Blooming

Mike Tyson, Steve-O, Anthony Kiedis, Jared Leto, Pamela Anderson, Olivia Wilde und Tobey Maguire sind Veganer, laut Presse. Dave Scott soll während seiner 6 Iron Man Siege auf Hawaii vegan unterwegs gewesen sein. Ist das individuell stimmig oder einfach allgemein besonders gesund?

Kürzlich explodierte die Front Vegan vs. Allesfresser wieder mal. Irgendwienormal mit einem scheinbar antiveganem Statement von Sarah Wiener. Die Sozialen Medien geben schön kurze Argumente wieder, die jeweilige Verfechter eines Lifestyles von sich geben. Da werden Studien aus dem eigenen erinnerungswürdigen Gedächtniszauberhut gezogen, dass jeder seine eigene Meinung behalten kann. Muss er auch, schließlich darf aus existentiellen Gründen, der eigene, teilrealisierte Plan vom kulinarischen Dasein nicht in Frage gestellt werden. Und wie will jemand bitte schön, das Essverhalten von der sozialen Einbettung trennen? Wo ein Wille ist quasi ein Weg und der Weg ist schließich das Ziel. Und das Frühstücksfernsehen, ich habe glücklich vergessen auf welchem Sender, legte „spektakulär“ mit einem kurzen Film zu dem Thema mit Sarah Wiener nach, die ihre Meinung, wenn auch etwas gequält wirkend, wiederholte.

Ich selbst bin immer wieder irritiert, aufgrund eigener Voreingenommenheiten und manchmal bei Mitmenschen, weil ich sehe wie ich selbst oft etwas in meine eingeschliffenen Denkmuster hinein verzerre und wir unsere Fehler in der Regel viel besser bei anderen sehen. Nichts ist dabei so komplex wie Umwelthemen und damit Veganismus.

Für mich ist Veganismus nicht so einfach umzusetzen, wie ich mir das dachte. Mein veganes Bestreben habe ich nach drei Wochen abgebrochen. Milch darf wieder in meinen Kaffee, obwohl ich nur 4 kaffeehaltige Getränke im letzten Monat zu mir genommen habe, auswärts. Dafür trinke ich jetzt grünen Tee, der wohl nicht in Deutschalnd angebaut wird. Fisch esse ich hin und wieder. Allerdings mit diesen extrem häufigen Siegeln, dass ich mich frage, ob ich nur in Geschäften einkaufe, in denen sie erhältlich sind oder ich die Tatsache akzeptieren sollte, dass alle Fische mittlerweile zertifiziert sind, sobald der Laich befruchtet ist. Fleisch esse ich 4 bis 5 mal im Monat. Meine letzten 7 Jahre auf diesem Planeten haben sukzessive ihre Fleischlastigkeit verloren. Denn ich ekel mich oft vor der Fleischtheke. Mein Vertrauen in die Nahrungsmittelindustrie ist lange dahin. Mein letztes Fleischerlebnis war interessant, ich konnte nach ca. 150 Gramm Schinken nicht schlafen, da mein Puls ziemlich hoch war, aufgrund der überforderten Verdauung. Kann ich das als Herzkreislauftraining von der Kasse anrechnen lassen?  Ist es überhaupt möglich wirklich Fleisch von glücklichen Tieren zu bekommen? Schließlich sind wir Omnivoren. Und bei uns geht es eben auch hoch und runter mit Wohlergehen und allem weh der Welt.

Es regt sich deshalb Widerstand in mir. Nicht wider einem sinnvoll begründeten Veganismus oder vegetarischem Essen, sondern aufgrund der Dogmatiker in den Foren. Und natürlich auch ob der zahlosen Ethnien, die sich über Jahrtausende erfolgreich vermehrt haben, mit Fleisch. Klar, der Dodo ist ausgestorben, die Stellersche Seekuh, der Auerochs und das Riesenfaultier ebenso wie die gorillagroßen Lemuren auf Madagaskar oder die Elefantenvögel und Moas in Neuseeland. Alle weggefressen. Und viele mehr. Abgesehen von zahllosen Spezies, die ohne große Aufmerksamkeit verschwinden. Pflanzen beispielsweise, die auf Bestäubung und Verteilung der Früchte durch diese größeren Schädeltiere oder auch kleine Invertebraten angewiesen sind. Ich warte daher immer noch auf die Idee von naturliebhabenden Multimillionären Orcas oder noch größere Meeressäuger mit Pfeil und Bogen zu erlegen, weil sie entweder schwere soziale Schäden in Belustigungsaquarien erlitten haben, oder den lokalen Fischern lästige Konkurrenten sind, die durch große Trawlerflotten über die Maßen geschädigt sind, durch sich nicht erholende Fischbestände. Und natürlich, weil sie so einen Abschuß ordentlich zu bezahlen haben, um „arme“ Ethnien gegen die industrielle Welt zu wappnen oder zu entwickeln. Ich mache gerne die Kampagne, einfach anrufen.

