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David Suzuki und Wayne Grady schildern in „Der Baum“ das Leben einer Douglasie über 700 Jahre. Wer Pseudotsuga mensziesii ins Zentrum seiner Geschichte stellt und über eine derartige Zeitspanne betrachtet, ist gezwungen sich sofort in einem der wichtigsten Teile des Raum-Zeit-Kontinuums namens Erde zu bewegen, dem Wald.

David Zuzuki ist Zoologe, präziser Genetiker und Träger des alternativen Nobelpreises. Natürlich bekomme ich, ob der Leistung dieses Mannes, Probleme das Buch zu kritisieren. Aber als Holzwirt und gelernter Zimmermann sind  nicht alle schönen Formulierungen korrekt und hin und wieder irreführend, z.B. ist Lignin in den Zellen für die Druckfestigkeit verantwortlich, aber wirkt dann nicht wie Bewehrungsstäbe, sondern eher wie der Beton und die Zellulose wie Bewehrungsstäbe (S.75). Vielleicht ist der Fehler auch in der Übersetzung zu suchen. Auch prosaisch einen Walfisch in einen Kontext aufzunehmen, der sich doch, wenn auch populär-, naturwissenschaftlich definiert, finde ich unglücklich. Zudem traue ich es Suzuki nicht zu, so einen Fauxpas zu begehen. Aber wir sind auch nur Menschen, die vom Wald leben.

Catamounts, Lachse, Bären, diverse Pilze, andere Bäume, verschiedene Hörnchenarten und viele Vögel begegnen der Douglastanne, berühren sie und ernähren einander, leben um, im und auf dem Baum, der gen Himmel mit Mikroökosystemen auf den Ästen strebt, um mit all seinen biologischen Partnern im Gleichgewicht zu leben.

Wenn das Buch „Der geplündert Planet“ von Ugo Bardi  mich darin bestärkt immer wütend zu sein und ich anfange darüber nachzudenken, ob ich der Earth Liberation Front beitreten möchte, dann ist „Der Baum“ von David Suzuki & Wayne Grady wie ein langes Gedicht das ein Naturphilosoph allein im Wald träumend verfasst. Ich habe jede Minute genossen und bedauerte es regelmäßig, dass meine Fahrt mit der Tram zur Arbeit nur 20 min dauert. Der anschließende Spaziergang zur Arbeit, vorbei an Platanen, Ahornbäumen, Linden, Eschen und Kastanien regt verstärkend an, sich wieder mit Bäumen zu beschäftigen und ich bin immer mit einem Grinsen auf Arbeit angekommen.

„Der Baum“ gibt einem nämlich das Gefühl unbeeinflussbaren Wissens über ein Energienetz von dem beispielsweise die N’avi auf Pandora in „Avatar“ sprechen. Nicht nur Bäume kommunizieren miteinander, mit den Bewohnern, mit den Abiota, sie bewegen sich durch die Zeit und durch den Raum. Sie sind Superdendriten, die anderen Lebewesen erlauben die Informationsdichte biologischen Lebens zu erhöhen, sich zu informieren über die komplementär eingestellten Möglichkeiten der Ökologie. Alle Naturvölker haben eine kontextsensitive Sprache gefunden, dies auch auszudrücken, wir haben sie verloren.

Wir schaffen es in kürzester 77 Millionen Hektar primären Douglasienwald zu zerstören, Wir glauben, dass Primärwälder wieder entstehen. Wir glauben, stotternd wie ein Ottomotor, kollektiv dissoziierend und kognitiv dissonant, dass unsere Technologie, unsere Innovationsfähigkeit uns hilft, die Zerstörung aufzuhalten bzw. das Zerstörte zu ersetzen. Der Kontakt ist weg. Für immer. Ist das jetzt ein Grund weiter zu machen wie bisher? Ich denke nein. Denn Bäume sind Zeitmaschinen. Sie treiben uns vor sich her, gerade mit dem Verschwinden ihrer Diversität, ihrer gesunden Altersstrukturen, mit Ihrem Flüstern untereinander und mit den anderen Waldbewohnern. Vor Kurzem habe ich mit einem Freund angeregt durch einen Spitzahorn über die Supersymmetrie der Umgebung und des Genotyps, die dem einzelnen Baum sein unverwechselbares phänotypisches Gesicht verleihen, für eine Zeit, die unseren Kontakt mit der Wirklichkeit oft um ein Vielfaches überschreitet. Bäume sind nicht nur Zeitmaschinen, sie sind zukunftsfähige Differenzmaschinen funktionaler Ästhetik. Sie sind unsere stärksten Partner, die uns in die Zukunft führen können.

Ein wirklich wunderbares Buch gerade zum Winter und für die Festtage zum Ende des Jahres ein schönes Geschenk. Ein bisschen botanisches Vorwissen hilft, nicht jeder weiß, was Kotyledonen sind, auch wenn ein paar kleine Herausforderungen schlaumachen.

Hin und wieder wäre auch eine schematische Zeichnung schön, nicht alle haben den Überblick wie Xylem und Phloem, dem Splint- bzw. Kernholz zuzuordnen sind. Der visuelle Stil mit den Bleistiftzeichnungen orientiert sich an Büchern vor dem digitalen Zeitalter und gestaltet das Lesevergnügen sehr charmant, gerade für junge neugierige Geister, die nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben, aber sich unter dem Weihnachtsbaum wohlfühlen in der kommenden Weihnachtszeit.

Der Baum – Eine Biografie von David Suzuki und Wayne Grady

208 Seiten, oekom verlag München, 2012

ISBN-13: 978-3-86581-312-1

Preis: Hardcover 19.95 €

Preis: e-Book 15,99 €


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