Geisslergruppe

Geislergruppe vom Großen Peitlerkofel

 

Präzise war ich 12 Tage dort zum Schlafen, aber 2 waren wir zum Kennzeichnen von Schafen, Ziegen und Kühen in Klausen, Lajon, Villnöß u.a., und habe viele verschieden Höfe kennengelernt. Günther, der Almhirte hat mir viel von der Region im und ums Eisacktal erzählt, gezeigt und an Erfahrungen mitgegeben, die man selten erlebt, auch wenn gerade im Tal von Villnöß die meisten Gäste auf einem Bauernhof urlauben.

Günther ist Landwirt, Brillenschafzüchter, Tierkennzeichner und hin und wieder Almwirt und so ganz nebenbei Familienvater von 4 Kindern. Das im Villnößtal oder auch im Eisacktal mehrere Jobs von einer Person ausgeübt werden, ist keine Seltenheit. Viele haben einen Hof, der aber nicht oft genug abwirft, aufgrund der geringen Hofgröße bzw. dem schwierigen Gelände. Also ist der Hof oft eine Nebenerwerbstätigkeit, die allerdings trotzdem viel Zeit erfordert. Paul, der Geschäftsführer der Energiegenossenschaft Villnösstal ist z.B. auch Fleischviehbauer und hält sich 8 Mutterkühe, die einmal im Jahr ein Kalb werfen und dann als Jährlinge in den Fleischhandel gehen. Im Gegensatz zur Milchviehwirtschaft ist weniger Arbeitsaufwand zu betreiben, da nicht täglich zweimal, morgens und abends, gemolken werden muss. Villnöß versorgt sich komplett über Wasserkraft, zu einem Preis für die Mitglieder der Genossenschaft, der weit unter dem Landesschnitt liegt und etwa 40 bis 45 % davon beträgt.

Ursprünglich wollte ich bloß zwei Tage auf der Alm bleiben, aber als Günther erwähnte, dass er, wenn seine Familie von der Alm zurück nach Felthurns muss, gerne Gesellschaft bzw. Hilfe hätte, habe ich kurz abgewogen, ob Marmolata oder Wörndle Loch. Ich habe mich gegen die Marmolata entschieden. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Als ich auf die Alm kam, war ziemlich viel los. Es war Sonntag am frühen Nachmittag und schönes Wetter. Die Wörndle Loch Alm liegt im Villnösser Tal. Das ist da, wo der Messner herkommt, der Reinhold Messner. Und der Name Messner ist dort recht häufig. Gegen 19.00 Uhr wurde es ruhiger und entspannter. Nicht das es vorher stressig war. Denn ich bin nach kurzem Kennenlernen erst mal auf den Zendleser Kofel marschiert. Der ist nichts Energie treibendes, sondern gut zu Fuß für Wanderer ohne größeren Aufwand zu erreichen und die Geissler Alpen von dort aus gesehen regen die Wahrnehmung an, abgesehen von dem guten Rundumblick auf die anderen Gebirgsgruppen wie die Peitler oder die Aferer Geisler. Ein paar wachsame Murmeltiere auf dem Weg dorthin und zwei Touristen am Gipfelkreuz plus einem Schwarm Dohlen waren die einzigen Kontakte, da ich schon etwas später am Nachmittag unterwegs war. Wieder an der Hütte gab es einen ziemlich gewaltigen Berg Kaminwurz, Schinken und Kartoffeln nebst Käse und Paulaner, denn gut ein Dutzend Verwandte vom Günther waren mit von der Partie, die den Sonntag genutzt hatte, um den Günther-Messner-Gedenksteig zu bekraxeln. Was mir gleich am ersten Tag am sympathischsten ins Gemüt fiel, war das auffällig häufige Lachen der Menschen. Das habe ich selten erlebt. Oder ich bin zu selten unter Menschen? Es gab aber auch keinen Grund miese Laune zu haben oder zu verbreiten, bei der Luft, dem Wetter und der Landschaft.

Der Günther-Messner-Gedenksteig ist übrigens auch noch auf meiner Liste, da ich nicht dazu gekommen bin. An jenem ersten Abend im Wörndle Loch ging es schon relativ früh, gegen 22.00 Uhr ins Bett.

