Racing Ralph

Racing Ralph nach ca. 1200 km mit Einlage

Ich halte das Fahrradfahren für die einzig vernünftige Art ökologischer Fortbewegung, neben dem normalen Zweibeingang in allen Formen und Schwimmen und Klettern, Freerunning, Parkour was auch immer. Trotzdem frage ich mich natürlich wieder und wieder, was wir Fahrradfahrer besser machen können. Neben sinnvoller Technik, die weniger Abfall generieren oder Recyclingaufwand erfordern, wie Nabenschaltungen oder der Pinion-Antrieb bzw. Riemen-Antrieb statt Kettenschaltung bzw. -Antrieb, taucht für mich stetig die Frage nach meinen Reifen auf, die ich mehr oder minder auf der Straße bzw. anderen Oberflächen liegen lasse.

Reifen en masse

Schätzungen gehen von einem Reifen pro Jahr und Person aus, die entsorgt werden. 2015 werden voraussichtlich 1.720.000.000 Reifen weltweit verkauft werden. 2010 wurden Reifen im Wert von 140.000.000.000 US-Dollar verkauft. Die Reifenindustrie ist der Abnehmer für Naturkautschuk weltweit.

In Deutschland fallen jedes Jahr 650.000 Tonnen Altreifen an, weltweit ca. 13.500.000 t, vom Fahrradreifen bis zum Traktorreifen oder Spezialreifen wie Slicks für Rennfahrzeuge oder Flugzeugpneus. Entweder wird das Gummi zu spröde oder die Profilhöhe ist zu gering oder ein irreparabler Schaden tritt auf. Es gibt eine Deponie im Kuwait mit Altreifen, die vom Weltraum aus sichtbar ist, mit bloßem Auge.

Ich verbrauche pro Jahr etwa zwei Reifen mit meinem Fahrrad. Obwohl ich im letzten Jahr, als Zeitraum gesehen, mindestens 6 verbraucht habe. Das lag daran, dass ich meine unkaputtbaren Schwalbe Marathon plus MTB nach ca. 6000 km blau wurden, also das Profil komplett runter war, und gegen meinen Altbestand an Nobby Nic, Smart Sam, Rocket Ron bzw. Racing Ralph mit Einlagen ausgetauscht habe. Die Reifen waren zum Teil nur wenig benutzt, teils schon etwas runtergerockt. Meistens bin ich in der Stadt frustriert, wenn ich innerhalb von einer Woche mit zugegeben unsinnigen Racereifen mehr als einen Platten habe und wechsele dann auf unkaputtbar. Wegwerfen möchte ich die Reifen trotzdem nicht und Reifenpannen habe durch die Einlagen nur noch sehr selten. Jetzt fahre ich wieder einen Marathon plus und einen Racing Ralph mit Einlage. Letzterer ist ebenfalls ein Altbestand. Und ich fahre das Profil fast komplett runter nur auf den Schultern steht am Ende noch etwas von den Stollen. Vielleicht sollte ich früher den Reifen wechseln, um zuviel Vulkanisiertes auf dem Asphalt zu vermeiden. Aber auch irgendwie schwachsinnig mehr neue Reifen zu kaufen, oder? Es sei denn die Reifen sind komplett kompostierbar bzw. recycelbar. Der auf der Straße bleibende Belag sollte aber biologisch zersetzbar sein, ohne spezielle Mikroorganismen zu züchten bzw. zu migrieren. Natürlicher ist von verschiedenen Bakterien abbaubar, synthetischer nicht. Aber Naturgummi wird in Monokulturen angebaut bzw. oft auf gerodeten Flächen des Regenwaldes. Also schützen wir mit jedem Reifen, den wir nicht kaufen, die Umwelt.

Upcycling oder Downcycling

Die Reifenmischungen aus diversen Elementen, Schwefel im Verbund mit synthetischem Gummi und anderen Chemikalien für verschiedene Einsatzbereiche sind ein großes Problem, denn die Auftrennung in die verschiedenen Bestandteile kostet Energie und ist oft aufwendig. Folglich wird ein Großteil der Reifen immer noch verbrannt, obwohl hinreichend technische Möglichkeiten bestehen, sie anders weiter zu nutzen und damit diese Form des Downcyclings zu reduzieren und in naher Zukunft vielleicht ganz abzuschaffen. Es gibt allerdings auch Reifen, die nur noch verbrannt werden können, da sie zu viele schädliche Komponenten enthalten. Die Alternative wäre extrem teures und energieintensives Zerlegen in Komponenten. Diese schädlichen Reifenmischungen müssen natürlich durch recycelbarere, konkret upcycelbare Reifenmischungen ersetzt werden. Upcycling wird derzeit mit Wiederverwendung von Teilen von Produkten oder ganzen Produkten außerhalb des ursprünglich Einsatzzweckes gleichgesetzt. Downcycling ist in der Regel das Zerkleinern der Produkte bzw. Teilen davon. Das Problem beim Downcycling, oftmals zusammen mit dem Upcycling unter dem Dachbegriff Recycling zu finden, ist die abnehmende Qualität des Materials verglichen mit dem ursprünglichen Herstellungsprozess. Das muss nicht immer so schlecht sein wie es von eifrigen Verfechtern des Upcycling manchmal dargestellt wird. Im Kunststoffsektor bleibt es jedoch eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Beim Upcycling und auch beim Downcycling können allgemein Ergänzungen durch zusätzliches Material auftreten. Beispielsweise bei Recyclingpapier werden teils, je nach Verwendungszweck neue Holzfasern dazugegeben, um die notwendige Papierqualität zu erhalten. Trotzdem ist die Recyclingfähigkeit von Papierfasern begrenzt. Nach 5 bis 8 Mal ist Schluss. Ein brutales Beispiel für Downcycling ist die zynische Verwendung von abgereichertem Uran in Munition. Die Munition zerstäubt teilweise beim Aufprall und verseucht die Umgebung. Uranstaub ist definitiv nicht gesund.

