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Bionik, Biomimetik, Biomimikry sind Synonyme für das größte Potenzial unserer Zeit. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit der Natur überleben können, mit einer höheren Lebensqualität und einem geringeren materiellen Wohlstand. Letzterer wird durch Ersteren mehr als kompensiert. Ille C. Gebeshuber hat zur Bionik, einem noch völlig unterrepräsentierten Thema, mit Wo die Maschinen wachsen ein interessantes Buch geschrieben.

Bionik

ist die Nachahmung der Natur um komplexe Probleme zu lösen. Was ironischerweise nicht für unsere Schöpfungskraft spricht, aber für unser Verständnis. Wo die Maschinen wachsen löst gemischte Gefühle in mir aus, da zwar viele Beispiele oder Detaillösungen genannt werden, aber keine wirklich ökosystemischen Ansätze geboten werden. Ille C. Gebeshuber kann sich in Szene zu setzen, für mich manchmal etwas viel, aber das Buch ist sehr inspirierend. Und auch die Wiederholungen und dem doch stark auf privilegierte Wissenschaftler und großinstitutional arbeitende Menschen zugeschnittenen Ansätzen wie dem 3-D-Tourismuskonzept können einen gewissen Enthusiasmus bei mir nicht schwächen. Discover, determine, design in trans- und interdisziplinären Gruppen anzuwenden ist nichts Neues. Nur scheint unsere Gesellschaft, aufgrund einer immer ökonomischeren Ausrichtung und einem immer noch bevorzugten Silodenken, nicht nur in Elfenbeintürmen, begeisterte und naturverbundene Wissenschaftler wie Frau Gebeshuber zu zwingen, etwas Altes neu zu fassen und zu vermarkten. Dafür bin ich dankbar.

Strukturdesign vor Materialverschwendung

Professor Gebeshuber ist eine Tribologin oder zu deutsch eine Spezialistin für Reibung oder Reibungslehre. Und hat sich nicht nur durch einen 7-jährigen Aufenthalt in Malaysia, einem Hot Spot der Artenvielfalt, zu einer Biomimetikerin weiter entwickelt. Fasziniert habe ich während des Lesens mein oft durchdachtes Problem lokaler Versorgung mit Ressourcen ohne sinnfreie Transporte reifen gesehen, z.B. durch die Anwendung von Strukturfarben in der Natur. Die biologisch abbaubar sind und einen Engpass an bestimmten chemischen Elementen oder Molekülen elegant umgehen. In meiner Studienzeit habe ich gelernt, dass materielle Nutzung von Holz über energetischer steht. Dass Struktur über Material, wie in dem Buch dargelegt, geht ist eine logische Konsequenz unserer ungleich über die Erde verteilten Elemente und die Ursache für Biodiversität. Letztendlich sogar für eine abiotische Entwicklung von Leben und damit des Menschen. Damit greifen wir nach der grundlegenden Funktionalität von Ökosystemen, wenn wir sie schon nicht lassen können wie sie sind.

Akkumulatoren und andere ökologische Filtersysteme

Was die Natur kann ist unglaublich. Wenn wir uns damit vergleichen oder das, was wir für ausgereifte Technologie halten. Ob Kieselalgen, die Glas bei Umgebungsbedingungen herstellen. Oder magnetotaktische Bakterien, die sich am vertikalen Anteil des Erdmagnetfelds orientieren, um dem tödlichen Sauerstoff zu entkommen und dazu perfekte Magneten produzieren. Hyperakkumulatoren werden Pflanzen genannt, die in der Lage schädliche Metalle oder Elemente in sich zu sammeln (Anm.: Was übrigens auch negativ wirken kann, wenn schädliche Elemente ungewollt an die Oberfläche gefördert werden. Prinzipiell sind aber alle Lebewesen brillant konzipierte Akkumulatoren oder Filter für andere Lebewesen.). Das Wichtigste aber bei den zahlreichen Organismen, befähigt zur Biomineralisation, es bleiben keine toxischen Rückstände, wenn die abgestorbenen Organismen wieder in die Stoffkreisläufe zurückkehren. Biologie ist schon ziemlich faszinierend.

Hektische Kommodifizierung oder ökointegrative Kultur?

Viel stärker noch haben mich die Überlegungen zur Kommodifizierung unserer Bildungslandschaft von Frau Gebeshuber überzeugt. Wie bei Harald Lesch, Arne Naess und vielen anderen findet sich auch bei der Autorin ein „… to learn well, is to learn slowly…“ A. Naess. Zusammendenken, in dem der Mensch beobachtet und selbst erfährt wie etwas funktioniert. Gründlich, nicht indem er Apps herunterlädt, Infohappen aufschnappt wie ein gelehriger Hund und dann Kunststückchen vorführt, die so abstrakt und so unnatürlich sind, dass sie keinen Bezug mehr zur Natur eines kognitiv höchst begabten Lebewesens aufweisen. Und zu recht älteren Generationen, die noch etwas mehr Zeit hatten, vor unserer Infotainmentsociety, etwas zu betrachten, absurd erscheinen. Und diese Apologeten der Aufmerksamkeitspanne entsprechend künstliche, biologische Widersinnigkeiten, zu immer größeren Problemen stapeln. Keine Geringeren als Wilhelm und Alexander von Humboldt zeigt die Autorin als Beispiele für holistisches Denken und von Ihr propagierter Transdisziplinarität auf. Ich finde immer wieder Beispiele, dass die Aufklärung versagt hat.

