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Ökologie der Angst – Das Leben mit der Katastrophe ist die urbane sozial-ökologische Geschichte schlechthin. Weil wir ja alle urbanisiert werden. Thematisch deckt Davis ein ungeheures Spektrum ab. Und so ist das Buch für mich wie ein guter Freund. Ich fühlte mich sofort wohl damit.

Besonders mag ich den einleitenden Ansatz mit Sir Charles Lyell, einem Mitbegründer der Geologie, um eines der größten medial geleiteten Probleme unserer Zeit darzustellen. Kognitive Verzerrungen in allen Gruppen und -größen und darauf basierende Entscheidungen in der Politik plus einen sich selbstverstärkend prophezeienden ökonomischen und technologischen Zahlenfetisch, der durch führende zeitgenössische Köpfe verursacht und über Jahrhunderte in unserer Kultur verankert wird. Und in ökologischen Katastrophen münden. Und dann wird die illusorische Kontrolle der Natur mittels Mittelwert durch den Menschen offensichtlich. Trotzdem wird auch in jenen Momenten des Desolaten wieder der Mensch als außerhalb der Naturgesetze stehend gesehen. Und so formuliert Davis entsprechend und spielt mit pseudalistischen Glaubensbekenntnissen, ob nun theologisch oder technokratisch, beides einander nicht ausschließend.

Das Buch ist 1999 erschienen und spricht Phänomene an, die damals noch von breiten Schichten der Bevölkerung und auch in den Regierungskreisen der Vereinigten Staaten verleugnet, ignoriert oder dank der Bildungspolitik des amerikanischen Albtraumes vielen gar nicht bekannt waren.

Heute ist es evident, wenn Reiche über zu wenig Wasser schimpfen, mit dem Hintergrund den Vorgartenrasen in einem ariden oder subariden Gebiet sprengen zu wollen. Weil sich Grün ja so gut anfühlt, aber die Verwaltung es sinnvollerweise aus ökologischen Gründen verbietet. Es geht konkret um die Ballungsräume in Kalifornien und speziell um das monströse Los Angeles. Da existieren Leute, die sagen, ich kann es mir finanziell leisten, Wasser zu verschwenden. Schade, dass diese Leute einfach ökologisch blöd und menschlich asozial sind, aber anders ist es nicht zu formulieren. Mike Davis arbeitet gründlich mit vielen wissenschaftlichen und anderen interessanten Quellen und zeigt die Diskrepanz zwischen soziokulturellem Anspruch und ökologischer Wirklichkeit in einer fragwürdigen extremistischen Politik wider der Natur auf. Trotz dessen alle glückselig in Paris waren und ihre Jobs gesichert haben.

Kalifornien wird massive urbane Probleme bekommen und hat sie schon, wie erwähnt, absehbar schon damals in der 1990er-Dekade. Daran wird auch die hohe Konzentration an Superreichen nichts ändern und der unbeirrbare Glaube an technologische Lösungen mit massiven Investitionen, denn eine hohe Rendite für wenige setzt eine Menge Verlierer voraus. Aber egal, der niedrige Ölpreis nicht nur in den USA befeuert den ökologischen Niedergang. Andererseits wirkt der Ressourcenmangel bei so verschwenderischen Menschen natürlich stärker und sie müssen sich etwas einfallen lassen.

