Mecklenburgische Carnica-Bienen am frühen Morgen. Sehr kontemplativ für den geneigten Beobachter.

Beesharing e. V., ein junges Start-up aus Hamburg möchte urbanen Bienenfreunden und jene, die es werden möchten, aber über wenig Zeit und Know-how verfügen, unterstützen, dem Phänomen Bien näherzukommen. Komplementär wird Menschen geholfen, die auf Bestäubungsleistungen von Bienen wert legen, z. B. Obstbauern. Kurz es geht um die Vernetzung von Imkern, Bauern, Privatpersonen und Unternehmen. Wir haben beesharing ein paar Fragen gestellt, um mehr über Motive und Absichten zu erfahren.

Interviewpartner ist Nils Gerber, Marketing und PR Kopf von beesharing e.V.

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Ursachen Bienensterben

1. Ihr macht den Leuten schon ein bisschen Angst mit dem Bienensterben auf Eurer, wie ich finde sonst positiv ansprechenden Webseite. Warum?
Beim Bienensterben handelt es sich um einen Meta-Begriff, der eine Vielzahl von Faktoren und Problemen zusammenfasst, die den Wild- und Honigbienen und anderen Lebensformen das Leben erschweren. Hierzu gehören u. a.:

Pflanzenschutzmittel

wirken sich mittel- und unmittelbar auf die Bienen aus, z. B. Glyphosat, das wertvolle Wildpflanzen vernichtet und somit Wildbienen die Nahrungsgrundlage entzieht. Neonikotinoide, welche sich negativ auf das Nervensystem der Honigbienen auswirken und Völker massiv schwächen u.v.m.

Nahrungsvielfalt und -angebot

– vielerorts finden Bienen nicht genügend und abwechslungsreiche Nahrung, was einerseits mit den Pflanzenschutzmitteln, andererseits mit großflächigen Monokulturen zusammenhängt, welche nur kurzzeitig blühen und/oder wenig interessant sind für Bienen, wie z. B. Mais.

Bienenkrankheiten

Varroa-, Tracheenmilben, amerikanische Faulbrut, Beutenkäfer etc. sind zunehmend häufiger auftretende Probleme, welche zum Verlust von Bienenvölkern führen.

Faktor Mensch

Die mangelhafte Pflege der Völker, Züchtung von krankheitsanfälligeren Bienen, eine Honigfokussierung, hohes Durchschnittsalter bei Imkern mit 56,8 Jahren mit wenig Nachwuchs, lediglich 6,4% der Imker sind 0-30 Jahre alt sind Ursachen. Und eine Urbanisierung der Imkerei mit weniger Völkern pro Imker, durchschnittlich sind es ca. 5,5 pro Imker in Hamburg und Berlin. Der Bundesdurchschnitt beträgt 6,9 (Quelle: Jahresbericht Deutscher Imkerbund 2014/15).
Am Beispiel USA kann man sehen, welche fatalen Folgen die massive Kommerzialisierung von Bienenhaltung in Großimkereien haben kann. Anders als die Hobbystruktur in Europa ist die massenhafte Haltung von Bienenvölkern anfälliger für oben genannte Faktoren.

Zusammengefasst lässt sich also feststellen, dass es ein globales Bienensterben gibt, was jüngst auch wieder durch die UNEP (United Nations Environment Programme 26.02.2016) bestätigt wurde. Um deine Frage abschließend zu beantworten würde ich sagen, dass Besorgnis und Zweifel über die Zukunft der Bienen und der Pflanzen-, Arten- und Nahrungsvielfalt angebracht sind. Angst muss jedoch niemand haben, dafür gibt es schließlich genügend Lösungsansätze, die eine konstruktive Entwicklung in der Zukunft abzeichnen.

Wanderung mit Bienenvölkern

2. Warum wollt ihr mit Bienenvölkern überhaupt wandern?
Mindestens fünfundsiebzig Prozent der weltweit produzierten Lebensmittel hängen in Teilen von der Bestäubung und Befruchtung durch Insekten ab (UNEP), für Deutschland sind es laut DIB sogar fünfundachtzig Prozent. Imker und Landwirte haben eine traditionelle Beziehung, die sich hauptsächlich um die Bestäubungsleistung der Honigbiene dreht. Aus unserer Sicht haben Imker somit eine gesellschaftliche und ökologische Verantwortung hinsichtlich des Erhalts der Arten-, Pflanzen- und Nahrungsvielfalt, indem sie ihre Bienenvölker für Bestäubungszwecke der Landwirtschaft zur Verfügung stellen.

