Sonnenaufgang an der Alpilahütte mit Blick aufs Rheintal.

Ursprünglich hatte ich mich für ein 13-tätiges Bergwaldprojekt im Val Cama beworben. Beworben, weil nur 5 Teilnehmer dort Lebenserfahrungen sammeln konnten, entsprechend entschied das Los, wer teilnimmt. Ich war nicht unter den Glücklichen. Leider kam es  kurz vor Beginn zu einem Unglück und Frau der Almwirtschaft kam durch einen Steinschlag ums Leben. Das Bergwaldprojekt war damit logischerweise dort hinfällig und wir drücken hiermit unser Beileid aus.

Dieser Vorfall für ein potenzielles Bergwaldprojekt zeigt deutlich die Grenzen der Kontrolle in unserer Gesellschaft auf, gerade auch bei Menschen, die wieder mehr Nähe zur Natur suchen und entsprechend vielleicht in gefährdeter Umgebung leben. Dem entgegen kann man Statistiken halten, die mehr Tote in unserer hoch technisierten Welt verursachen, z.B. durch Stadtverkehr. Auch auf meiner weiteren Erkundung in den Alpen dieses Jahr habe ich regelmäßig von Bergunfällen gehört. Natürlich kann keiner einen Steinschlag vorhersehen, aber viele Menschen unterschätzen die Berge. Ich selbst gehe nur fit in die Bergwelt, trotzdem habe ich großen Respekt. Die Sicherheit wird beim Bergwaldprojekt groß geschrieben und immer wieder darauf hingewiesen, dass die Gesundheit an erster Stelle kommt. Deshalb sollte es keine Hemmungen geben teilzunehmen, aber im Kopf muss man die Bedingungen der Natur stets haben, so trivial das klingt. Gerade als Stadtmensch sollte man den menschlichen Kontroll- und Planungswahn nicht in ein zu forderndes Verhalten gegenüber sich selbst und der Natur überführen.

Aufmerksam war Jörg immer, Simon setzt einen Keil

Jörg hat immer ein Auge für die Teilnehmer, um zu unterstützen. Simon setzt einen Keil.

Vom 18.08. bis 24.08.2013 war ich nun mit den anderen Teilnehmern auf und an der Forsthütte Alpila, 1421 m ü. M., über Schaan im Fürstentum Liechtenstein unterwegs, mit großartigem Blick auf das Rheintal. Das Schweizer Bergwaldprojekt legt seine Schwerpunkte nicht so sehr auf einen breit angelegten Natur- und Umweltschutz wie der deutsche Ableger, sondern betont seinen Fokus auf den Bergwald, also der originären Idee den Bergwald zu pflegen und zu schützen. In Deutschland werden auch aufgrund der Größe nicht nur Bergwälder gehegt und gepflegt, z.B. wird auf Amrum auch Dünenschutz betrieben. Dort wächst schlechterdings Bergwald. Diese Trennung macht durchaus Sinn, wie sie zwischen dem deutschen und schweizerischen Bergwaldprojekt auffällig wird. Denn die Schweiz liegt nunmal in den Alpen, während in Deutschland viele Waldflächen auch im Tiefland liegen und auch wenn sich dort auch andere NGOs mühen, ist der Wald, ob nun Bergwald oder nicht, zentraler Bestandteil unseres Daseins. Ob der Name Bergwaldprojekt immer passt, sei dahingestellt, aber irgendeinen Namen braucht man schließlich.

Anita beim Essen aufwärmen, David bei der Arbeit

Anita wärmt das Mittag auf und David bei der Arbeit.

Diesmal gab es kein fließend Wasser und auch keinen Strom, die Zahl der Schlafplätze war begrenzt und ich durfte mein Zelt mitbringen wie andere auch. Und es hat mir wahnsinnig viel Freude bereitet im Wald zu holzen. Wir haben durchforstet, Bäume bis ca. 35 cm Durchmesser, vorwiegend Fichten mussten Platz für Lärchen, Ahorn oder stärkere Fichten machen. Dadurch werden die freier gestellten Bäume begünstigt und können sich besser entwickeln. Das dient vornehmlich dem Schutz vor Stein- oder Schneelawinen, die sonst problemlos durch den Wald walzen und die talwärts gelegene Infrastruktur bedrohen. Außerdem haben wir Wegebau für die Wanderrouten betrieben. Es ist nicht ganz einfach, mit dem Wiedehopf im steinigen Boden sinnvoll Steige herauszuarbeiten bzw. zu erneuern. Mit der Sichel haben wir außerdem junge Bäume wie Ahorn, Ebereschen, Lärchen in einer Schonung freigestellt, die sonst beispielsweise von Himbeeren überwuchert werden. Etwas überwinden musste ich mich beim Besprühen von Terminaltrieben mit Lenticol, da ich gegenüber Chemikalien sehr skeptisch bin. Die Terminaltriebe sind die Spitzentriebe der Bäume und werden gerne aufgrund der Energie, die die Bäume dort investieren und der Zartheit gerne von Reh- oder Rotwild angeknabbert.