Es ist nicht immer trivial Upcycling von Downcycling zu unterscheiden. Meister des Upcyclings ist, wer wie die Natur alle Komponenten wiederverwenden lassen kann. Eine Endlosschleife ist der Idealfall. Perfekt wäre ein Atombaukasten und Maschinen, die sie auswählen und zusammensetzen. Dann wäre die Maschine auch zum Zerlegen einsetzbar. Man könnte endlos Atome kombinieren. Das Problem sind die Bindungskräfte und die Präzision, die notwendig ist, um die Atome zu trennen bzw. zu verbinden und extrem bedeutend die Qualität, d.h. die Informationen, die in den zusammengesetzten, für uns sichtbaren Phänomenen stecken.

So sind strengegenommen auch die meisten Upcyclingprodukte, die aus herkömmlichen, nicht biologisch abbaubaren Komponenten, entstehen auch Downcyclingprodukte. Weil sie keine Qualität besitzen, die von der biologischen Evolution geschaffen wurde. Sie reduzieren die Verteilungen, monotonisieren sie. Ein Beispiel, nur 8 bis 10 Sorten Äpfel dominieren den Markt für Äpfel, es gab aber über 20.000 Sorten. Äpfel sind nun eine menschlich diversifizierte Gattung. Aber wir können nicht mal unsere Kulturgüter schützen. Wie wirkt sich dann die Reduktion der natürlichen Artenvielfalt aus?

Allerdings definieren viele Upcyling über den Wertbegriff bzw. verbinden ihn mit einer Wertsteigerung. Diesen Ansatz halte ich für den Anfang für nicht verkehrt, aber für tiefenökologische Zwecke aus oben genanntem Grund unsinnig. Ad hoc ist dieser Begriff entstanden und wird in den nächsten Jahren eine neue Definition erfahren. Upcycling suggeriert manchmal einen Fortschritt, den es faktisch nicht gibt. Lediglich ein positivere Herangehensweise ist entstanden, kann aber über die neuen Betrachtungsebenen neue Möglichkeiten des Wirtschaftens aufzeigen. Ich bin sehr gespannt wie sich das industrielle Upcycling weiter entwickelt, denn dieser Weg ist eine Sackgasse, da zentralisierende Methoden der Industrie beibehalten werden. Kurz es gibt kein Upcycling wie es uns suggeriert wird, nur eine Rückkehr zu natürlichen Wirtschaftskreisläufen, die zwar über unsere schiere Masse auch die Umwelt degradieren, aber nicht im gleichen Maße wie unsere synthetische Welt.

Verwendung der aussortierten Reifen

Was passiert mit abgelaufenen Reifen allgemein. Zwei grundlegende Nutzungsformen können unterschieden werden, einmal nicht Struktur zerstörende und Struktur zerstörende. Beides kann Upcycling wie heute vom Mainstream definiert bedeuten. Allgemein ist nicht zerstörende Nutzung am billigsten und oftmals auch am Nachhaltigsten, da materielle Verwertungen energetischen Verwertungen durch eine längere Nutzungsdauer überlegen sind.

1. Reifen können runderneuert werden, wenn nur der Laufstreifen abgefahren ist. Das geschieht in der Regel aus kostentechnischen Gründen nur bei LKW-Reifen. Sie gehen also in die Wiedernutzung.

2a. Sie werden alternativ zerschreddert und als Sekundärbrennstoff genutzt. Zementwerke sind die hauptsächlichen Nutzer von zerschredderten Altreifen. Der Stahl in den Reifen ersetzt Eisenerz. Auch Stahlwerke sparen so Eisenerz und Kohle, da einmal der Stahl in den Reifen genutzt wird und zum anderen das brennbare Material Kohlenstoff in Form von Ruß enthält, der für die Stahlproduktion Kohle oder Koks ersetzt. Deswegen sind Reifen schwarz und der Belag wird mit dem Ruß gehärtet. Manche Menschen mit eigener Möglichkeit zur Verbrennung sind leider so dumm und verbrennen Reifen auf dem Feuer oder im Ofen, was ich derzeit wieder häufig abends beim Fahrradfahren rieche. Ich möchte diese Menschen bitten, das zu lassen. Es ist ungesund für uns alle.

