Collins.R@2014 Patagonia Inc._exp.01.11

Patagonia steht für draußen, für Outdoorsport, für Vollkontakt mit seinem eigenem Körper in der Natur. Patagonia hat es simpel mit der PR. Die Firma präsentiert sich umweltfreundlich und naturverbunden. Wer damit ein Problem hat, ist fast raus. Jetzt hat Patagonia ein neues interessantes Produkt, einen Neoprenanzug, der verstärkt auf Naturkautschuk setzt.

„Patagonias Leitprinzip ist einfach: Schaffe das beste Produkt, belaste die Umwelt dabei so wenig wie möglich und versuche andere zu inspirieren.“ PR

Mit dem Bio-Kautschuk-Hersteller Yulex entwickelte Patagonia aus der Wüstenpflanze Guayule (Parthenium argentatum) eine natürliche Alternative zu synthetischem Kautschuk. Ebenso leistungsfähig wie herkömmliches Neopren. Ähnlich wie kürzlich Tesla geht Patagonia einen interessanten Weg, der unsere Welt auf den Kopf stellen wird. Nämlich Informationen preisgeben, die ein Lock-in für vom Unternehmen geschaffene Grundlagen unterbinden. Das heißt den Wettbewerbern und Kunden nicht unbedingt aus Profitinteressen an das Unternehmen binden, wie es Apple, Google oder andere Großunternehmen als Status quo halten. Sondern Weiterentwicklungen ermöglichen. Tesla, ein bekannter Elektrosportwagenhersteller aus Kalifornien hat alle seine Patente freigegeben. Damit, so der Eigentümer, die gesamte Gesellschaft und die anderen Autohersteller die Entwicklung zu einer grüneren Gesellschaft mit dem Wissen aus den Patenten vorantreiben können. Patente bremsen oft eine schnellere radiative Adaptation guter Basistechnologien aus oder unterbinden besseren Substituten den Markteintritt durch Patentrechtsklagen, weil sie sich oft ähneln.

Patagonia ist eine B-Corporation, vollständig Benefit-Corporation. Das bedeutet, Patagonias Manager haben die Möglichkeit im alltäglichen Geschäft auch soziale und Umweltaspekte zusätzlich zu den Profitinteressen des Unternehmens zu berücksichtigen. Das war lange Zeit ein gesetzliches Problem, das die Manager in den USA per Gesetz verpflichtet, die Interessen der Anteilseigner zu schützen. In reinen Profitunternehmen werden so Möglichkeiten sozioökologischer Natur durch drohende Klagen der Aktionäre/Shareholder unterlassen. Seit 2010 erlassen diverse Staaten in den USA entsprechende Gesetze, um Manager vor derartigen Klagen zu schützen und Unternehmen zu ermutigen, gesellschaftlich verantwortungsvoller zu agieren. Dazu muss das Unternehmen aber eine Benefit-Corporation sein.

Außerdem ist Patagonias Gründer Yvon Chouinard Mitbegründer der Organisation One Percent for the Planet, einem internationalen Zusammenschluss von Unternehmen. Sie haben beschlossen, mindestens ein Prozent des Umsatzes oder zehn Prozent des Gewinns an eine Umweltorganisation zu spenden, im Pool der Kampagne ist.

„Das Know-how des Herstellungsprozesses teilt Patagonia öffentlich, um anderen Firmen zur Herstellung von Yulex-Wetsuits zu animieren. Weil bei steigender Nachfrage die Preise sinken und weil alle gewinnen, wenn mehr Surfer umweltfreundlichere Anzüge benutzen.“ PR

Das finde ich super. Bei genauerem Hinsehen kommen Fragen auf. Der informationsoffene Ansatz ist erstklassig, nur wenn ich Patente auf bestimmte Produkte besitze, nutzt die Kenntnis des Herstellungsprozesses nichts. Mein Wettbewerber darf kein derartiges Produkt auf den Markt bringen oder er muss Lizenzen kaufen. Wenn die Rechte komplett bei Yulex liegen, ist das kein Problem für Yulex. Dann stellt sich die Frage, ob Yulex nicht einen künstlichen Markt erzeugt, der in der Nische mehr Geld bringt als in der Masse. Steigende Nachfrage bedeutet nicht immer sinkende Preise. Das ist abhängig von der Marktform und nicht ohne Weiteres darstellbar. Vergessen werden darf keineswegs, dass es zu ebenfalls Reboundeffekten kommt. Je mehr Leute Surfen, Wellenreiten, Stand-up-Paddeln und so weiter, desto mehr reisen und benötigen Infrastruktur für den Aufenthalt.

Guayule ist nichts Neues für die Naturkautschukgewinnung, während des Zweiten Weltkrieges war Guayule bereits von Forschungsinteresse. Das Besondere, aus Guayule gewonnener Kautschuk besitzt keine Allergie auslösende Wirkung. Was Interesse in der Wirtschaft erzeugt, da wir uns zunehmend Allergien, unter anderen bei Latex, aussetzen. In Guayule befinden sich im Gegensatz zu Hevea brasiliensis, keine allergenen Proteine.

Hypoallergen und natürlich heißt wiederum nicht unbedingt ökologisch, denn wir „müssen“ bekanntlich in Massen fertigen, um die Nachfrager je nach Markt, zu stillen. Was zu großen Anbauflächen führen kann. Da Guayule eine Wüstenpflanze ist und Wüsten bekanntlich klimatische Extrema für Pflanzen darstellen, ist ein großflächiger Anbau immer problematisch. Wieder wird Infrastruktur nötig und die durch mangelnde Internalisierung von ökologischen Kenngrößen bekanntlich oft Ökosysteme aus der Balance bringt.

