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Selbst denken ist der erste Schritt, um etwas selbst machen zu können. Und manche haben unter Umständen das Glück, jemanden an der Seite zu haben, um sich selbst versorgen zu können. Dazu bedarf es jedoch einer gewissen gedanklichen Unabhängigkeit.

Unabhängigkeit beginnt im Kopf

Diese Unabhängigkeit ist jedoch immer schwieriger zu gestalten. Meinen wir? Meinen irgendwelche Institutionen/Angestellte am Tropf der Lobbyisten der großen Agrarkonzerne beispielsweise? Meint aber keineswegs der Autor Markus Bogner, seines Zeichens ein Bauer am Tegernsee. Er lebt und wirtschaftet zusammen mit seiner fünfköpfigen Familie auf etwa 10 ha Land. Eine Fläche, die vor ungefähr hundert Jahren für die meisten Bauern normal war. Und mit der sie leben konnten. Ungefähr zu der Zeit wurde das Haber-Bosch-Verfahren erfunden und die Misere mit der Agrarindustrie nahm ihren Anfang. Dumme Menschen aus der Stadt, die nichts mit Landwirtschaft zu tun hatten, haben anderen Menschen aus der Stadt mit Entscheidungsgewalt erklärt, dass die Welternährung ein Riesenproblem wird. Wir also unbedingt Kunstdünger brauchen. Dumm steht für mich hierbei nicht für fehlende Intelligenz, sondern mangelnde Kontexterfahrung und in diesem Fall ebenso für eine gewisse Überheblichkeit, etwas besser zu wissen, als jene, die tagtäglich in eben jenem Kontext arbeiten.

Größe ist alles?

Heute wird nicht nur Bauern erklärt sie müssen wachsen in der Fläche. Betriebe sind erst ab 120 ha mit konventioneller Landwirtschaft angeblich rentabel. Es wird standardisiert, was das Zeug hält, aber seltsamerweise akzeptieren wir alle unseren verschiedenen Gesichter. Permakulturwissen, seit Jahrtausenden bekannt, wird dabei völlig ignoriert.

Abhängigkeiten inklusive

Diese Pseudorentabilität erkaufen sie mit einer perversen Abhängigkeit von den großen Handelsketten, von der chemischen Industrie, von der Bergbauindustrie. Und Saatgutkonzernen, was Markus Bogner sehr anschaulich erklärt. Ja sogar so anschaulich, dass sie Marketingmenschen von Pioneer Hi-Breed, Syngenta, Monsanto, Bayer und BASF usw. ganz leicht verstehen können. Vielleicht schämen sie sich sogar. Vermutlich eher nicht. Ich hoffe aber wirklich, sie bekommen psychische Probleme. Klingt das jetzt hart und für Dich wenig empathisch? Ich denke nicht, denn die anderen vielen Menschen, deren Lebensgrundlage sie systematisch zerstören und zerstört haben, bekommen auch psychische Probleme. Was ich nicht lustig finde. Und nur unter Druck ändern diese Menschen sich.

Selbst denken, nicht nur als Bauer

Markus Bogner schreibt sehr konkret und bricht die Zusammenhänge aus seiner Sicht als Bauer sehr gut herunter. Ob über Wachstumszwänge, lokale Versorgung, Hygienevorschriften seitens der Bürokraten im Auftrag von Konzernlobbyisten oder Spekulationen auf Lebensmittel oder absurde Transportwege von Kartoffeln in Deustchland angebaut, in Italien gewaschen und in Deutschland verkauft. Das ist übrigens wirtschaftlich. Für wen?

