sehr angreifbar, denn die Komplexität überschreitet das reine Vorwärtsentwickeln unserer Ingenieure für Güter, die technisch alles redaktionell dokumentieren und belegen können. Dass ein Unternehmen bei Entwicklungen reduzieren muss, versteht sich für uns von selbst. Bei vollständiger Internalisierung nur der Information würden die Kosten explodieren, abgesehen davon, dass die Integration der gewonnenen Informationen unmöglich erscheint. In diesem Sinne ist Wirtschaft wie wir sie verstehen wahrscheinlich unter keinen Umständen mit Nachhaltigkeit vereinbar. Also braucht schon jeder Betrieb seine eigene Nachhaltigkeit? Ich denke schon, aber mit mehr Unabhängigkeit von den globalen Wirtschaftskreisläufen.
Die dritte Definition von Felix Ekardt finde ich übrigens sehr gut, mit einem Manko, sie hat außerhalb ihres Kontextes selten Kontakt zum Boden. Sie wirkt nicht bei den meisten Menschen. Denn die notwendigen Erläuterungen dazu, werden den Normalmenschen überfordern, was keine Kritik am Normalbürger ist, sondern an der Bildungspolitik oder der Politik allgemein. So schlagen wir die Brücke zur zweiten Definition, der  Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Ich musste sie abkürzen, denn es war zu viel Überflüssiges beispielhaft angemerkt. Nachhaltigkeit ohne präzisen Kontext, selbst als Dreifaltigkeit sozial, ökonomisch und ökologisch ist zu statisch, ohne Grip für eine Welt, die abhängig zu sein scheint von den nicht Nachhaltigen. Klar könnte man sagen, wenn man nur noch nachhaltig unterwegs ist, dann ist man entweder Obdachloser oder lebt außerhalb unserer Industriegesellschaft. Ersteres möchte niemand und die Alternative ist unmöglich geworden.
Ich war vor mehreren Monaten auf einer Geburtstagparty. Peripher bekam ich den Begriff postmaterialistisch mit. Konkret unterhielten sich eine promovierte Chemikerin, die für eine Consultingfirma arbeitete, mit einem Investmentbanker aus Frankfurt/Main. Postmaterialistische Gesellschaften treten auf, wenn die psychischen und physischen Bedürfnisse gesichert sind. Dann werden andere Bedürfnisse wichtiger, wie Umwelt, Glück, Bildung, Zeit, Gesundheit. Berthold Brecht hat das einfacher ausgedrückt, erst das Fressen, dann die Moral. Und dann das Gewahrwerden, was wir eigentlich sind? Vielleicht ist das ein notwendiger Schritt im Prozess kultureller Evolution auf einem Planeten mit intelligenten Organismen. Anderseits stehen dem die erwähnten Naturvölker gegenüber. Nachhaltigkeit kann nie postmaterialistisch sein, in endlicher ökologischer Kapazität. Postmaterialismus ist eine Absicherungsstrategie für diejenigen, die weit oben in der Nahrungskette stehen, würde ein liberaler Zyniker meinen.
Politik ist das Schicksal, hat Napoleon gesagt. Nachhaltigkeit ist unser Schicksal. Wenn wir es nicht schaffen Nachhaltigkeit als konsistenten Metabegriff weltweit zu installieren, der ernst genommen wird, wird Nachhaltigkeit eine leere starre Hülle für die Zukunft. Vorerst aber, aufgrund unserer immer noch sehr verschiedenen Mentalitäten ist Nachhaltigkeit als Gummiwort durchaus geeignet, sich damit auseinanderzusetzen. Also bleibt bitte nachhaltig neugierig und denkt selbst.

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