Verdammt.

Kaffee ohne Milch ist wie Sport ohne zu Schwitzen für mich, wenig befriedigend. Da ich mich jetzt aber 2 Monate vegan ernähren möchte und ich nicht einfach unbegründet meinen Kaffee mit Sojamilch, die in der Regel ökologisch nicht einwandfrei ist, vermischen möchte, hier ein paar Argumente wider Milch in unserem täglichen Ernährungsprogramm.

In meinem Artikel Kann ich auch vegan behaupte ich vollmundig, dass ich wenig ändern muss. Jetzt habe ich mich selbst erwischt, meine Nudeln können Spuren von Ei enthalten. Die Chips, die ich gerade gefuttert habe, haben leider Süßmolke enthalten. Ups. Es fällt mir nun auf, dass ich ganz schön viel umstellen muss, zu milchig war meine Nahrung bisher. Deshalb denke ich an

Süße Kälbchen

Zwei Millionen Bullenkälber kommen jedes Jahr in Deutschland zur Welt. Leider geben Kälber noch keine Milch und auch bei erwachsenen Bullen klappt es laut Gentechnik noch nicht so recht. Diese Bullenkälber sind als auf Milchleistung überzüchtete Kühe nicht viel wert und werden deshalb als Jungtiere geschlachtet. Zu früheren Zeiten waren Rinder Fleisch- und Milchlieferanten. Ursache für das Schlachten der Kälber, Milchkühe sollen Milch geben. Ohne Kalben wird das nichts. Aber Kälber stören natürlich die Kühe und nehmen bei der Mutterkuh belassen dem Milchproduzenten Milch weg. Überflüssig wird dann so ein Kalb, nur weiblich oder als Zuchtbulle in spe überlebt es. Da muss doch technologisch was zu machen sein, um nur weibliche Kälber oder Zuchtbullenkälber zu bekommen. Das mag ich mir nicht als Ende der Effizienz vorstellen. Oder vielleicht doch auf Milch verzichten? Übrigens auch für die meiste Biomilch werden den Kühen die Kälber genommen. Und für Biomilch stehen ebenso Kühe im Stall.

Idyllische Stallhaltung

Stelle Dir vor, Du stehst eventuell auf Beton oder einem Stahlspaltgitter, bist vielleicht angekettet oder Du bist nicht angekettet, aber stehst auf ziemlich engem Raum, ohne Dich drehen zu können. Klingt tierisch romantisch? Du stehst mit bis zu 49.000 anderen Kühen in der Milchproduktionsanlage und ihr hört einander völlig gestresst zu. Ihr dürft sogar dort scheißen und pissen. Ich formuliere es drastisch, denn ich gehe davon aus, dass die meisten Säuger sich nicht freiwillig in ihren eigenen Fäkalien liegen oder stehen, denn es macht keinen Sinn, Raubtiere oder Parasiten unnötig anzuziehen. Einmal am Tag wird, wenn Du Glück hast, Stroh gestreut, dann brauchst Du nicht zu lange in den eigenen Fäkalien stehen. Aber es wäre klug, sich immer erst kurz vor dem Ausmisten zu entleeren. Blöd nur, dass Du Langeweile hast, Du stehst ja beengt im Stall und kannst wenig mit Dir anfangen. So bekommst Du als Ausgleich ordentlich Kraftfutter und Wasser, damit Du Milch gibst und zweimal täglich abgemolken werden kannst. Zusammen mit dem eventuellen Ausmisten die drei täglichen Highlights. Also frisst Du, Fressen beruhigt bekanntlich. Auch die Deine Konsumenten.