Natürlich hat er Glück, dass er in einer Region lebt, die sich stärker traditionell orientiert und sehr idyllisch gelegen ist. Ändert das aber was an den ursprünglichen Strukturen und landwirtschaftlichen Funktionen von Kleinbauern (Die sogar ich noch kenne, aus der ehemaligen DDR. Wir haben uns mit ca. 6 Familien von ca. 2 Hektar größtenteils selbst versorgt.)? Wie Kleinbauern seit Jahrhunderten existieren können und lokal ihre Mitmenschen versorgen? Natürlich nicht, denn ich weiß wie eine Tomate aus dem Garten meines Großvaters geschmeckt hat. Wie die Erbsen ohne Zucker ein Vergnügen waren als Kind und meine Großmutter nicht wirklich geschimpft hat, wenn ich sie vor der vollen Reife gegessen habe. Heute wird einem das als Zuckererbse verkauft. Oder ich in der Sonne im Kirschbaum gesessen und wirklich süße Kirschen ohne Wasserüberschuss genossen habe, nach dem Baden. Und die große weite Welt mir egal war. Nun, die meisten Menschen wissen gar nicht, wie wirklich reifes Gemüse oder Obst schmeckt, da fast alles auf schnelles Wachstum mit diversen Chemikalien, viel Wasser und anderer schlechter Technologie ausgerichtet ist und für die Verpackung geformt und normiert wird oder konkreter für die Konzerne leichter gestaltet wird (Diverse Hygienevorschriften zielen u. a. darauf ab, Kleinunternehmen zu zerstören. Rohmilch ist eine gefährliche Substanz in den USA, Glyphosat nicht?). Was natürlich wiederum weitere chemische Gewürze notwendig macht.

Bogner spricht fast alle Entwicklungen an und Möglichkeiten, die helfen sich zu behaupten, in einer immer absurderen Welt (Heute ist ein richtiges Vollarschloch amerikanischer Präsident geworden. Übrigens ist die USA auch das Land, was anderen Staaten ihre schwachsinnige Konzernsichtweise durch Freihandelsabkommen aufzwingen will und somit jegliche Freiheit für die Bevölkerungen unterbinden möchte, durch finanziellen Machtzuwachs. Kleinbauern sind da übrigens nicht vorgesehen. Keine Skalierung ist möglich für die brillanten Manager unserer Zeit). Terra Preta, eine Erde, die eigentlich seit Jahrtausenden schon genutzt wird in verschiedenen Kulturen und oft einfach natürliches kulturell verwendetes Kreislaufgut war. Sprich sich aus Fäkalien und Essensresten zusammensetzt und über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende ablagerte. Und nein nicht in der Extremform wie wir heute unsere Felder mit Harnstoff/Stickstoff überjauchen. Er schreibt und lebt einfach ohne sich großartig an pseudowissenschaftliche Ratschläge der Industrie zu halten, ohne jedoch den Blick auf sie zu verlieren und die Zusammenhänge selbst zu denken.

Klimawandel und Böden

Markus Bogner spricht außerdem etwas an, was mir sehr wichtig ist, den Klimawandel. Die meisten sehen ihn nicht so wie ich als Symptom von etwas viel Destruktiverem wie der Zerstörung unserer Böden und des Auslöschens vieler Lebewesen. Mit dem Verlust des Bodens verschwindet Biodiversität, die Grundstruktur ökologischer Räume. Er rechnet sogar vor, von wie viel land-, forstwirtschaftlicher und mariner „Ertragsfläche“ jeder von uns leben muss. Und das Überraschende, es ist möglich, von genug zu leben. Mehr hat uns genau dahin geführt, wo wir jetzt stehen. Ob das gut für Dich ist, musst Du entscheiden, aber erwarte keine Rücksicht, in einer Welt, in der der finanziell Stärkere Dich mit für ihn gemachten Gesetzen plattmachen und ausnutzen darf und Du Dich nicht direkt wehren kannst.

Das Buch ist das Optimischste für mich seit langem, trotz der Bezüge auf die negativen und destruktiven Entwicklungen unserer Agrarkultur. Es macht mir viel Spaß, teils die eigene Vergangenheit zu sehen und dazu Menschen wie die Bogners. Gelernt habe ich dazu eine ganze Menge und jeder, der mit dem Gedanken spielt, Bauer, Kleinbauer oder Stadtbauer zu werden, bekommt jede Menge ermutigende Tipps und Anregungen. Das eben nichts alternativlos ist und wir machen können, was wir wollen. Vielleicht sogar mal wieder kurz und knackig ein kurzes Buch über gesundes Leben wie ein Bauer zu lesen. Und nicht der Doktrin „Wachse oder weiche“ zu folgen, sondern selbst denken.

Markus Bogner

Selbst denken, selbst machen, selbst versorgen – Ein Bauer zeigt, wie’s geht

208 Seiten, oekom verlag München, 2016
ISBN-13: 978-3-86581-811-9
Erschienen am 26.09.2016

 


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