beesharing vernetzt Imker und Landwirte digital, um auf zeitgemäße, einfache und kostengünstige Art und Weise den Bestäubungsbedarf der Landwirte zu decken. Imker werden zu Bestäubungsgruppen zusammengeführt, die entsprechend große Völkerzahlen haben. Bestäubungsangebot und Nachfrage werden gematched, sowie ein Transportservice angeboten, der auch die formelle Abwicklung des Wanderns beinhaltet. So ist es auch Imkern mit wenigen Bienenvölkern möglich ihrer traditionsbedingten Verantwortung gerecht zu werden. Und nebenbei auch zusätzliche Einnahmen zu generieren, die helfen, Bienenvölker gesund zu halten und das Hobby zu finanzieren.

Übertragung von Bienenkrankheiten

3. Wenn Ihr mit den Bienenvölkern so von der Stadt aufs Land und zurück wechselt, habt Ihr keine Bedenken von wegen Krankheitsübertragungen der unter konventionellen Imkern so gefürchteten Varroamilbe beispielweise? Schließlich werdet ihr diverse Bienenvölker verschiedener Standorten kombinieren?
Dies ist natürlich ein ganz wichtiger Punkt, schließlich gilt es zu vermeiden, dass sich Völker untereinander anstecken. Naturgemäß stehen Bienenvölker untereinander im Austausch, da sich einzelne Bienen verfliegen können oder in andere Völker einbetteln, wenn sich das eigene Volk, zum Beispiel durch Krankheit o. Ä. auflöst. Gerade in urbanen Gebieten mit hoher Bienendichte sind die Wechselwirkungen höher als in weitläufigen ländlichen Gebieten.

beesharing arbeitet mit Völkern innerhalb regional begrenzter Gebiete und führt diese zusammen, um eventuelle Krankheiten nicht überregional zu verbreiten. Die Regionen sind hierbei auf einen Radius von dreißig bis fünfzig Kilometer beschränkt. Es handelt sich meistens um Metropolregionen. Teilnehmende Imker müssen zudem eine gültige Seuchenfreiheitsbescheinigung vorlegen, die bestätigt, dass ihre Völker gesund sind. Zudem halten wir die Transportwege für die Bienen so kurz wie möglich. Auch hier haben wir eine Beschränkung auf maximal 150 km einfache Strecke vorgesehen.

Die Stärke unseres Netzwerkes liegt gerade in der regionalen Vermittlung von Bestäubungsangebot und Nachfrage, sodass wir Wanderimkereien mit mehreren tausend Bienenvölkern, wie sie beispielsweise in den USA üblich sind, vermeiden können.

4. Behandelt Ihr die Völker, wenn ja, wie?
Wir behandeln unsere Bienenvölker im Herbst mit Thymol über mehrere Wochen und mit Ameisensäure mittels Schwammtuchmethode von oben für wenige Tage. Am Anfang des Winters beträufeln wir die Völker mit Oxalsäure. Diese Maßnahmen sind mit der Bio-Imkerei im Einklang. Anmerkung GD: Behandlung bedeutet hier bestimmte Mittel gegen häufige Probleme wie Varroamilbe u. ä. einzusetzen, um die Bienenvölker nicht zu schwach werden zu lassen. Dabei geht es nicht immer um die völlige Eliminierung von Eindringlingen in den Bien.

Bestäubungsleistung von Bienenvölkern

5. Ganz korrekt ist das mit den Landwirten nicht, denn viele Monokulturen kommen ohne Bestäubung durch Bienen aus? Laut UNEP und DIB sind zwischen 75% – 85% aller landwirtschaftlichen Produkte zumindest teilweise von der Bestäubung durch Insekten, allen voran der Honigbiene, abhängig. Da die Wildbienen und ihre Artgenossen weltweit bedauerlicherweise auf dem Rückzug sind. Allein in Deutschland sind annähernd 50% der Wildbienen akut bedroht. Daher nimmt die Bedeutung von kontrollierter Bestäubung durch Honigbienen entsprechend zu.

Seitens der Saatguthersteller werden neue Pflanzensorten entwickelt, die weniger bis gar nicht mehr von der Bestäubung durch Insekten abhängig sind, zum Beispiel Raps. Ob sich diese Sorten jedoch durchsetzen werden und ob es tatsächlich einmal selbstbestäubende Obst und Gemüsesorten geben wird, darf bezweifelt werden. Allein bei Äpfeln sind bis zu 60% der Quantität und Qualität der Ernte von einer angemessenen Bestäubung abhängig. Biologisch betrachtet kann vielfach eine Befruchtung nur mit Hilfe der beflügelten Helfer erfolgen. Häufig sind es Pflanzen, die eher für Futter und Energiegewinnung genutzt werden, die nahezu ohne Bestäubung auskommen, wie beispielsweise Mais.

