Aber sicher.

Dienstag war ich auf dem Gut Karlshöhe im Nordosten Hamburgs zu einer Filmvorführung Titel „Live and Let Live“, einem Film über Veganer. Das Ganze fand im Rahmen einer kleinen Reihe zur veganen Ernährung statt. Elf Frauen und drei Männer waren anwesend. Etwa ein Drittel der Plätze war belegt. Also sind Frauen interessierter und allgemein wenig Menschen am Veganismus interessiert?

Der Film ist interessant und regt zum Nachdenken an. Ich muss gestehen für mich war nicht viel Neues dabei. Aber wie so oft regt die wiederholte Beschäftigung mit einem Thema an und je öfter man sich damit auseinandersetzt, desto mehr wächst bei mir der Wunsch vegan zu essen, vorerst für zwei Monate. Da ich derzeit mein Essen dokumentiere, fällt mir das gar nicht schwer, denn bis auf Butter, Milch und bis zu drei Mal Fisch oder Fleisch in der Woche sowie beträchtliche Mengen Käse muss ich nicht viel umstellen.

Ursprünglich verfolgte ich einen radikaleren Ansatz, der natürlich wie so oft nicht umsetzbar ist. Denn ich bin dafür, dass wild lebende Tiere an erster Stelle kommen. Denn die meisten domestizierten und ver- und überzüchteten Tiere in unserer Umgebung sind kaum noch lebensfähig ohne den Menschen. Insofern konnte oder wollte ich die Veganer nicht verstehen. Was bewirkt die Rettung von 6 Hühnern, wie im Film ausführlich dokumentiert, aus einer Legebatterie mit über 10.000 Tieren? Nix. Das ist auch jetzt noch meine Meinung. Und das Freilassen dieser von den Befreiern sogenannten Individuen in einen Lebensraum, der sie nur sehr schnell zu Opfern besser angepasster Raubtiere an diesen Raum werden lässt, lässt mich ebenso den Kopf schütteln. Andererseits werden natürliche Raubtiere so unterstützt, wenn auch die Frage, ob nicht die Giftakkumulation in den Hühnern zu einer zu hohen in den Raubtieren führt. Na, ich denke nicht, dass so viele Gifte in Legebatterien anfallen. Oder doch?

Müssen wir Tiere, die wir degeneriert haben als Individuen wahrnehmen und in Kuhaltersheime stecken? Was kostet uns diese Handlungsweise? Tiere, die gar nicht existieren würden, werden noch länger am Leben gehalten und belasten unsere überbeanspruchten Ressourcen weiter. Die Alternative wäre Schlachtung und Verzehr. Der Großteil unseres käuflichen Rindfleisches stammt von ausgemusterten Milchkühen und Kälbern, die den Milchkühen weggenommen werden. Kühe müssen kalben, um Milch zu geben. Das passiert für eine Milchkuh drei bis fünf Mal im Leben. Mit 6 Jahren ist die durchschnittliche Milchkuh ausgelutscht von unserer Milchindustrie. Kühe können bis 30 Jahre alt werden, wenn sie nicht als Hochleistungsmilchmaschine dienen.

Ich war vor zwei Jahren in Südtirol und habe dort über 40 verschiedene Höfe gesehen, die Milchproduktion betrieben. Für mich war es seltsam, warum die Kälber immer getrennt von den Kühen waren, oft in kleinen Plastikboxen, manchmal in kleinen Verschlägen im Stall. Die Kälber sahen nicht oft vital und happy aus, lethargisch vielleicht. Natürlich, weil sie keine Mutternähe spüren, wie sie bei Säugetieren üblich ist. Das habe ich unbewusst wahrgenommen oder es aus Höflichkeit gegenüber meinem Begleiter unterdrückt, aber der Film hat zur Bewusstwerdung geführt. Jedes Baby, dass seiner Mutter länger weggenommen und isoliert wird, baut automatisch soziale, neurologisch bedingte Defizite auf, durch überhöhte Stresshormonlevel, die sich, im Fall der Kälber nicht, da sie geschlachtet werden nach kurzer Mast, ein Leben lang hinziehen können.