2b. Oder der Reifen wird mittels Pyrolyse (thermische Zersetzung ohne Sauerstoff) verschwelt, dadurch wird das Drahtgemisch sowie die Brenngase dem Zementprozess punktuell gezielt zuzugeben und somit kann der Verfahrensprozess sehr gut gesteuert werden. Pyrolyse kann Reifen auch in Heizgas, Öl, Kohle, Aktivkohle oder Industrieruss überführen mittels verschiedener miteinander gekoppelter Verfahrensschritte. Der Industrieruß ist beispielsweise nicht unproblematisch, da er u.U. kanzerogen wirken kann.

Alternativ werden die geschredderten Reifen als Chips im Mulchersatz für Pflanzen genutzt. Das ist nicht unproblematisch, denn manche Bestandteile der Reifen werden so mittelfristig in die Umwelt freigesetzt, z.B. Zink ist bis zu 2% Anteil am Reifen für Wassserlebewesen und Pflanzen toxisch. Auch andere Metalle bzw. Chemikalien aus Reifen stehen im Verdacht Leberschäden bzw. als endokrine Disruptoren  auf das Hormonsystem nicht nur von Säugern schädlichen Einfluss zu nehmen. Viele Komponenten sind allerdings gebunden, solange keine Abrasion  bzw. keine Hitzezersetzung erfolgt.

3. Stoffliches Altreifenrecycling trennt die Reifen in ihre Bestandteile wie Gummi (67 %), Stahl (18 %) Textil (14 %) und Rest/Profilsteine (1%). Sämtliche Bestandteile werden einzeln weiter verwendet und nicht verbrannt oder ausgegast. Der Gummi wird vielseitig genutzt. Am Bedeutendsten sind die Modifizierung von Asphalt und Bitumen für Straßen, Füllungen in Kunstrasen sowie industrielle Gummianwendungen. Der Stahl wird in Stahlwerken eingeschmolzen. und die Textilien werden bisher zur Energieerzeugung verbrannt. Man arbeitet aber an Produkten, die in der Lärm- und Wärmedämmung verwendet werden sollen.

4. Sie können für andere Zwecke, ohne sie zu zerkleinern, benutzt werden, z.B. Sport, Schaukel, Puffer für Schiffe und Kais, Schutzbarriere für Autorennen, als Wandbestandteil, kugelsichere Wände, als Sandkasten, Erosionsschutz, Abdeckgewichte, Fundamente, Bodenbeläge, Schuhsohlen und Schwalbe nutzt beispielsweise recycelten Naturkautschuk im neuen  Marathon plus, den meine Frau vorne auf ihrem Rad fährt. Es gibt zahlreiche Anwendungen, die sicher auch Erwähnung finden sollten, aber dazu in einem anderen Artikel mehr. In den 1970er und 1980er Jahren wurden in den USA, Indonesien und Malaysia Millionen Reifen für die künstliche Riffbildung versenkt, mit katastrophalen Folgen, da die Ketten korridierten, mit denen die Reifen aneinander gebunden waren bzw. Stürme das Nylon über Jahre zerlegten. Dadurch haben die lose im Meer treibenden Reifen nahe liegende Riffe durch Stürme zerstört. Bei den Hurrikanen in den USA werden regelmäßig Reifen an Land geworfen. Abertausende treiben weiter im Meer. Andere lagern sich zu tausenden an natürliche Riffe an.

Upcycling Reifen

Altreifen sind überwachungsbedürftig, d. h. Transport, die Sortierung, die Lagerung und die Verwertung müssen zuständigen Behörden gemeldet werden und bedürfen in der Regel behördlicher Genehmigung, zumindest in Deutschland. Erzeuger überwachungsbedürftiger Abfälle haben besondere Sorgfaltspflichten. Die Abfälle dürfen u. a. nur an Verwerter abgeben werden, die zur Behandlung dieser Abfälle berechtigt sind und die Übernahme dokumentieren können.

Leider liegen noch Millionen Reifen weltweit herum und sind so brandgefährdet und bilden Brutstätten für Moskitos und Mücken usw. In Mülldeponien sind sie gefürchtet, weil sie nach oben wandern und so Blasen für Gase bilden bzw. freisetzen können. Obwohl in vielen Ländern bereits diese Form der Einlagerung verboten ist, liegen noch viele Altlasten vor.

Was also machen, auch Schläuche sind ja nicht aus der Welt, mit den Milliarden Reifen. Ein paar Lösungen sind schon gefunden, von denen wir ein paar übermorgen vorstellen. Habt Ihr Ideen?

Reifen zum Upcycling, ja, Ideen gibt es mehr als genug. Upcycling als ultimative Lösung für unseren scheinbaren Müll, unmöglich, denn wir sind immer noch maßlos. Trotzdem finde ich Upcycling unterstützenswert.


Subscribe to comments Both comments and pings are currently closed. |
Post Tags:

Browse Timeline


Comments are closed.


© Copyright 2007 GREENDELICIOUS . Thanks for visiting!