Wenn man Glück hat und das Auge offen ist, sieht man z.B. Kiefernschwärmer oder Holzwespen und viele andere schöne Lebewesen. Die Raupe des Kiefernschwärmers beispielsweise ist ein von Förstern gern gesehener Wirt für Schlupfwespen, die über die Vermehrung im Kiefernschwärmer andere, schädlichere Holzinsekten eindämmen. Schlupfwespen nutzen andere Insekten als Wirte für die Eiablage. Der Kiefernschwärmer selbst hat keine Bedeutung als potenzielles Schadinsekt.

Oder man bekommt eine Riesenholzwespe (Uroceras gigas) zu Gesicht oder eine Gemeine Holzwespe (Sirex juvencus) zu sehen. Im Studium habe ich zwar viel über Holzinsekten erfahren, aber bisher nicht die Gelegenheit, die drei genannten Holometabolen in natura zu beobachten. Die Riesenholzwespe lebt mit dem Tannen-Schichtpilz symbiotisch (Amylostereum chailetii), die Larven im Holz ernähren sich mit von den Pilzhyphen. Der Pilz zersetzt zudem die Zellulose, da die Larve keine Zellulose verdauen kann und bereitet so den Nährboden für die Larve, die sich auch von Zellinhalten ernährt.

Riesenholzwespe (Uroceras gigas) beim Eier legen am frisch gefällten Baum, der Legebohrer ist gut zu erkennen.

Die Gemeine Holzwespe lebt ebenfalls symbiotisch mit einem Pilz und kann wie die Riesenholzwespe beim Schlüpfen der Imago große Löcher in aufliegendes Material nagen. Unser Dozent hat uns Bilder gezeigt, bei denen die Gemeine Holzwespe sich durch Bleiplatten gearbeitet hatte. Sonst sind die Schäden für die Holzwirtschaft marginal, da die beide Wespen Frischholz für die Eiablage benötigen. Bereits befallenes Holz wird aussortiert und in trockenes Holz gehen diese Insekten nicht.

Bildschirmfoto 2013-09-20 um 11.16.52

Gemeine Holzwespe prüft einen gefällten Baum auf Eiablagemöglichkeiten.

Die Gruppe beim Bergwaldprojekt in der 4. Woche in Schaan war wieder bunt gemixt. Wir hatten einen z.B. einen Holzbauschutzexperten, einen Rechtsanwalt, eine Biochemikerin, einen Forstwirtschaftsstudenten, einen spanischen Künstler, eine fitte Rentnerin, eine Verwaltungsangestellte, eine Ökologin und eine Germanistikstudentin in der Gruppe. Es wurde spanisch, englisch, deutsch und schweizerdeutsch geredet. Dank unserer spanischen Köchin Celia waren wir mehr als gut versorgt und auch ein bisschen verfressen, wie ich finde ;). Aber die frische Luft, die körperliche Arbeit und das aufheiternde Geschwätz haben natürlich eine Menge Kalorien gefordert und den Appetit angeregt.

Zum Abschluss wird aufgeräumt, da wir die letzte Gruppe dieses Jahr im Bergwaldprojekt Schaan waren. Und dann ging es über den Kuhgrat und Wanderwegen am Freitagnachmittag zurück nach Schaan. Leider ist der Zugang zur Hütte so eng und steil, dass mit dem Hubschrauber das Material an- und abgeflogen werden muss. Kompromisse sind also auch mit von der Partie.

Am Ende gibt es immer eine kleine Party, diesmal auf dem Forstwerkhof Schaan. Gegrillt wird dann vegetarisch und etwas fleischlastiger, gegessen wird normal überwiegend vegetarisch während des Bergwaldprojektes. Hier noch einmal meinen besonderen Dank an Celia, die uns super bekocht hat und auch an Jörg, der sehr umsichtig und rücksichtsvoll geholfen hat, damit alles sicher abläuft. Außerdem hatte er als langjähriger Forstwart viel Interessantes zu erzählen über den Wald.

Alles beisammen vom 32fl (von links, letztes kleines Foto in der Galerie): Jörg, Simon, David, Maria, Celia, Brunhilde, Anita, Gregor, Anna, Rainer und Brigitte. Vielen Dank an Euch für die schöne Zeit im Bergwaldprojekt Schaan. P.S. An Rainer: Ich habe mich bemüht alle Fotos dem kritischen Auge gerecht werdend zu gestalten, ich hoffe Du läßt bei einigen deine Fantasie walten. :9


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