Mike Davis beschreibt die sozialen und ökologischen Folgen nicht nur natürlicher auftretender Ereignisse wie Stürme und Erdbeben, sondern auch über Dämme, die die natürliche Hydrologie massiv zerstört haben und die damals schon viele Milliarden Dollar an Schäden produzierten. Uber soziale Unruhen 1992 in L.A. Das Wort Katastrophe darf ich für solche Naturphänomene nicht verwenden, da sie durch Menschen selbst verursacht sind. Die Katastrophe tritt erst ein, wenn Menschen Natur ignorieren. Und so müssten wir es ja Anastrophen nennen, da diese Ereignisse ja auf einer angeblichen Weiterentwicklung unserer Kultur zum Besseren beruhen und die Natur nur postanastroph agieren kann, erwzungen. Individuell ist die Katastrophe dann natürlich trotzdem, wie der Gewinn vorher bei jemand anderem. Die geologische Topologie von Kalifornien, auf der die gesamte Infrastruktur der Bauten fußt, ist nicht umsonst so, wie sie ist, sondern geschaffen durch mehr oder weniger arrhythmische Fluktuationen von Wasser, Wind und Erde in einer Jahrtausende währenden Harmonie. Katastrophen sind unsere täglich neu ökonomisch begründeten ökologisch jedoch oberflächlichen Handlungen. Das „Weiter so wie bisher“ hat in den USA dazu beigetragen, dass wir heute Ökopioniere des Gleichen in Grün Kapitalismus dort haben, geprägt vom technokratischen Glauben, dass diese Probleme mit Technik gelöst werden können. Ich verweise gerne auf Elon Musk, der von einigen zu einem Heilsbringer oder neuen Messias ausgerufen wird. An anderer Stelle werde ich die scheinbaren grünen Technologien bzw. deren Ausprägungen mal etwas genauer beäugen. Dabei kann mit einem einzigen Erdbeben in Kalifornien die gesamte Wirtschaft der USA abrupt zum stehen kommen bzw. die VSA tief in Schulden stürzen. Falls es eine Gigafactory trifft, kann eine Abhängigkeit fatale Folgen in der Zukunft haben. Die Natur baut auch keine globalen Fabriken.

Mike Davis greift dabei jenes Angesprochene, bis heute in der globalen Wissenschafts- und Ingenieursgemeinde vorherrschende normatives Dogma an Mittelwerten auf, wie etwa jene anderthalb oder zwei Grad Celsius, um die in Paris gestritten wurde. Als ob die Klimamodelle nebst Technologie schon so präzise und überhaupt verfügbar wären, dass sie dann mit einem nicht konvergenten Handeln der beteiligten Nationen eine solche Feinjustierung zulassen. Das ist schlicht gesagt, Opium fürs Volk. Wir können es nicht kontrollieren, ob die Durchschnittstemperatur um einen halben Kelvin steigt, sinkt oder nicht. Wenn die Menschen sich bewusst proaktiv auf ökologischer und sozialer Basis verhalten könnten, was das Bewusstwerden voraussetzt, dann bräuchten wir diese Diskussion nicht. Ich erinnere mich an einen Dozenten, der in einer Diskussion dieselbige abwürgte mit den Worten: … irgendwo müsste zeitlich die Grenze der Verantwortlichkeit gezogen werden. Da kommen wir dann zu Philanthropen wie Chodorkowski, Zuckerberg oder Soros, erst die Milliarden, dann die Moral. Nur verhält sich die Natur nicht politisch oder hält sich an unser geltendes Recht, dass eben ständig gebrochen wird von jenen, die sich am meisten daran halten müssten. Schuld, Ressourcenschulden vergangener Generationen lasten uns permanent auf den Schultern. Und jene Entscheidungen der Vergangenheit drücken uns politisch verankert immer tiefer ins Minus. Und das wird ja auch immer wieder gesagt. Nur eben nicht wirklich etwas dagegen getan. Geschweige denn von den Raubritterkindern der Vergangenheit eine Allmende zur Verfügung gestellt.

Davis erläutert exzellent, was Niederschlagsmittelwerte in mediterranen Gebieten wie dem Mittelmeerraum, Kalifornien, Südafrikas Süden oder im Westen Australiens bedeuten. Das der Mittelwert nur eine abstrakte Größe, die immensen jährlichen Schwankungen unterliegt. Speziell die Niederschlagsmengen verursachen extreme Wassermengen, die von Arroyos (Trockentäler) aufgenommen werden müssen. Natürlich weiß das jeder Wissenschaftler oder Ingenieur, aber Offizielle wollen einfache Zahlen, die sie rhetorisch nutzen können, um Diskussionen zu gewinnen, öffentliche Meinungen zu beeinflussen oder einfach so lange zu labern, bis die anderen eingeschlafen sind. Schlafen Sie schon, gut. Wer schläft, wehrt sich bekanntlich nicht.