Veganer, eine Minorität als Übergangsbewegung, die sich auf die Hinterbeine stellt und oft den Rest der Gesellschaft anprangert, sich nicht veganesk zu verhalten. Die Zahlen schwanken wieviele Deutsche vegan oder vegetarisch unterwegs sind. Vegane Nahrungsmittelkonsumenten der Convenientklasse werden als Puddingveganer tituliert und echte Veganer von Omnivoren unter Homo sapiens sapiens als nicht kampffähig im täglichen Überleben angesehen. Jeder hat wieder mal recht. Jeder ist inkonsequent. Eine Antwort auf diese Frage folgt sofort, das Ganze ist ja ein Prozess. Gähn. Wie alles andere auch.

Eine Replik in Enorm (online) von Julia Akra-Laurien, Gründerin von Noveaux, einem veganem schickem Heft ist nicht minder kontrovers kurz. Sarah Wiener hat es nicht verstanden, heißt es da sinngemäß. Marketing um jeden Preis. Für sich selbst. Von beiden Damen? Oder was? Sarah Wiener Unwissenheit oder -verständnis vorzuwerfen ist albern, wie im Kindergarten. Lange genug kocht sie allemal, um zu wissen wie gesunde und auch ökologisch gerechte Ernährung aussieht. Das hat sie auch gesagt, saisonal, regional und frisch, wenn möglich essen, selber kochen und Produkte mit zu vielen unbekannten Inhaltsstoffen meiden. Für mich sieht Einiges im Moment aus wie die Verteidigung neuer Geschäftsmodelle mit gesundem Halbwissen und dem Verkauf dieser Geschäftsmodelle an die Massen. Dazwischen steht einsam das Individuum mit seinem nun völlig von der gesund lebenden Welt getrennten Ego und weiß nicht wie ihm geschieht. Also wieder schnell auf den eigenen Teller blicken. Oder was?

Natürlich hat Sarah Wiener recht, wenn die Seitanwürstchen, Tofuwiener und Quinoa, Maca-Pulver oder Amaranth, prozessiert oder nicht, um die halbe Welt geschippert werden, damit hierzulanden vegane „Quasisoziopathen“ sich hoch divers und trotzdem mit oft industriell Gefertigtem vollstopfen können. Mais und Soja sind in fast allem in irgendeiner Form enthalten. Ein bisschen einseitig was? By the way: Gentechnisch veränderte Mais- und Sojasorten bilden den Großteil der weltweiten Produktion.  Und ich wiederhole mich, dass Veganer nur existieren können, weil wir die Welt so globalisiert im anthropozentrischen Griff haben. Angebliche Tierliebe hin oder her. Recht hat sie auch, wenn die Nahrungsmittelindustrie und Handelsketten den Verbraucher mit grünen Produkten und veganem Highlife befeuern, dass jeder beim Einkaufen hoffnungslos ohne Handyempfang im Markt überfordert ist. Schließlich ist nicht jeder ein grüner Ökotrophologe. Letztendlich verbinden die Marketingleute grüne Farbe mit grünem Produkt und wer fühlt sich nicht grün, wenn er bei Aldi, Penny oder Rewe zu einem grün eingefärbtem Produkt greift. Nie war grün einkaufen so einfach wie heute. Oft geistern ominöse Vergleiche durch die Medien, die konventionellen Produkten den gleichen Nährwert bescheinigen wie zertifizierte aus der Biobranche. Das mag sogar stimmen, wenn man bioindustrielle Nahrungsmittel mit Herkömmlichen vergleicht, aber es geht ja um mittel- und langfristige soziale und ökologische Probleme. Also wie ermögliche ich meinen lokalen Nachbarin Angela und meinem globalen Freund Onge ein gerechtes Einkommen. Wir brauchen Entflechtung, sonst zwingen uns die zunehmenden Abhängigkeiten in immer hoffnungslosere Positionen. Und hier heißt es ja so oft, der Konsument entscheidet, was verkauft wird. Das reduziert uns auf politische Konsumenten. Schließlich werden die meisten Entscheidungen nicht plebiszitär imperativ getroffen in Deutschland von unseren Politikern. Und trotzdem werden über 743 (2012) Millionen Tiere (Hühner, Schweine, Puten, Enten, Rinder, Schafe, Gänse, Ziegen) allein in Deutschland geschlachtet. Trotz all der Gutmenschen in und unter uns.

