Wem gehört die Zukunft? Lanier

Allein der Titel „… gehört …?“ zeigt schon die Maßlosigkeit, die Lanier in seinem Buch darlegt. Zweifellos formuliert er es so freundlich, dass er seine meisten Freunde aus der Technokratie des Silicon Valley behält. Obwohl er ein interessante alternative Ideen vorträgt, wie wir unsere Daten zwar weitergeben, aber beteiligt werden, an den von uns generierten Mustern.

Lanier erklärt auf originelle, von formailiserten Schubladendenken institutionell Studierter befreit, Weise, wie das Internet mit seinen Onlineriesen und den anderern Konzernen die Zukunft der Massen kontrolliert. Freilich ist er viel netter und ich wünschte mir, er würde einfach und kurz knackig sagen, was anliegt, wenn wir nicht gegen die zentralen Tendenzen angehen. Politisch, technologisch, wirtschaftlich. Denn es ist ja nicht das Internet, oder die Onlineriesen, sondern die Investoren, die Hochfinanz, kurz unser geld- und Wirtschaftssystem, das zu viel Kapital ideologisch in die Welt pumpt. Und ein paar unbewusst bewusst größenwahnsinnige Eliteunigeeks in der Regel, die unsere Gesetzgebung für veraltet und zu langsam halten, weil sie angeblich die Welt verbessern wollen. Zufällig sind das meist Leute, die selten irgendwelche Leiden hatten. Da sie aus behütetem Hause stammen, wohlstandsprall mit einem sich selbst referenzierendem Ego. Seltsamerweise sind für jene die anderen Menschen in Massen nicht Besonderes und selbst schuld, wenn sie sich nicht wertvoller machen. Und sie von PseudoAI (Artificial Intelligenz) ersetzt werden. Wie diese IQ-Blasen sich selbst dann allerdings für Weltretter halten können, bleibt mir ein Rätsel. Es ist seit Jahren bekannt, dass sich Gene in saturierter Umgebung besser ausprägen und milieuspezifische Vorurteile gegenüber anderen Milieus sind seit PISA auch auffällig geworden. Was wiederum bedeutet, dass diese selbst ernannten Heiler doch großteils behavioristisch ungerecht geprägt sind. Aber die VSA sind ja bekannt für eine global ungesunde Arroganz.

Jaron Lanier optimistisch, wie er ist, schlägt ein paar wegweisende Besserungen vor. Die aber in der derzeitigen Sicherheitspolitik utopisch sind und im militärisch-industriellen Machtkomplex nicht die geringste Chance haben umgesetzt zu werden. Beispielsweise würde eine Zweiwege-Verlinkung anzeigen, wer auf meine Website zugreift und umgekehrt. Transitiv könnten dann durch geeignete Hashfunktionen jede Form von individuell generierten Daten personifiziert werden und eklektische Verwerter dieser Daten zahlen einen Beitrag an den Urheber. Das könnte prinzipiell über unendlich viele User in Kette laufen. Mit Mikrozahlungen. Leider ist das Ganze technologisch nicht trivial lösbar. Retrospektiv geht er dabei auf das Projekt Xanadu ein, von Ted Nelson, dass viel dynamischer und freier gedacht war und als eine der Blaupausen für das amerikanische Netz gilt, allerdings stark abgefälscht wurde in der Ausführung.

Was Lanier nicht anspricht, ist die Macht des Kapitals und wie die Oberen davon lassen können. Ich denke, da liegt das Problem langfristig aus der ökologischen und sozialen Perspektive heraus. Gleichwohl kommen seine Lösungen aus dem digitalen und verweisen in einen stärker partizipativen Kapitalismus, was für mich ein Widerspruch ist. Denn zentrale Tendenz im Kapitalismus sind nun mal Oligopole und Monopole. Mussolini sprach von Corporate Fascism. Wenn wir aber Menschen wie Zuckerberg, Trump, Thiel, Rumsfeld, Bush und den derzeitiger Heilsbringer der Techszene, Musk und andere sehen, dann halte ich das für illusorisch. Edward Snowden und Aaron Swartz und Julien Assange sind die einzigen Beispiele, die politisch etwas ändern wollten. Snowden sitzt in Moskau fest, Assange in London und Swartz beging scheinbar Selbstmord. Er war aus meiner Sicht der Einzige, der ohne zu flüchten, das System hätte gefährden können. Weil er es technologisch verstand und mit sozialen Grundgedanken verbinden konnte und umsetzte. Sein Tod erinnert mich an einen Science Fiction Klassiker. Im „Schockwellenreiter“ reagiert das politische System mit physischer Gewalt auf eine friedliche erfolgreiche Reformbewegung. Bei Swartz war es mindestens psychische. Es bestand keine Notwendigkeit ihn ein Urteil zu pressen. Und das international illegale Erzwingen der Landung von Evo Morales Flugzeug in Europa, weil die Amerikaner dachten, Snowden sei an Bord, zeigt, wie unsere europäischen Eliten gestrickt sind. Und es spricht nicht für Obama.
Alle drei haben versucht oder versuchen aufzurütteln, wach zu machen. Aber schauen wir die Empörungsplattformen mal an. Wir nutzen Facebook, um jede Form von Gruppierung oder Idee plakativ abzulegen und stärken dadurch allein unseren Feind. Anders kann ich es nicht schreiben.
Da sich derzeit kein lokal flexibler und dynamisch sicherer Standard von der Software- oder Hardwareseite zeigt, obwohl ich auf ein paar brillante Biogrinder aus der Makerszene hoffe, die eine biogene Abkürzung zeigen, muss politisch etwas geschehen. Denn alles, was wir jetzt technisch kreieren, ist nur eine Krücke für die biologische zerfallende Wirklichkeit. Was organische Kommunikation im technologischen Sinne unabhängig ermöglicht, kann von diesen Müllhalden und Behinderungen befreien. Lokale Implementation mit den Ansässigen zwingt zudem zur Kooperation vor Ort, genau wie auch bei der Energiewende. Große technologische Einheiten sind ökologisch, politisch und ökonomisch prädestiniert die Massen zu kontrollieren. Und technologisch wie ökologisch anachronistisch.

Aber vielleicht irre ich mich auch und es gibt ein paar Kreative, die das derzeitige System transformieren können.

Lest das Buch, wenn ihr günstig drankommt. Selbst wenn viele Teilaspekte bekannt sind, so ist das Durchdringen des Dickichts namens Internet aus der Sicht eines Pioniers einfacher. Lanier hat mittlerweile schon den Nachfolger herausgebracht und formuliert dort weitere Ideen. Schade, dass er dafür so viel Geld verlangt. Als Internetpionier kann er sich das wohl erlauben.

Wem gehört die Zukunft?

ISBN:978-3-455-50318-0
Sachbuch
Einband:Schutzumschlag
Seiten:480
Erscheinungsdatum:08.02.2014
Übersetzung:Dagmar Mallett, Heike Schlatterer


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