Innovationen oder Innovision?

Es bedarf der Kommunikation auf allen Ebenen zwischen diversen Experten, um Verständnisbarrieren zu durchbrechen. Echte Kommunikation, ohne egotaktische Manöver, heute leider viel zu selten und mit zu wenig Offenheit praktiziert. Jeder denkt nur an die eigene Vermarktung. Denn die Probleme werden nicht von Individuen im Elfenbeinturm und schon gar nicht durch Einkapselung einzelner Fachbereiche gelöst werden, sondern von Open und Free Source Kollektiven.

Innovationen wie auch wissenschaftliche Arbeiten unterliegen einem Vermarktungssdruck, der gute ganzheitliche Ansätze kaum mehr möglich macht. Und jede kleine Änderung am Produkt wird uns als Weltwunder verkauft und erzeugt in uns das Gefühl immer state of the art mit unserem technischen Gimmick zu sein. Leider werden wirklich bemerkenswerte Innovationen kaum noch gemacht oder gehen in dem Rauschen unterdurchschnittlichen Fortschritts verloren. Ich bin beispielsweise ein Generalist. Kein Spezialist, aber ich weiß wie komplexe Probleme nicht gelöst werden können. Durch weitere Sackgassenentwicklungen, die sich durch mehr trennende Elemente und damit schlechtere Wirkungsquerschnitte für unseren Planeten auszeichnen.

Es findet sich in dem Buch, wie oben erwähnt, kein für mich neuer oder größerer Ansatz. Dr. Gebeshuber zielt auf technologische Ansätze und trennt Wissenschaft von Spiritualität, Liebe und Hoffnung. Kann das Funktionieren? Aber vielleicht funktioniert Ökologie nur Bottom-up. Und nicht wie in unserer Kultur durch Hierarchien vorgegebene Top-down-Strategien.

Wissenschaft für alle

Was ich hervorragend finde, ist ihr Vorschlag öffentlich bezahlte Forschung auch der Öffentlichkeit (open science) zugänglich zu gestalten, da so eine kollektive Akkommodation wissenschaftlicher Erkenntnisse auf diversen Ebenen stattfände, die dynamische Netzwerkprozesse und damit Strukturveränderungen zulässt. Vielleicht eine kambrische Explosion mitten im Jetzt des so destruktiven Holozän. Nicht behindert von allgemeinen Vertriebs-API und unnötigen Maklern, die nur dazu dienen abzukassieren und den Fortschritt strukturell behindern. Je ontologisch komplexer eine Struktur ist und damit die beteiligten Prozesse, desto schwieriger wird durch die zahlreichen Interessengruppen eine Lösung. Beispielsweise durch die oben angesprochenen Pseudoinnovationen (psychologische und technologische Obsoleszenz), da durch die Kommerzialisierung und Kapselung von Wissen viele talentierte und kreative Menschen nicht teilnehmen können am Prozess der Transformation und somit vielleicht entscheidende Impulse nicht kommen oder nicht die notwendige kritische Masse erreichen.

Quo vadis, Industria?

Laut Frau Gebeshuber wird Innovation nicht von der Industrie kommen. Ich teile diese Ansicht. Da Strategien unserer Industrie zumindest in Bezug auf Internalisierung sozialer und Mitweltkosten nicht langfristig genug angelegt sind. Und zu wenige Interessengruppen aus der allgemeinen Gemengelage sich funktional gegen mächtige Wirtschaftsorganisationen durchsetzen können. (Anm.: Nur, je länger wir in diesem System namens Kapitalismus verharren, desto schwieriger wird die Komplexität in eine mit geringerer Entropie zu transformieren sein. Opfer dieser kapitalistisch zunehmenden Unordnung werden viele Menschen und die Natur sein. Um das zu vermeiden brauchen wir eine Bionik, die unsere Art zu designen nicht nur vom kleinsten Transistor bis zur fabrikhallengroßen Papiermaschine, sondern auch zu leben, zu fühlen und miteinander umzugehen reformiert. Vielleicht hilft es schon, weniger zu konsumieren und mehr zu erfahren über die wichtigen Phänomene. Eine neue Kultur, die kein ökologisch pervertierter Spezialfall von e^$ ist. Und nicht so weit weg von ökologischen Harmonien liegt

Kommuniziert!

Frau Gebeshuber versucht den Raum für handlungsbereite Kommunikation zu öffnen, transdisziplinär, nicht defensiv wie der Großteil unserer Gesellschaft. Das ist das Gelungene an dem Buch. Sie sieht die Welt umfassend erfahrungsorientiert für ein tiefes Verständnis größerer Zusammenhänge, was ich selbst als grundlegendes Qualitätsmerkmal für mein Gefühl im Leben zu sein sehe. Wer etwas über unsere Wissenschaft erfahren möchte, als Nichtwissenschaftler, wird erfreut sein über das Format des Buches und die gute Darstellung in Bezug auf Bionik und dem Lösungsoptimismus für ganzheitliche Ansätze durch Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und anderen Menschen. Denn Frau Gebeshuber möchte vor allem eins, Räume öffnen, gleichermaßen aus Neugier, Freude am Leben, der Biosphäre und der Sorge um den Planeten.

Was mir gut gefällt:

  • Open Source denken
  • