Intelligente Verschwendung Braungart

Nun gibt es mit Intelligente Verschwendung – The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft dem Nachfolger von Einfach intelligent produzieren und zwangsläufig muss ich natürlich auch dieses Buch von Braungart und McDonough lesen. Ambivalent entsteht vor meinem geistigen Auge ein Konstrukt aus Können, Naivität, Hybris und Respekt vor dem Engagement und dem bisher Erreichten von den Cradle to Cradle Begründern.

Upcycling kreischt das neue gebetsmühlenartige Wort der grünen Szene und auch der nichtgrünen Mitmenschen, gefangen im Kontext der Legion Nachhaltigkeit. Alles wird Upcycling (Gerade bekomme ich wieder eine Mail an den Schädel, Upcycling ist der neue Trend und die gleichen Möbel wie gestern, werden jetzt noch einmal als Upcycling vermarktet. Nicht dass ich die Möbel nicht gestern schon gut fand und immer noch finde, aber wenn alle das Gleiche tun, ist es noch lange nicht intelligent.). Und deshalb ist das Buch wie das Erste auch lesenswert. Wieder gibt es schöne Beispiele, die das Potenzial von C2C aufzeigen und auffordernd wirken. Manche wiederholen sich, andere sind neu. Manche sind fragwürdig oder zu einfach dargestellt wie das Tigerproblem von Rhantambore. Die offensichtlichste Intention der Autoren besteht aber darin, das C2C-Konzept als nächste Stufe der technologischen Evolution zünden zu lassen, natürlich basierend auf den Nährstoffkreisläufen wie C2C die Materialkreisläufe nennt. Upcycling nach diesem Buch ist das Versprechen für jeden in den letzten 50 Jahren ausgebildeten BWLer, weiter wachsen zu können. Alles wird grün, durch intelligentes Materialpooling. Sie nennen auch ganz schön viel, mal wird Additionalität, mal der Werkstoffpass gepriesen, dann der intelligente Materialpool und das Nährstoff-Management gelobt. Natürlich alles im Rahmen des Konzeptes C2C und nicht ohne ein wir nennen das voranzuschieben. Abgesehen davon kann kein Materialpool intelligent sein. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition, aber allgemein ist für Kognitionswissenschaftler Intelligenz ein Maß für die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen und meinethalben auch von Künstlichen Intelligenzen. Wobei wir fragen müssen, ob KI nicht nur intelligent sind, weil wir es sind. Egal, es gibt ja so einiges, was als intelligent tituliert wird wie Intelligent Design. Und dahinter steckt eine Blackbox?

Ich finde diesmal haben die Autoren etwas übertrieben mit dem parolenhaften Titel Intelligente Verschwendung und den beispielhaft angesprochenen Begriffen. Auch die Korrektur des Missverständnisses der Allgemeinheit, C2C als Kreislaufwirtschaft zu begreifen, wirkt oberlehrerhaft, obwohl das sicher nicht so gemeint ist. Kreislaufwirtschaft setzt die Mechanismen der Evolution ja nicht außer Kraft, weiter dreht sich unsere Galaxie vorerst so oder so. Und das Leben als Aufwärtsspirale zu bezeichnen ist gewagt. Wer sagt denn nicht das dass Aussterben des Menschen nicht ein notwendiger Schritt ist für die Aufwärtsspirale von was auch immer. Und es ist zudem eine einseitig anthropogene Sichtweise.

Natürlich möchte die C2C- Gemeinschaft den meisten Menschen die Last der kognitiven Dissonanz nehmen. Eure Gier ist gut, Eure Vergangenheit ist gut, Ihr seid gut, wenn Ihr nur jetzt anfangt, wenigstens in kleinen Schritten auf das Upcycling nach Braungart und Co zuzugehen und selbst die C2C- Antipoden sind willkommen. Sie sind die Esse, in der C2C gehärtet wird. Vielleicht sehe ich das falsch, aber es wirkt wie ein Corporate Reputation Mantra und der Tenor des Ganzen ist, der Glaube an C2C versetzt Berge. Verfahrenstechnikgläubigkeit und die zugehörige Nährstofflösung für alle.

Und damit haben die Autoren recht, denn Einigkeit besteht bei einem Großteil der Menschen über die Belastungen der Umwelt und frei nach Nietzsche ersetzt der Umweltpessimismus mit der folgenden Überkompensation Leben zu wollen und zu konsumieren, das reflexhafte Besuchen der Kirche in früheren Zeiten nach hedonistischem Geschlechterspaß oder ein wenig mafiösem Totschlag. Absolution wird erteilt, von Braungart und McDonough persönlich.

Der Ansatz ist gut, schließlich sind die Reichen und mächtigen Entscheider in Politik und Wirtschaft unserer Gesellschaft nicht gerne die Sündenböcke und was sie uns vorleben, wird ja auch nicht als erstrebenswert beworben, sondern nur als Möglichkeit offeriert, als Aufklärung gewissermaßen, was man sich entgehen lässt oder wie unverbindlich die Vergangenheit mit viel Geld in der Tasche sein kann. Frei nach Machiavelli, das Können ist des Dürfens Maß? Aber natürlich kann ich das den Autoren nicht vorwerfen.

Lest bitte das Buch und bildet Euch eine eigene Meinung. Mir ist die Nähe zur Großindustrie der C2C- Gemeinschaft etwas suspekt. Aber da dort die Korruption am stärksten lauert und der Einfluss auf die Politik mehr als beträchtlich ist, wo soll man sonst ansetzen. Noch ist unsere politische Kaste nicht an unsere Meinungen und Entscheidungen gebunden, wie sie oft genug vorführt. Und wenn wir es schaffen alle Produkte grün werden zu lassen, kommt eine sozialmonetäre Egalisierung automatisch. Oder nicht?

Wir müssen nur akzeptieren, dass noch viele Arten und Funktionen in den Ökosystemen verschwinden werden, solange wir unsere Menschenrechte nicht wirklich transparent in Gesetzen gestalten und unser Alleinstellungsmerkmal aufgeben, was wohl nicht geschehen wird. Also nichts wie ran ans Upcycling. Das Buch ist ein einfacher Beginn.

P.S. Das Buch selbst als Material ist ein Schmankerl für jeden Papier-, Faser- und Druckexperten. Es kann bei Nichtgefallen im Kompost entsorgt, ohne Schadstoffe, fast ohne Schadstoffe, im Holzofen verbrannt werden und als Dünger auf dem Feld verteilt werden. Und nur um das klarzustellen, das Konzept C2C ist empfehlenswert, lokal und dezentral viel besser als zentralistisch. Und Weitergeben ist Upcycling, denn es keimen die Gedanken und die sind bekanntlich frei.

Michael Braungart, William McDonough

Intelligente Verschwendung

The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft

208 Seiten, oekom verlag München, 2013
ISBN-13: 978-3-86581-316-9

Bild: El Wood

 


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