Was ist die Alternative, wenn Patagonia und Yulex und andere weiter konventionelle Neoprenanzüge herstellen? Es gibt Natur- und Synthesekautschuk. Der Synthesekautschuk basiert auf unserer petrochemischen Infrastruktur, Naturkautschuk größtenteils auf dem Kautschukbaum Hevea brasiliensis, wachsend mit Guayule (Parthenium argentatum) und der Gewöhnliche Löwenzahn (Taraxacum sect. Ruderalia), eine Gruppe sehr ähnlicher, verwandter Pflanzenarten, hat in der Wurzel ebenfalls bis zu 10% Kautschuk enthalten. Löwenzahn wird derzeit für die Anwendung erforscht.

Alternativ ist prinzipiell die weitere Verwendung von erdölbasierten Rohstoffen möglich, die Menge nimmt bekanntlich ab und die Verwendung mehr als fragwürdig. Prozessverfahren mit nachwachsenden Rohstoffen sind energetisch und forschungstechnisch aufwendiger, um das komplette Spektrum petrochemischen Wissens oder gar die Industrie zu ersetzen.

Eine weitere Frage wäre das Problem von Ertragsgrößen und -flächen. Extreme Standorte sind in der Regel nicht besonders ertragreich und reagieren empfindlich auf monokulturelle Agrareingriffe. Und auch Hevea brasiliensis hat eine große Fläche natürlicher Vegetation verdrängt oder eben fragmentiert. Löwenzahn ist eine Pflanze, die auf überdüngten Flächen gut gedeiht, d.h., wo ein erhöhter Stickstoffeintrag vorhanden ist, wie fast überall in der Landwirtschaft Deutschlands bzw. Mitteleuropas. Sie könnte also eine Alternative zu dem tropischen Kautschuk von Hevea brasiliensis werden, was aber noch in weiter Ferne liegt.

Nichtsurfen oder nur dort surfen, wo es ohne Neopren möglich ist, wäre eine Möglichkeit. Was die Zahl der Plätze zum Surfen drastisch reduziert und diese folglich durch höheres Surferaufkommen stärker belastet. Oder wir nutzen biologisch korrekte Cremes, die den Körper isolieren und problemlos abbaubar sind. Bis dahin möchte ich als Bewegungsbegeisteter nicht anderen Menschen ihre lieb gewonnenen Bewegungseinheiten verbieten oder vermiesen. Und erwarte ebenso Toleranz und Akzeptanz meiner Bedürfnisse. Also bleibt vorerst die beste aktuelle Möglichkeit einen Neoprenanzug zu nutzen. Oder weniger Zeit im Wasser zu verbringen oder weniger verlockend, sich eine andere Freizeitbeschäftigung zu suchen.

Patagonia_R2_Yulex_Nexkin_inside_front

„Im Herbst/Winter 2014 erweitert Patagonia seine Yulex Wetsuit-Kollektion um zwei Modelle, den M’s R2 Yulex/Nexkin FZ Full suit (580 €/CHF 699) und den M’s R3 Yulex/Nexkin FZ Full Suit (620 €/CHF 799). Das Material besteht aus 60% Yulex Bio-Kautschuk und 40% herkömmlichem Neopren. Die neuen Anzüge bieten zusätzlich den Vorteil einer ultra-robusten, winddichten Nexkin® Beschichtung, die einen Durchbruch beim Kälteschutz bedeutet. Die Yulex-Wetsuits von Patagonia mit Nexkin Technologie sind derzeit die einzigen umweltfreundlichen Wetsuit auf dem Markt.“ PR

Umweltfreundlich? Meine Umwelt, derzeit Hamburg, ist urban und massiv vom Autoverkehr geprägt. Da ist es schon umweltfreundlich, wenn ich zu Hause bleibe und nichts unternehme. Deswegen finde ich den Begriff inhaltsleer, zu sehr kontextabhängig. Besser ist ein PR-Standard, präziser mit Worten umgehend. Anders formuliert, die derzeit genutzten Wetsuits sind die Umweltfreundlichen, da sie nicht neu produziert sind. Oder die wirklich robusten langlebigen Wetsuits sind die Umweltfreundlichen, da sie lange Nutzzeiten aufweisen, ob nun von einem Sportler oder mehreren. Wer verbringt denn wirklich viel Zeit im Wasser auf das Jahr betrachtet. Denn Energie- und Materialverbrauch ist zeitvariant destruktiv und nicht kohlendioxidneutral, da die Zukunft weniger divers an Arten sein wird. Quantität in CO2-Tonnen ersetzt nie hohe biologische Qualität evolutiv entstanden.

Wie Ihr seht, ist die Lösung nicht trivial, aber es bleibt Eure Entscheidung. Und wenn es uns nicht leicht fällt, so bin ich immer geneigt, im Zweifel für den umweltfreundlichen Wetsuit zu stimmen. Es sei denn, Euer alter Wetsuit ist noch gut für jede Menge Spaß im Wasser. Hier gibt es mehr zum Nexkin.

 

Bildmaterial: PR Patagonia


Subscribe to comments Both comments and pings are currently closed. |
Post Tags: ,

Browse Timeline


Comments are closed.


© Copyright 2007 GREENDELICIOUS . Thanks for visiting!