Ach ja, da Dein Euter so überproportional ist und Du keine Bewegungsmöglichkeit für Deine Muskulatur hast, tut Dir wahrscheinlich der Rücken weh, Du hast Haltungsprobleme und Gelenkschäden. Deinen Klauen geht es nicht so gut, Du bist ständig schwanger und Hörner zum Wehren hast Du nicht mehr. Dazu wurden Dir, damit Du andere Kühe oder Dich selbst nicht verletzt in der Babyphase Eures Daseins die Hornwurzeln ausgebrannt. Und natürlich damit Du problemlos, wenn Du doch zum Weidevieh gehörst, in die Melkgitter passt, damit Du mit einer Bewegung zusammen mit den anderen Kühen verriegelt und abgemolken werden kannst. Ist ja auch umständlich, jede Kuh einzeln zu fixieren. Schaut Euch mal um, wenn Ihr in den Alpen seid oder auf Bauernhöfen, wie viele Kühe noch Hörner haben. In der Werbung natürlich schon. Seit ich wieder häufiger im Alpenraum unterwegs bin, haben mich anfangs die Kühe ohne Hörner überrascht, bis ich mit einem Almhirten darüber gesprochen habe. Übrigens ist es gut so, dass Du nicht draußen bist, Du würdest Dein überproportionales Euter nur malträtieren oder lieber einfach stehen, da es Dich behindert beim Laufen. Über 40% der Kühe stehen nur in Ställen. Da kommt jetzt immer das Argument mit den zu geringen Weideflächen für all die Kühe. Zurzeit werden für jeden Erdenbürger etwa 80 Liter Milch pro Jahr produziert. Dass die Folgeschäden (Überdüngung durch die Kuhfäkalien, Verseuchung unserer Biota mit Antibiotika, Biodiversitätsverluste, Verlust kultureller Vielfalt, soziale Spaltung und Spannungen, Strukturschwächung vieler ländlicher Gegenden, krankhafte Urbanisierung usw.) und -kosten nicht von der Milchindustrie wie von den meisten Industrien nicht internalisiert werde und somit allen anderen und den kommenden Generationen aufgebürdet werden ist wohl klar. Das Ganze ist so absurd, dass ein Mensch bei Verstand nicht anders kann, als auf viele Sachen zu verzichten und tiefer zu gehen. Natürlich muss ein Bewusstsein dafür vorhanden sein und dafür ist Bildung unumgänglich. Mangelnde Bildung gehört ebenfalls zu den Folgekosten vergangener Fehlleistungen unserer Gesellschaft und da die Gewinne privatisiert sind, übernimmt keiner die Verantwortung dafür, was dann plötzlich ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Ich weiß nicht wirklich, ob ich es jetzt übertrieben dargestellt habe. Ich bin ja keine Kuh, aber ich persönlich möchte aus vorherigen Überlegungen heraus keine Kuh sein, statistisch gesehen wäre die Wahrscheinlichkeit hoch eine Hochleistungsmilchkuh zu sein. Anderseits wäre ich eher Schlachtmaterial als künftiger Bulle.

Milch für die Welt

Wem vorherige Argumente egal sind und diesen esoterischen Blödsinn von Veganern nicht glaubt. Schließlich war es schon immer so und wir sind Omnivoren und überhaupt Urgroßvater X  aus Y hat ständig Milch getrunken und Fleisch gegessen und Käse kiloweise in sich hinein geschaufelt, da kann Milch von der Kuh nicht schädlich sein. Recht hat er, er weiß ja nicht woher irgendwelche Krankheiten kommen, wir vergiften uns ja so systematisch mit möglichst viel Faktoren, dass es schlicht unmöglich ist, signifikante Ergebnisse für ein Produkt oder Milchprodukte zu bekommen.

Aber Urgroßvater X  aus Y hatte wahrscheinlich noch richtige Milch, roh auf dem Tisch und wahrscheinlich auch nicht in den Massen, die ihre wohlmeinende Erinnerung ihnen suggeriert. Und er hat sie regelmäßig direkt von Kindesbeinen von der Kuh getrunken, war also mit einem martialischen und genetisch korrekt frisierten Magen ausgestattet. Vielleicht hatte er auch Glück und hat wenig industrielle „Zusatzstoffe“ aus der Milch aufgenommen. Und körperlich hat er sich ein wenig mehr betätigt als unsere Stadtmenschen, die bei einem kleinen Schneeschauer schon vom Sturm sprechen und einen Schnupfen sofort als Grippeepidemie ausrufen. Denn heutige Produktionsprozesse in der Milchindustrie, ja die Milch wird ordentlich behandelt, ziehen einerseits wichtige Vitamine und Spurenelemente aus der Milch und andererseits enthält sie Pestizide, Umweltgifte, Medikament- und Hormonreste, Schwermetalle, Blut, Eiter … Dass wir in Millionen Litern denken, ist vielleicht nur zur Verdünnung der erwähnten „Zusatzstoffe“. Die Milch von einer Kuh reicht so, um die Kuhmilch vieler Kühe zu kontaminieren. Klingt appetitlich? Zwei Drittel der Menschheit besitzen keine Enzyme für den Abbau von Lactose. Milch wird zudem mit zahlreichen Krankheiten (Asthma, Neurodermitis, Morbus Crohn, Akne, Diabetes Typ 1, Blasen-, Nierensteine, Blähungen, Migräne, Adipositas usw.) und Milchallergie in Verbindung gebracht. Macht nix, es gibt ja laktosefreie Milch. Und überraschend auch für mich, Milch ist keine gute Kalziumquelle, denn tierisches Eiweiß fördert die Kalziumausscheidung und ist mitverantwortlich für die hohe Zahl an Osteoporosekranken in Industriestaaten mit hohem Milchkonsum. Natürlich gibt es keine „richtigen“ Studien, die Milch verdammen noch einen Beweis für die positive Wirkung auf den menschlichen Körper aufzeigen. Seltsam bei ungefähr 625 Millionen Tonnen jährlich produzierter Kuhmilch weltweit. Scheint ein komplexes Gemisch zu sein.