Deshalb war meine bisherige innere Argumentation, wenn auch nicht gegen die Veganer, so doch ebenso wenig für Veganismus. Aber wenn wir die Nutztiere im industriellen Modus abschaffen, schaffen wir wieder Räume für sekundäre oder tertiäre Vegetationen, in denen artgerechtere Freilandhaltung und „wild“ lebenden Tieren eine Annäherung an ökologisch harmonischere Lebensräume ermöglichen. Dazu völlig logisch, muss natürlich zuerst die Nutztierhaltung eingeschränkt und mit völlig anderen Methoden und Einsichten betrieben werden. Dazu sind Veganismus und daran angelehnte Lebensweisen hervorragend geeignet, in Verbindung mit sinnvollem Konsum, der nicht auf überholten Luxusvorstellungen beruht. Jede Form von Landwirtschaft, die den Flächenverbrauch nicht reduziert und umkehrt, Flächen teils ruiniert und anderen wertvolleren Nutzformen zuführt, kann nicht länger akzeptabel sein.

Obwohl jetzt bin ich zwei Tage ohne tierische Produkte genährt und stelle fest, Getreideprodukte machen mich müde, wenn ich nicht sofort in Bewegung verfalle. Und ich bin schon am Überlegen, wie ich genug Nahrung zu mir nehme. Ehrlich, ich denke an etwas Fleischiges und esse gleich meine zweite Ladung Müsli heute. So richtig gefallen finde ich noch nicht an dem Gedanken nur noch Gemüse, Obst und Nüsse zu mir zu nehmen. Was mich auch stört, ist meine Bequemlichkeit, denn ich muss mich mit dem Essen auseinandersetzen. Dazu habe ich eigentlich keine Lust. Was mich wieder dazu führt, warum? Erstmal egal.

Das ist wohl das häufigste direkte und indirekte Argument. Der Zeitaufwand, vielleicht nicht immer als solcher deklariert, aber alles muss ja schnell gehen heute. Aber ich habe mich mit allen Flyern ausgestattet, die dort auslagen, und bin zuversichtlich mich gut mit Veganem eindecken und ernähren zu können. Und ich freue mich, denn ich hoffe endlich meinen Kaffeekonsum abzustellen, durch weniger sedierende Nahrungsmittel. Ist das ein gewollter Nebeneffekt?

Warum taucht nun mein Entschluss mich 2 Monate vegan zu ernähren auf? Einmal, weil ich meinen ökologischen Fußabdruck verringern möchte, denn Butter und Käse haben eine negativere Kohlendioxid-Bilanz als Fleisch. Aber Bilanzierung ist nicht wirklich etwas für mich. Ich liebe evolutionäre Qualität, fundamental für Schönheit und Vielfalt. Insofern weiß ich zwar um den Quantitätsabgleich in der Bilanzierung, aber grundlegender ist der Prozess mit zunehmendem Wissen Qualität jenseits der Oberflächen als nach innen verlagerte Ästhetik zu erkennen. Form ist Funktion, zumindest in der Natur. Was nicht heißt, sich ständig in Detailwissen zu verlieren, sondern einfach das Wunderbare an unserer Welt zu betrachten und falls Lust und Laune einen befällt, auch mal hinter die schöne Optik zu schauen. Zweitens, bereits oben genannt, ich hoffe, mich fitter und gesünder zu fühlen. Und drittens ist eine fordernde Achtsamkeitsübung, den ganzen Tag. Das waren ein paar einführende Gedanken zum Thema. Ich werde mich entsprechend in den nächsten zwei Monaten weiter mit der veganen Lebensart auseinandersetzen und ethische, soziale und ökologische Gründe anführen.

Das größte Problem wird sein, sich lokal ernährungsphysiologisch  vernünftig zu ernähren. Nur vegan ist einfach in einer Großstadt. Lokal, regional wird die große Hürde. Soja, Palmöl als Milch- und Butterersatz sind Katastrophen wie jede Monokultur und verstärken Abhängigkeiten, da wir vor Ort die Möglichkeiten verpassen, uns konsistent mit den vorhandenen Ressourcen zu versorgen, zumindest mit Nahrungsmitteln. Also werde ich mich auf den Weg machen und lokale Produzenten bzw. mit lokalen Produkten Handelnde zu finden.

 

Film: „LIVE AND LET LIVE“

Veranstaltungsort: Gut Karlshöhe


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