Honigfrau

Die Honigfrau liegt schon eine Weile bei mir herum, etwa 2 Jahre. So lange habe ich auch etwas gebraucht, um den Honig zu essen, den Frau Flügel uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Das Buch habe ich jetzt gelesen, auf dem Weg zur Berliner Fahrradschau und zurück, in dreieinhalb Stunden. Es geht natürlich um Honig und um die Honigfrau Flügel.

Warum ich das Buch in dreieinhalb Stunden gelesen habe? Ich hatte Zeit und es liest sich sehr gut weg. Der Anspruch ist an einen durchschnittlich gebildeten Menschen gerichtet und es gab für mich viel zu lernen.

Schwer fiel mir der Umgang mit dem Buch anfangs, weil ich es zu Latte Macchiato- Schickimicki  empfand. Das Titelbild mit der happy in die Ferne lächelnden Frau Flügel mitten im Rapsfeld in Imkeranzug und einem Smoker. Das ist mir einfach zu sehr gestellt, zu unnatürlich. Einmal ist ein Rapsfeld nichts besonders Positives, da viel gedüngt wird und es als Monokultur sehr beliebt ist. Dann glaube ich kaum, dass die Honigfrau so auf ein Rapsfeld läuft, um grenzdebil glücklich zu lächeln.

Nun möchte ich Frau Flügel nicht unterstellen, dass es ein Marketingbuch ist und wahrscheinlich hat sie es während ihrer vermeintlichen Luxuswinterdepressionen im ersten Jahr in der Provinz geschrieben. Oder vielleicht ist es doch Marketing, denn seltsamerweise treffe ich in letzter Zeit sehr viele Leute, die sich dumm dämlich verdienen in großen Unternehmen oder einschlägigen Branchen zur Massenmanipulation und die auf einmal, wenn das Geld da ist, sich ein Schnäppchen in der Provinz schlagen und das dann kräftig vermarkten. Oder/und ihre wahre Seelenverwandtschaft mit der Natur, Umwelt oder Ähnlichem entdecken. Kann man, muss man aber nicht mit gut bewerten. Vielleicht ist es aber ein Zeichen der Reformierbarkeit unserer Gesellschaft?

Neid, wie er genannt wird im Buch, mit dem sich einstellenden Erfolg der Honigfrau, bleibt dann nicht aus und wir wissen, selbst wenn wir morden, können wir es rechtfertigen, also den Neid und den Erfolg. Frau Flügel betreibt Massentierhaltung, das ist nun mal Fakt. Jeder Imker tut das. Wahrscheinlich haben die alteingesessenen Imker, die jahrzehntelang dabei sind und sich schon lange eingerichtet haben ein Problem mit Frau Flügel (gehabt?), weil sie so schlimm geplagt von ihrem pekuniär ruinösen Berufsleben in einen Bereich eingedrungen ist, der dringend Imkernachwuchs benötigt.

Die Honigfrau hat natürlich ihre ganzen Marketing- und Werbefreunde usw. mit an Bord geholt. Und das ist natürlich für Menschen, die in einer Umgebung aufwachsen, die nicht mit ebensolchen PR-Strategen, Werbespinnern usw. gepflastert ist, befremdlich. Gerade Menschen, die viel Geld Online verdienen bzw. im IT-Sektor und im Mediensektor, ziehen eben genau das Geld über eine übersteigerte Wertschätzung ihrer Funktion aus den Regionen ab, in denen sie dann wie Frau Flügel, ein Schnäppchen schlagen können. Man denke nur an Supermärkte, die derzeit ja so Bio sind, dass ich mir als 2,5 t Kohlendioxidmensch per anno schon fast keinen Vorteil mehr davon erhoffe, dort zu kaufen. Diese Supermärkte zerstören die ganzen kleinen Geschäfte, die Leute werden lokal asozialer zueinander, die Wahlbeteiligung geht zurück und die Arbeitskräfte für extensiv und subventioniert herkömmlich produzierende Industrielandwirtschaft billiger, wann man sie überhaupt braucht. Zudem wandert das Geld ab und bleibt nicht vor Ort. Und die großen Händlerketten drücken die Preise.

Nun bei Frau Flügel ist es sicher so, dass sie Geld in der Region lässt. Und wenn Menschen wie die Honigfrau sich einen alternativen Weg suchen finde ich das super. Vielleicht ist es auch Schicksal der Menschheit an unserer sozialen Inkompetenz in unseren jungen Jahren zu scheitern und einfach erfolgreich funktional und gut ausgebildet in sogenannten Schlüsselbranchen der Massenmanipulation zu arbeiten, um dann sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das mag unmittelbar für den Einzelnen einleuchten, für die Ökologie sicher nicht.