Am nächsten Morgen war Murmeltierjagd angesagt. Murmeltiere sind geschützt. Die Jagdsaison ist relativ kurz und so kommen die Jäger meist früh hoch, verbringen den halben oder ganzen Tag auf der Alm. Das Murmele spielt nicht die ganz große Rolle dabei, so mein Eindruck. Die Südtiroler sind gern gesellig und direkt an der frischen Luft und genießen die Sonne. Und Sonne gab es wieder reichlich am Morgen auf der Alm. Dann trinkt man zuerst einen Schluck, isst eine Kleinigkeit, da der Aufstieg von der Zanslinser Alm doch immerhin knapp 500, teils recht steile Höhenmeter ausmacht, zumal mit Jagdausrüstung.

Murmeltiere neigen bekanntlich zum Graben von Höhlen, die sie vor Wetter und Räubern schützen. Höhlen sind, wenn viele Murmeltiere auf zu geringer Fläche unterwegs sind, problematisch. Einmal weil sich auf bewirtschafteten Almen mit Rindern, Unfälle mit Knochenbrüchen ereignen können und noch problematischer die Erosion. Abschussquoten werden entsprechend der geschätzten Zahl der vor Ort lebenden Tiere festgelegt. Klar gefällt mir das auch nicht, denn zu hohe Murmeldichten treten ja nur aufgrund unserer Überbeanspruchung der Umwelt auf. Freiwillig verzichten möchte aber auch keiner auf diverse Errungenschaften der Zivilisation. Zwei tote Murmeltiere an dem Tag waren entsprechend genug und der Rest des Vormittages wurde beim Palavern mit einem Paulaner verbracht.

Nachmittags sind wir ins Tal gefahren, um Brillenschaflämmer für den Verkauf rauszusuchen. Ich hatte Glück und habe mir ordentlich Schafscheiße ans Hemd geschmiert beim Festhalten. Ein Lamm ging übrigens nach Ligurien, zu einer Nichte vom Reinhold Messner, der auch Villnöß Brillenschafe sein eigen nennt. Womit ich einen hinreichenden Grund hatte, wirklich länger im Tal Villnöß zu verweilen. Wo der Messner groß wurde, kann ich als Flachlandmensch mit Sicherheit hinreichend klettern, wandern oder biken.

Von den Villnöß Brillenschafen gibt es um die 2000 weltweit. Sie zeichnen sich durch gute Kletterfähigkeiten aus und werden wegen ihrer schwarzen Färbung um die Augen, wenn es weiße Tiere sind, so genannt. Sie sehen ein bisschen wie Superhelden aus dem Fernsehen der 50iger oder 60iger Jahre aus. Nur halt als Schafe.

Auf der Wörndle Loch Alm werden 40 Rinder gehalten, die ca. zweieinhalb bis drei Monate die Alm  beweiden. Es handelte sich vorwiegend um Grauvieh, dass ursprünglich in verschiedenen Tälern in den Alpen gehalten wurde. Grauvieh ist robust und kann gut auch im steileren Gelände weiden. Und es ist eine Rasse, die sowohl eine gute Milchleistung erbringt und auch zur Fleischnutzung geeignet ist. Das bei uns im Norden bekannte Holsteinische Fleckvieh ist sehr auf hohe Milchleistungen gezüchtet, was man gut an den gewaltigen Eutern sehen kann. Euter sind hormonell gesteuerte Organe oder präziser über die Laktationsphasen gesteuerte Drüsen, die durch Trächtigkeit aktiv ausgelöst werden. Das führt ohne aufwendige Pflege oft zu Euterproblemen bei den Holsteinischen Schwarzweißen.