Dass es eine simple Einkaufshilfe ist, nach der Kenntnis der Ingedrenzien zu urteilen und bei Unkenntnis nicht zu kaufen, mag ein gut gemeinter Ratschlag von Sarah Wiener sein, aber gerade die Krux ist ja, dass die meisten Stadtmenschen eine Milchkuh nicht vom Ochsen unterscheiden können und Kühe ohne Hörner für normal halten und falls der Geschmack des Fleisches nicht vorhanden oder zum Kotzen ist, kann ja nachgewürzt werden. Dazu gibt es ja ganze Biliotheken, die uns sagen wie wir modular alles zusammenkochen können. Nur blöd, wenn die genaue Zutat gerade nicht im Supermarkt gefunden wird, was natürlich selten der Fall ist. Wir sollen ja wiederkommen. Bei Schnittblumen sind die Stadtladys aber super, obwohl die meist aus fragwürigen Quellen stammen und essen wird die ein Veganer auch nicht. Oder doch?
Palmöl, Soja- und Zuckerrohrplantagen, gemein Monokulturen, die nur der Effizienz der Nahrungsmittelriesen, ob sie nun Produzenten oder Verarbeiter oder beiden dienen, dürften jedem bekannt  sein. In der Regel sind die Handelsketten Preisdrücker. Angeblich wieder weil der Verbraucher es so will. Intransparent getäuscht zu werden und dabei die Ressourcen zu zerstören, klar, das will jeder.

Und das jene Veganer, die sich den Luxus leisten können, weil sie irgendwo anders die Welt im Job eben für jene allgegenwärtige Effizienz und Produktivität strukturieren oder kreativ andere Allgemeinplätze neu definieren möchten und dadurch erst das gute Geld verdienen, um sich die veganen Lebensmittel leisten zu können, ist vielleicht auch mal der Fall. Ich wäre interessiert an einer Studie, die aufzeigt wo Veganer und andere Diätisten hauptsächlich ihr Geld verdienen. Und oben angesprochene Promis kommen nie auf einen ökologischen Fußabdruck. Denn sie leben auf viel zu großem Fuß. Allein der Ausstoß an Kohlendioxid für ihre Flüge dürfte reichen, um den Kindeskindern die Öko-Bilanz zu zerbröseln. Schönen Gruß an alle Porsche fahrenden Bestsellerverkäufer.

Natürlich haben Veganer recht, wenn sie sagen, wir erzeugen industriell Tierleid und ökologische Schäden. Aber, Du lebst und damit erzeugst Du automatisch ökologische Schäden auf unserem Planeten, weil Du nicht im holistischen Sinn ökologisch sein kannst, zumindest nicht in einer mitteleuropäischen Gesellschaft. Und das gerade wir Europäer diesen Prozess historisch erst so richtig in Gang gesetzt haben … aber auch verweigere ich mich der kollektiven Schuld. Jedoch weiß ich um meine individuelle Verantwortung. Klar ist, dass viele es nicht negativ, sondern gut meinen, mit Ihrem Veganismus, aber ehrlich gesagt, halte ich das oft für eine Form von unbewusstem funktionellen Wohlstandsimperialismus. Mit wenigen Ausnahmen. Und zu Recht, in unserer heutige Gesellschaft muss selbst der am sanftesten lächelnde Veganer scharfe Ellenbogen haben. Aber immerhin haben wir Nichtraucher die Raucher auch verbannt.

Denn fast alle globalen Nahrungsmittelbewegungen haben an erster Stelle wirtschaftliche und und soziale Ursachen und dienen nicht der Verbesserung der Ernährungssituation bzw. wenn, dann nur, weil in der Vergangenheit und Gegenwart den meisten Menschen die Möglichkeit genommen wurde/wird sich selbst zu ernähren bzw. zu versorgen und aktuelle Abhängigkeiten abzusichern. Das trifft besonders auf exotische Nahrungsmittel zu. Und wie erwähnt die Vielfalt an Gemüse und Obst mag ja insgesamt hoch erscheinen, aber lokal und regional ist sie massiv gesunken, da nur ertragreiche und Feldfrüchte en voge in Massen Absatz finden. Wer will kann ja mal in einen schicken Veganerladen in Wohlstandsvierteln gehen und die Zahl der Artikel zählen. Ich wette, dass ich in der DDR im Dorfkonsum nicht mal ein Viertel davon hatte und trotzdem satt wurde und nichts wirklich vermisst habe, an Nahrungsmitteln. Aber dazu morgen mehr, in pro omnivor.

Natürlich haben beide Seiten recht, wenn sie meinen, industriell produzierte Nahrung ist in der Regel mit so hohen Umweltkosten und sozialer Degeneration verbunden, die wir uns schlicht nicht mehr leisten können. Insofern sind die meisten Menschen in der Lage zu erkennen, dass es nicht so weitergeht. Und wenn industriell gefertigte Bioware ein Anzeiger ist, dann soll es mir recht sein. Die erhöhte Suchtiefe und die nachgelagerten Lösungen kommen dann von allein. Und allein die emotionale Diskussion bewirkt Änderungen, vielleicht nicht bei den Politikern, aber immerhin, jene die sich betroffen fühlen, von den Dummheiten und Dreistigkeiten jener. Insofern meinen Dank an Sarah Wiener und alle die sich daran beteiligen.

„It’s easier to fool people than to convince them that they have been fooled.“ Mark Twain

Foto: greendelicious.de

 

 


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