Zwangsläufig bezieht die Honigfrau natürlich auch Freunde mit in ihre neuen Lebenswege mit ein, normal. Das Einzige, was ich nicht so positiv finde, ist die Konnektivität zu den üblichen großen Firmen, die eben mit genau dafür verantwortlich sind, was die Kurzzeitimkerin dann andernorts, auf ihren Bienenwiesen, -felder, -wäldern, -hainen geschehend usw. so wütend macht. Frau Flügel hat nicht begriffen, zumindest macht das Buch den Eindruck, dass auch Autofirmen aus Ingolstadt Politik und Lobbyismus betreiben, die es zulassen, dass amerikanische Firmen bestimmte Produkte hierzulande verkaufen können. Und ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum Honig aus Schleswig Holstein bundesweit vertrieben werden muss.

Als Purist verstehe ich auch nicht das Gepansche mit den verschiedenen, immerhin biologisch angebauten Zutaten, Geschmacksrichtungen. Honig ist wie die Honigfrau Flügel anmerkt biologisch gefiltert von Ihren Bienen. Jeder Honig und jede Charge ist anders. Wenn wir nicht so viel und sinnlos divers alles in uns hereinstopfen würden, wäre unsere Fähigkeit gustatorisch zu differenzieren vielleicht ausgeprägter. In der Süßwarenindustrie ist dieses Zusammengematsche von allem ja schon seit Längerem zu beobachten. Und da kann ich die länger arbeitenden Imker verstehen. Ein Imker, ein Handwerker lebt eben nicht erst seit ein oder zwei Jahren von seiner Dienstleistung oder seinem Produkt. Er nimmt dadurch ganz andere Zyklen lokal wahr und mit seiner Art zu vermarkten auf. Frau Flügel rotiert nur wieder so schnell wie sie es gebrauchen kann, nicht aber im Einklang mit den Dingen, die sie so beschwört in ihrem in dieser Hinsicht etwas naiven Buch.

Die Selbstironie, von der Frau Sarah Wiener im Vorwort erzählt, bleibt mir leider verborgen. Und Edelhonig ist nur ein Marketingbegriff, der den Preis hochtreibt. Honig war und ist immer etwas Besonderes. Und wenn andere Imker sagen, dass viele Menschen sich den Honig zu Honigfrau Flügels Preisen nicht leisten können, haben sie schlicht und einfach recht. Aber das bleibt Frau Flügel mit ihren Eimsbütteler Freundeskreis nebst Erweiterungen wohl für immer verborgen, als behütetes Mittelstandskind, das nachts auch als Erwachsene noch Angst hat in einem großen Haus und sich letztendlich weiter in Eimsbüttel bewegt, nur eben auf dem Lande. Das sich dann auch für seinen Preis rechtfertigt, mit dem Selbstbewusstsein ihres Marktwertes. Verdrängunseffekte durch überhöhte Preise zu begreifen ist, wie fast überall, hier leider eine Fehlanzeige. Aber immerhin, der geneigte Leser begreift vielleicht mal die Arbeit, die in jedem Honigglas steckt.

Apropos Honigglas, der Honigfrau ist der Aufwand wie vielen Imkern, die alten Gläser zu recyceln zu groß, deshalb ist auch kein Problem für sie in 125 g und 250 g Gläsern abzufüllen. Üblich sind 500g Gläser und größer. Ökologischer Unsinn. Je geringer Oberfläche zu Volumen ist, desto besser für den Verpackungsaufwand. Die Honigfrau unterstützt die Artenvielfalt und regionale Initiativen, natürlich nicht ganz uneigennützig. Aber wer ist schon altruistisch in einer Zeit der Überbevölkerung und einer maßlosen Übersteigerung des Wertes bestimmter Menschen.

Kurz, wenn sie in Eimsbüttel und ähnlichen Gefilden aufgewachsen sind, keine Ahnung haben, was auf dem Lande passiert, ist das Buch kurzweilige Unterhaltung mit interessanten Einblicken in unsere Honigwelt, wenn man kritischer sist, wird es wohl eher zur kritischen Auseinandersetzung mit unseren „höheren“ Milieus anregen. Und wenn Ihnen alles scheißegal ist, was grün, bio oder ähnlich klingt, langweilen.

So oder so, das Buch ist abgesehen von einer soziologischen Betrachtung im Kontext einer beschränkten Raum-Zeit eines jeden Menschen und unserer maßlosen Wachstumsökonomen lesenswert. Denn Die Honigfrau ist vor allem eins, eine Ermutigung sich selbst zu verwirklichen. Und ich möchte mit dieser betrachtung auch keineswegs der Honigfrau zu nahe treten, da mit unsere Kontexteinschränkungen nur allzu bewusst sind. Viel Spaß damit und Ihren Träumen.

Verlag: Ludwig, München, 2011, 303 S., Deutsch

Bild: Ludwig Verlag


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