Stickstoff ein Element schreibt Weltgeschichte

Es sind wahrscheinlich Zeichen unserer Zeit und unserer beschränkten Sichtweise, wenn wir ein naturwissenschaftliches Element wie Stickstoff in eine geschichtsträchtige Aussage pressen, um etwas Bildendes zu bewerben. Abgesehen davon spielt Stickstoff sowohl in Friedenszeiten und in Kriegen eine gewichtige Rolle, aber ist doch nur ein Element unter vielen, wie jeder Mensch auch.

Ressourcenqualität. Das ist der einzige Begriff, der sich rein rational gesehen, anbietet, um den es in dem Buch „N – Stickstoff – ein Element schreibt Weltgeschichte“ geht. Gleich der erste Artikel ist von keinem geringeren als Primo Levi geschrieben, der obgleich fast dreißig Jahre tot, mit dem Buch „Das periodische System“ eine beeindruckende Biografie seines Lebens als Chemiker mit Bezug auf 21 verschiedene Elemente des Periodensystems ablieferte. Und sich schon früh in seiner Karriere auch mit Stickstoff beschäftigte.

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert. Der Stickstoff und das Leben, Salpeter, Stickstoff im Überfluss – Das Haber-Bosch-Verfahren, Perspektiven.

Von den natürlichen Ursachen, durch Gewitter beispielsweise, biologisch verfügbaren Stickstoffs bis zu der bis heute unsere Umwelt zerstörende Überproduktion des künstlichen Düngers wird berichtet. Von der „kriegsnotwendigen“ Produktion, die nicht ausreichte, um gleichzeitig die landwirtschaftlichen und anderen zivilen Bedürfnisse Deutschlands im 1. Weltkrieg zu stillen, obwohl ohne Krieg, das gerade beginnende moderne industrielle Zeitalter des Kunststoffdüngers, es getan hätte. Überflüssig im zynischen Sinne, aber heute sicher Standard, zu erwähnen, dass die Kriegsführung für die Eliten Vorrang hatte. Denn ohne das Haber-Bosch-Verfahren wäre der Krieg aufgrund von Stickstoffmangel aufseiten des Vierbundes (Deutsches Kaiserreich, Österreich-Ungarn, Bulgarien, Osmanisches Reich) früher beendet gewesen. Gut war es, dass die Not der Bevölkerung durch die kriegstreibenden Eliten verursacht jetzt die Überproduktion der eingerichteten Werke der Großindustrie in der Landwirtschaft genutzt wurde. Leider nicht unbedingt zeitgerecht.

Für Militärhistoriker ist sicher das Kapitel über Baron Fuchs interessant, der die Entwicklung großkalibriger Granaten und zugehöriger Artillerie mit prägte und seine Gesundheit in unendlicher Dankbarkeit gegenüber dem Kaiser dabei ruinierte. Oder der Bericht über das Bun Bang Fai Fest, in denen unter der Prämisse Ressourcen anachronistisch religiös und patriarchaisch Raketen für die Götter gen Himmel geschossen und Höhe und Zeit derselben phallisch verglichen werden.

Das auch die Stickstoffgewinnung eine Energiefrage ist, zeigt die Tatsache, dass aktuell noch 1 % der weltweiten Energie für das Hochdruckverfahren nach Haber-Bosch  verbraucht wird. D. h. 5,05 PJ/a (Exajoule je Jahr (2010), 1 PJ = 1015 Joule oder 505.000.000.000.000.000 Joule oder bei einem Verbrauch von 11.000 Joule von einem männlichen Erwachsenen von 75 Kilogramm können 3,75 Milliarden Männer 33,5 Jahre physiologisch ernährt werden. Wenn wir von der Qualität der Ernährung mal absehen.

Und die Qualität zählt letztendlich. Landwirte verschwenden lieber Ressourcen als Gedanken wird zudem kurz angedacht. Da oft zu viel subventioniert gedüngt wird, statt Bodenuntersuchungen anzuwenden und nicht agrarwirtschaftlich zu versimpeln. Und wer schon länger auf dem Lande lebt, sieht die Änderungen in den letzten 20 bis 25 Jahren in Mecklenburg oder anderswo. Stickstoff wird de facto überall zu viel eingetragen und führt teils zur Versauerung und stärker zum Verlust der Pflanzen- und Tierdiversität. Schon anthroposophische Anhänger argumentierten früh im letzten Jahrhundert gegen den Kunstdünger. Und ich erinnere mich, dass unser Badesee schön grünblau wurde nach der Wende.