Preisbildung von Bienenpatenschaften

6. Die Preise sind nicht unbedingt gering, da könnte ich mir bei den höheren Pauschalen fast eine ganze Ausrüstung zulegen (3000 Euro). Was habe ich für Vorteile mit einer Patenschaft?
Die Preisgestaltung der Patenschaften basiert im Grunde auf zwei wesentlichen Punkten. Einerseits werden die Mittel für die Förderung der Arbeit des gemeinnützigen Vereins beesharing verwendet, welcher den Diskurs um die Digitalisierung in der Bienenwirtschaft beflügelt. Und die damit einhergehende Bildungsarbeit betreibt, für die Förderung von Nachwuchsimkerei, sowie den Schutz von Wildbienen. Zudem deckt der Beitrag die Verwaltung der Völker und die Betreuung der Bienenpaten ab. Fast die Hälfte der Patenschaftseinnahmen reichen wir an den betreuenden Imker weiter, der pro Bienenvolk 360 Euro für seinen Arbeitsaufwand zzgl. variabler Kosten erhält. 7,5 Kilogramm Honig gehen von jedem Volk an den Bienenpaten. Den Rest behält der Imker. Unterm Strich ist die Bienenpatenschaft eine natur- und gemeinwohlfördernde und im speziellen die Imkerei unterstützende Möglichkeit, sich unabhängig vom eigenen Können und Befinden, intensiv mit Bienen zu beschäftigen und gleichzeitig eigenen leckeren Honig zu ernten.

7. Warum zahle ich als Privatperson genauso viel wie ein Unternehmen für eine Patenschaft und bekomme sogar als Unternehmen mehr dafür?
Deine Frage kann ich in diesem Punkt nicht nachvollziehen, denn sowohl die private als auch die unternehmerische Patenschaft kosten exakt das Gleiche. Wir bieten den Unternehmen weitere Service Leistungen, wie die Abfüllung des Honigs in Gläser mit eigenem Firmenlogo etc., dies ist jedoch nicht im Patenschaftspreis enthalten. Die mediale Aufarbeitung und Bereitstellung von Inhalten bieten wir sowohl den Privatpersonen als auch den Unternehmen.

Bienenstechlust

8. Europäische Bienen sind nicht per se nicht stechlustig?
Jede Biene sticht, wenn sie sich oder ihr Volk bedroht sieht. Europäische Bienenarten der Honigbiene sind dafür bekannt eher wabenstetig, also wenig nervös und zahm zu sein, was im Vergleich zur asiatischen Biene deutlich auffällt. Es gibt jedoch unterschiedliche Züchtungen und mehrere Bienenarten, die sich durch unterschiedliche Charaktereigenschaften auszeichnen. Den Punkt „Stechlust“ haben wir hauptsächlich deshalb mit aufgenommen, da dies häufig die größte Sorge von Bienenpaten ist. So haben wir beispielsweise Hotels und Kindergärten im Patenschaftsprogramm, welche natürlich eine Fürsorgepflicht ihren Kunden und Schützlingen gegenüber haben. Wir hatten bisher noch keinen Fall von Stechattacken gegen eine oder mehrere unserer Paten.

Europäische Bienen

9. Was meint Ihr überhaupt mit Europäischen Bienen?
Unter dem Sammelbegriff „europäische Honigbiene“ verstehen wir die in Europa gängigen Bienenarten Apis mellifera (carnica), Apis mellifera ligustica und die dunkle Biene Apis mellifera mellifera, welche nur noch selten als Reinzucht, meistens jedoch als die „westliche Biene“ oder eben auch „europäische Biene“ in Mischform bekannt sind.

