Kollaps

Nachdem ich Error von Neal Stephenson gelesen hatte, nahm ich mir vor, keine dicken Wälzer mehr zu lesen. Zumal unser Aufmerkamkeitspanne im Infotainmentzeitalter zu wünschen übrig lässt. Vielleicht lag es einfach auch an „Error“ und dem irgendwann immer gleichen Plot von Stephenson. Ein Biologe und eine Landschafsökologin haben mir diverse Male Jared Diamon empfohlen und ein Freund brachte mir „Kollaps“ spontan mit.

Nach mehreren Anläufen habe ich das Buch gelesen. Und fand es, von typisch amerikanischen Überlängen abgesehen, ganz interessant. Das Buch ist ein Jahrzehnt alt und Optimisten würden sagen, es tut sich was. Pessimisten, das Potenzial etwas wirklich zu verbessern schrumpft akut. Und wer aufmerksam die Nachrichten, ohne Betäubung, erträgt, mit Blick auf die Automobilindustrie oder die Möglichkeiten die Bevölkerung zu kontrollieren, der fragt sich, warum nicht wirklich weiter den Kopf in den Sand stecken und nach was auch immer suchen oder von Schönerem träumen.

Geschichte lässt sich bekanntlich nur durch den Sieger ändern und im Moment ist das Verlagswesen fast noch wehrhaft. Jared Diamon schreibt über die Ignoranz nicht nur der Wikinger auf Grönland, die Ursachen des Verschwindens der Anazasi, über Austauschprobleme der Polynesier und aktuelle Neureiche in beschaulichen Gegenden de USA und ihren Problemen mit Alteingesessenen, die verdrängt werden mangels Arbeit und finanziellen Möglichkeiten sich zu wehren.

Das Buch handelt von Gesellschaften, die verschwanden, oft durch eine Vielzahl an Faktoren ökologischer und sozialer Natur. Fast alle Klimazonen werden abgedeckt und auch positive, d.h. anpassungsfähige Gesellschaften werden genannt. Wie beispielsweise eine abgelegene Inselgruppe in Polynesien, die die Schweine, ein Statussymbol der Polynesier, abschaffte, um die Vegetation zu retten. Natürlich nicht, ohne vorher etwas Kannibalismus betrieben zu haben. Und Kannibalismus kann somit als ökologisch sinnvolle, wenn auch moralisch und geschmacklich widerliche Angewohnheit gesehen werden. Da derzeit aber nicht wenige einem versteckten und unbewussten Sozialdarwinismus frönen, okay, die US-Amerikaner und ein paar Rechtspopulisten in Europa ganz offen, darf dieses Argument als berechtigt angesehen werden.

„Kollaps“ behandelt Wanderbewegungen, durch Kriege, Ressourcenübernutzung und vor allem, was ich als größtes Problem ansehe, das Festhalten an nicht mehr zeitgemäßen Traditionen bzw. fatalen sozialen Mustern, die nicht durchbrochen werden, wider dem Verstand wie z.B. das demnächst allfällige Weihnachtsbaumgeschlachte, was hier nur als schlechtes Beispiel stehen soll. Oder all den Ignoranten, die ein SUV in der Stadt fahren. Denn auch, wenn Konzerne aus Montan- und Petroindustrie oder gar die Autoindustrie wie von Diamond geschildert, mal mehr oder weniger Mühe geben, so kommen wir nicht umhin, uns zu fragen, brauch ich das zum leben und habe ich Lust, systematisch belogen zu werden. Einmal von den Produzenten und dann zum zweiten Mal von den Politikern, die nichts ändern.
„Kollaps“ is ein empfehleswertes Buch, das allerdings Zeit kostet. Aber um ein wenig besser die komplexen Probleme, vor denen wir als Weltbevölkerung stehen, zu übersehen, sollte ein wenig Zeit geopfert werden. Denn sie gehen uns alle etwas an. Zumal das Buch günstig zu kaufen ist. Es sei denn, jemand legt Wert auf das neue Kapitel über Ankor Wat in der Neuauflage. Viel Spaß beim Lesen.

Bild: PR


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