Milchstandard

Im Handel innerhalb der Europäischen Union darf allein die Milch von Kühen als „Milch“ bezeichnet werden. §2 der Milchverordnung definiert „Milch“ als „das durch ein- oder mehrmaliges tägliches Melken gewonnene, unveränderte Eutersekret von zur Milchgewinnung gehaltenen Kühen“. Was natürlich die Frage nach der Konsistenz im Handel erhältlicher Milch aufbringt. Und desgleichen, ob und welche Milch, gesund sein kann und als solche überhaupt noch bezeichnet werden darf. Dazu habe ich mir mal ein Übersichtsblatt für Milchprodukte angesehen. Was steht da überhaupt immer auf den Flaschen und Kartons? Milch oder Frische Vollmilch, H-Milch oder einfach Milch. Darf ich Rohmilch dann überhaupt als Milch verkaufen? Und natürlich muss man darauf achten, was steht auf der Verpackung eigentlich? Sind die Hersteller dadurch in irgendeiner Form verpflichtet, sich an etwas zu halten? Oder schreiben die Gesetztestexter nur das ab, was technologisch gerade State of the Art für möglichst hohe Absatzzahlen ist?

Übrigens versuche ich, mich auch von Soja zu verabschieden. Und da ich mich seit 3 Tagen wacher fühle als nicht vegan, sehe ich ausgezeichnete Voraussetzungen mir meinen Kaffeegenuss abzugewöhnen. Aber ich arbeite mich Schritt für Schritt voran in eine Zukunft des minimalen ökologischen Fußabdruckes von meiner selbst, ohne den Spaß am Leben zu verlieren.

Ich mag Milch, denke aber, ich kann ohne

Nur, dass ich richtig verstanden werde. Ich mag Käse, ich mag Joghurt, ich mag Quark und ich mag Kaffee mit Milch und Butter auf meinem Brötchen, also, das, was heute als Milch und Butter definiert wird. Aber was soll der ganze Müll, wenn ich ihn nicht brauche. Wenn ich dadurch weniger müde bin und mich unbelasteter fühle? Die große Herausforderung wird allerdings sein, lokale Nahrungsmittel zu finden, um mich hinreichend mit Nährstoffen zu versorgen. Ein weiterer Grund ist natürlich, dass Käse und Butter einen ungünstigen CO2-Abdruck haben und damit die Biodiversität reduzieren mit den Abermillionen Stallkühen. Das hängt sehr gut vermittelbar zusammen, wenn sich Häufigkeitsverteilungen weniger Phänomene verschieben, ob dass nun Milchkühe, Kohlendioxid oder immer größere Verwaltungsgebiete betreffende Einheitswährungen sind, dann verlieren wir Vielfalt.

Natürlich gibt es Ethnien, deren Kultur so stark geprägt ist von Milch und Milchprodukten, dass sie ohne nicht überleben könnten. Aber gravierende Unterschiede bestehen in Qualität und Quantität, sowohl in der Nutzung wie auch in der Methodik, Milch zu gewinnen und nicht möglichst effizient Menschen zu verkaufen, die Milch gar nicht benötigen. Derartige Ethnien sind in Eigenversorgung darauf angewiesen und nutzen Land als Weideland, das nicht für den Ackerbau geeignet ist. Und solange eine jahrhundertealte Kreislaufwirtschaft besteht, gelingt das auch. Nur wenn auf einmal kontinental oder weltweit meine Käsesorte oder Quark verkauft werden soll, dann gibt diese Form sinnvoller Kulturökologie es nicht her.

Ich habe schon direkt Rohmilch von der Alm in meinem Kaffee genossen und bin nicht umgefallen oder habe mich schlecht danach gefühlt. Dazu möchte ich erwähnen, dass ich in meiner Kindheit durchaus Phasen hatte, in denen mir schlecht wurde, von Milch aus Flaschen, die nicht so stark verändert waren wie heutige Milch.

Übrigens trinke ich meinen Kaffee jetzt mit Reismilch oder rühre Reste von meinem Proteinpulver in meinem Kaffee. Das ist nicht ganz vegan, weil im Proteinpulver Milcheiweiß ist, aber wegwerfen werde ich es auch nicht, und bis ich meine Einkaufsgewohnheiten optimiert und mein Körper auf vegan umgestellt habe, ist das Zeug lange weg. Langsam entwickeln sich meine eingefahrenen Konsumgewohnheiten in Ernährungsfragen und ich gestehe, ich habe zu viel Bio-Fertigfraß gekauft, aus Bequemlichkeit. Nach einer Woche fast vegan merke ich wie eingeschliffen man isst.

Infos gibt es hier:

sag nein zu milch (Mir persönlich etwas zu polemisch, aber trotzdem anregend.)

taz Zum Ende der Milchquote (Lest bitte die Foren, die sind oft mit den besseren Argumenten versehen.)

Wikipedia hat jede Menge links zum Stöbern.


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