Die Tiere fühlen sich auf der Alm ausgesprochen wohl. Zwei Pärchen aus dem Harz, die öfter in Südtirol weilen und denen ich dreimal im Villnösser Tal begegnete sagten mir, dass die Tiere so schön sauber seien. Im Unterschied zur Stallhaltung liegen die Tiere nicht im Mist. Mir kam das selbstverständlich vor, aber Aussagen von anderen machen vieles erst noch bewusster. Das Wörndle Loch liegt zwischen 2000 und 2550 m Höhe und wird von Google-Maps nicht gefunden. Das finde ich super. Obwohl dort auch im Winter viele Skifahrer unterwegs oben sind. Im Sommer kann man getrost von mildem Massentourismus sprechen, aber eben nicht wie in Gröden oder Sölden von intensiv bewirtschafteten Touristen en masse. Ich bin am letzten Samstag meines Aufenthaltes über die Schlüterhütte Richtung Peitlerkofel mit dem MTB abgefahren, ins Kampiller Tal, dann Richtung Würzjoch und nicht zum Würzjoch sondern über Alta Badia weiter zum Grödner Joch hoch. Auf den Straßen gibt es viel Verkehr und viele Idioten, die auch gerne mal mit dem Motorrad den Weg zwischen Gruppe hoch und abfahrenden Radfahrergruppen beschleunigen. Wer also kann, sollte die Straßen an beliebten Orten meiden. Ich habe festgestellt, dass man abseits oft auch allein unterwegs ist und wenig Leute trifft, trotz eines allgemein hohen Verkehrsaufkommens auf den Straßen. Die Schlüterhütte ist offizielle Nachtunterkunft der Dolomiten-Wanderwege 2 und 8, außerdem führt der Europa-Wanderweg München-Venedig vorbei. Man trifft viele entspannte Leute. Leider schaffen es einige Müll sogar bis auf Klettersteige hoch zum Sass Rigais zur entsorgen. Ich bin mittlerweile intolerant gegenüber solchen Aktionen und spreche egal wo, ob in der Stadt oder auf dem Land sofort die Leute darauf an. Ein Kaugummipapier, eine leere Flasche wiegen nichts und Platz nehmen sie auch nicht weg, zumal man sie ja voll eingepackt hat und das auch ging. Aber die Landschaft geniessen wollen, seltsame Leute.

In Villnöß bzw. der Gemeinde Villnöß mit seinen Teilorten geht es ruhiger daher, als in anderen Orten. Denn Villnöß gehört zu den Alpine Pearls, einem Verbund von Ortschaften aus Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien, die Touristen ansprechen möchten, die auf das Auto verzichten können bzw. nicht unbedingt alles technisch Machbare nutzen, um die Bergwelt zu entdecken. Es ist trotzdem reichlich für Genuss gesorgt. Zahlreiche Wanderwege und ein paar Klettersteige, abgesehen von den zahlreichen Kletterpartien, die machbar sind. Wer will, kann auch in einem kleinen Klettergarten zu Füßen der Geislergruppe üben. Es gibt keine Lifte, keine Bahn. Am Besten zu entdecken ist das Villnösser Tal zu Fuß, auch wenn es zahlreiche Radwege gibt. Von Meran oder Brixen aus, kommt man gut mit dem Bus ins Tal. Da nur eine begrenzte Zahl Parkplätze zur Verfügung stehen, ist gut beraten, wer gern spät aufsteht, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. Die Fahrt mit dem Rad nach Villnöß bringt je nach Streckenwahl viel Spass oder Schweiß oder beides, je nachdem wie das Gefährt aussieht oder bewegt wird. Nach den Radwegen sollte man sich gut erkundigen, denn einige Strecken, z.B. von der Broglieshütte ins Villnösser Tal, sind nur für technisch geübte (Allmountain / Enduro / Freeride / Downhill) Fahrer geeignet. Ich habe es selbst ausprobiert und mein Race Hardtail über weite Strecken getragen und etwas geflucht, da ich mich auf eine schnellere Abfahrt gefreut hatte und nun laufen musste.

Zahlreiche Bauernhöfe freuen sich über Gäste und ich habe mit Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen, dass einige gerne noch zwei oder drei 600 Bettenhäuser im Tal hätten, nebst einer Verlängerung der Seceda-Bahn, die von Gröden kommt, nach Villnöß. Das würde das ganze bisherige Konzept des milden Massentourismus ad absurdum führen, denn große Betteneinheiten ziehen nun mal Verdrängungseffekte bisheriger Lebensarten nach sich und damit wäre der Charme des Tales um Villnöß verloren. Das Tal und der Ort sind übrigens gleichnamig. Gleichwohl lösen die Einheimischen nach den den verschiedenen Teilorten auf.

Spaß ist im Tal um Villnöß groß zu schreiben, wenn man keinen Wert auf eine Infrastruktur legt, die einem alles abnimmt. Die Menschen finde ich sehr sympathisch, obwohl ich natürlich einer kognitiven Verzerrung unterliege als Blog-Schreiberling und dem damit verbundenen Annehmlichkeiten. Das Einzige, was ich vermisst habe, war ein Zeltplatz. Aber leben möchten die Menschen in Villnöß angemessen, sonst wäre der Anreiz das Tal so zu erhalten, wie es ist, gering.

Vielen Dank an Sieglinde, Manuela, Matthias, Michel, Jonas und Günther, dass sie mich so lange und herzlich ertragen haben.

 

 


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