Der Ursprung von Beesharing

10. Wie kam Euch die Idee?
Die Quelle der Idee für beesharing zu benennen fällt heute eher schwer, da es sich mittlerweile um eine Vielzahl von Ideen handelt, die sich im Laufe unserer Tätigkeit natürlich weiterentwickelt haben. Im Grunde begann alles in der Universität Hamburg, in der Otmar Trenk, 1. Vorsitzender beesharing e.V. und Geschäftsführer beesharing P.A.L.S. GmbH und ich  (Nils Gerber) gemeinsam Politikwissenschaften studierten, sowie im Austausch mit dem Co-Founder Wolfgang Reuter. Im Abaton Kino lief der Film „more than honey“, der sehr einfach und zugleich erschreckend vor Augen führt, wo die Imkerei heute teilweise steht oder in Zukunft stehen könnte, wenn sich die europäischen Verhältnisse den amerikanischen anpassen. Zudem zeigt der Film einige der Aspekte, die ich eingangs erwähnt habe, die letztlich der Honigbiene und ihren Artgenossen das Leben schwer machen.
Daraus entwickelten und entwickeln wir noch im Team Lösungsansätze und Tools, die wir für die Interessengruppen Imker, Landwirte und Bienenfreunde kostenlos und nutzerorientiert zur Verfügung stellen werden. Der aktuelle Diskurs über Digitalisierung spiegelt sich hierin wider. Ein Online-Netzwerk, das sich einfach, intuitiv und nutzenorientiert anwenden lässt. Und gleichzeitig andere Projekte und Ideen integrieren kann, erscheint uns als zeitgemäße Lösung.

Bienen und Massentierhaltung

11. Was sagt Ihr Veganern, wenn jemand die Massentierhaltung kritisiert?

Hier gilt es zu differenzieren.

Pro

Die Honigbiene an sich lebt ja freiwillig in einem engen Raum mit bis zu 100.000 Tieren. Hier von Massentierhaltung zu sprechen wäre absurd. Da die einzelne Biene für sich, ähnlich wie bei Ameisen, kaum die Leistungen vollbringen könnte, die wir kennen und schätzen. Spricht man von Massentierhaltung im Sinne von Imkereien mit 500 und mehr Bienenvölkern kann man geteilter Meinung sein. Aus unserer Sicht gibt es sicherlich Grenzen hinsichtlich Bienenvolkzahlen pro Quadratkilometer und Standort, die nicht überschritten werden sollten. Diese liegen bei etwa 20 bis 30 Völkern pro Quadratkilometer (Ritter) und 20 Völkern pro Stand (Wallner). Halten sich große Imkereien daran, so kann dies im Einklang mit der Natur geschehen. Ist dies jedoch nicht der Fall sind Probleme wie Krankheiten, Stress der Tiere und Räuberei der Fall, was es unbedingt zu vermeiden gilt (Anmerkung GD: Räuberei ist der Honig- bzw. Pollenraub von starken Völkern bei schwachen Völkern mit weniger blühenden Pflanzen ab Ende Juli.).

Contra

Wogegen wir uns ausdrücklich aussprechen sind große Völkerwanderungen von vielen hunderten Völkern über weite Strecken zum Zwecke der Bestäubung oder zur Steigerung des Honigertrages. Dies widerspricht dem Wesen der Biene und bedeutet letztlich auch eine Gefährdung von anderen Bienen in den Zielregionen der Wanderungen. Dass einzelne Imker mit ihren Bienen, für spezielle Honige und im Einklang mit anderen Imkern und deren Stellplätzen wandern, begrüßen wir hingegen.

Formen der Bienenhaltung

12. Es gibt natürliche Bienenvölker, naturnahe Bienenhaltung, extensive Honigimkerei und intensive Honigimkerei. Wo seht Ihr Euch?
Wir entwickeln uns in der Haltung der Bienen in Richtung der Bioland Vorschriften zur Bienenhaltung. Wir halten unsere Bienen ausschließlich in Holzbeuten, verzichten auf unnatürliche Chemie und geben einen Teil des Honigs als Winterfutter den Bienen zurück. Zudem behandeln wir Krankheiten wie oben beschrieben mit den dafür erlaubten Mitteln.

13. Strebt Ihr eine Zertifizierung an?
Wir streben aktuell keine Zertifizierung an, da wir unsere finanziellen und personellen Mittel für die Programmierung des Online-Netzwerkes bündeln, welches im Herbst online gehen wird. Wir schließen eine Bio Zertifizierung jedoch keinesfalls aus, da uns die Haltungsweise als sehr erstrebenswert und naturgemäß erscheint.

Unser Dank geht an Nils Gerber von BeeSharing e. V. für die offene Beantwortung der Fragen und an Wolfgang Reuter für den Kontakt. Wir hoffen, dass einige von Euch Lust bekommen haben, mehr über Bienen und eine Patenschaft zu erfahren.

UND dies führt uns zur Bienenpatenschaftseite von BeeSharing e.V.

Logo: BeeSharing e.V.

Video: Stephan Kühn-Logan


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