Angeblich hat Albert Einstein mal gesagt, man solle die Phänomene so einfach wie möglich darlegen, aber nicht einfacher. Was das Dilemma unserer Zeit und auch das Dilemma schon zur Drucklegung von „Ökologie der Angst – Das Leben mit der Katastrophe“ war. Genau jener Mittelwert, ob nun das Durchschnittseinkommen des deutschen Bürgers oder eines weltweiten Wohlstandsindizes, ist eben absurd, sobald einzelne Personen betrachtet werden. Dann werden die Katastrophen nämlich individuell.

Unsere Ideale werden an der mangelnden Bildung der meisten und grenzenloser Gier einzelner Privilegierter scheitern. Was nicht einmal als Vorwurf gedacht ist. Wir lassen es uns ja gefallen. Davis vergleicht dabei historisch, wie die verschiedenen US-Regierungen opportun mit Hilfsgeldern in Notfällen, durch Naturphänomene verursacht, umgehen. Übrigens in „House of Cards“ glänzend wieder aufgenommen und relativierend und verquast zu einer Hilfe Arbeitssuchende aufgebauscht. Davis zeigt auch, wie wichtig L. A. bzw. Kalifornien für die USA sind und wie verdrängend der Umgang mit architektonischen, ob landschaftlich, gebäudetechnisch und hydrologisch, Notwendigkeiten ist. Das Buch ist eine der besten Aufarbeitungen, die ich seit Jahren zum Thema politischen, induziert durch einen ökologisch nicht mehr haltbaren Wohlstandsgrößenwahn für Milliardäre gelesen habe. Davis, sich selbst als ökologischen Marxisten bezeichnend, deutet mit dem Zeigefinger, egal wie man die zahlreichen Probleme unserer Zeit auch sehen möchte, auf den künstlich geschaffenen Ressourcenmangel für die breite Bevölkerung durch Politik für die Eliten, weil diese sich nicht hinreichend wehrt, gegen Verschwendung. Die Suffizienz lässt grüßen.

Die Ureinwohner Nordamerikas haben sich über mehr als hundertundvierzig Generationen an die extremen Umgebungen in Kalifornien angepasst, während der letzten zwei Jahrhunderte jedoch hat eine verkaufsgesprächige Ignoranz zu einem hoch destruktiven Bewusstsein geführt. Das alles nach Lust und Laune vermeintlich „menschlichen“ Bedürfnissen angepasst werden muss.

Und Mike Davis spricht noch einen wichtigen Punkt an. Warum sollten Menschen aus anderen Regionen finanziell für die ökologischen Dummheiten anderer, die zwar die Annehmlichkeiten jener gefährdeten Regionen genießen möchten, aufkommen? Schließlich kassieren die Ortsansässigen jener Regionen kräftig von den Touristen. Aber das wäre ja auch zu kurz gedacht, also entschlossen sich die Regierenden den armen Hilfsbedürftigen in Beverly Hills 90210 zu helfen und den furchtbar Reichen in den sozial schwachen Gegenden mit hohen Anteilen an Afroamerikanern das Wohngeld zu kürzen und allgemein Budgets für den Umweltschutz und Bildungsmaßnahmen zu streichen. Dann wundern sich Verantwortliche, warum es zu sozialen Unruhen kommt. Und bauen schnell einen durch das Northridge-Erdbeben zerstörten Freeway wieder auf, damit weiße Pendler nicht durch die viel stärker zerstörten Schwarzenviertel fahren müssen. Rassismus ist eben mimetisch memesk.

Zusammenfassung: Mike Davis schreibt in Ökologie der Angst über ehemalige Paradiese in der Stadt der Engel, Los Angeles. Landschaftsarchitektonische Hässlichkeiten durch politisch genehmigte Immobilienspekulationen verursachen langfristige ökologische Desaster in Kalifornien. Verbunden wird das Ganze mit Rassismus, stigmatisierend schleichenden Demozid verarmender Bevölkerungsgruppen, der leider nicht als solcher begriffen werden soll und dem amerikanischen Traum als weiterhin über allem thronenden Paradigma der Gier. Exzellentes Buch. Absolut lesenswert.

Bild: PR Ökologie der Angst

 


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