Über 100 Millionen Tonnen Stickstoffdünger landen auf den globalen landwirtschaftlichen und anderen Nutzflächen. Angeblich geht es nicht anders. Das Argument sind Korrelationen der Kurven des Stickstoffdüngerverbrauchs und des Bevölkerungswachstums. Und die energetische Überlegenheit des Haber-Bosch-Verfahrens gegenüber biologischer Stickstofffixierung. Die Hälfte der Weltbevölkerung soll angeblich oder mangels besserer Daten davon abhängen, ob wir das Haber-Bosch-Verfahren anwenden oder nicht. Angesichts der Verschwendung von Lebensmitteln; allgemein einseitiger Studien, die oft multifaktorielle Wirkungen gar nicht berücksichtigen können und noch öfter nicht wollen, aufgrund fehlender Initiative und/oder Kenntnissen; ernährungswissenschaftlich belegbaren Zivilisationskrankheiten durch falsche und zu viel einseitige Nahrung; unnötigen Fleisch- und Milchproduktkonsum (Flächenverbrauch bis zu 100 Mal höher als bei Pflanzennahrung); Degradation von Böden nicht nur durch falsche landwirtschaftliche Methoden; nuklearer Verstrahlung von Gebieten, die landwirtschaftlich nutzbar wären; und riesigen Monokulturen, deren Urbarmachung ganze Jahrtausende alte Kulturlandschaften und Jahrmillionen alte Ökosysteme zum Opfer fallen; darf das bezweifelt werden. Zumal die Effizienz nur 0,3 bis 0,5 beträgt, was bedeutet, dass der Rest an Stickstoffdünger in die Umwelt gelangt und die natürlichen Stoffflüsse schon lange destabilisiert. Derartige Massen an Stickstoffverbindungen sind klimawirksam. Damit sind wir aber von der politischen Umsetzung sinnvollerer gesamtgesellschaftlich wirksamer Methoden in der Anwendung und der Suche danach von Stickstoff weit entfernt, solange wir weiter kein übergreifendes Konzept haben wollen bzw. es nicht einmal öffentlich im Kontext als allgemeine Bedrohung unserer Umwelt wahrgenommen wird.

Was mir in dem Buch fehlt, dass mir teils wie ein Werbeprogramm für Stickstoffdünger vorkommt, sind Aussagen wie Veganismus, Vegetarismus und anderen Ernährungskonzepten, die agrarwirtschaftlich wohl relevant sind und sozial im großen Kontext der Welternährung, obwohl angeblich ausstehende Hungerprobleme in Haft genommen werden und eben genau jene alternativen Ernährungsweisen schnell umsetzbar wären, in breiten Teilen der Bevölkerung. Denn schließlich ist ein Nobelpreisträger, Gerhard Ertl, Mitherausgeber. Aber vielleicht ist das zu viel von mir verlangt. Freilich wird angemerkt, dass historisch durch Unwissen, bestimmte Fehler erst gemacht werden mussten, jedoch gilt diese Fehlersuche auch heute und wir wissen es besser oder sollten zumindest durch die aufgeworfenen Probleme nach Lösungen streben, die gegen die Hungerhypothese ohne Stickstoffdünger sprechen. Vor allem die oftmals resultierende reflexhafte Marketing-Reduktion des Ernährungsproblems auf Ertragssteigerungen von Monokulturen und GMO mit Düngemittelverkauf. Symbiotische Prozesse werden seitens der Pflanzen eingestellt, sobald freier Stickstoff durch Dünger verfügbar ist. Vielleicht ein weiteres Indiz für die mangelnde Qualität unserer landwirtschaftlichen Methoden und Konzepte. Denn andersherum, wenn weniger Symbionten existieren, wird auch weniger Kohlenstoff biologisch gebunden und die Biodiversität sinkt weiter, da die Bodenflora- und fauna. Trotzdem beleuchtet das Buch viel Interessantes zum Thema Stickstoff und es macht viel Spaß über die Salpetergeschichte zu lesen.

272 Seiten, oekom verlag München, 2015
ISBN-13: 978-3-86581-736-5
Erschienen am: 28.09.2015
Preis: 24.95 €

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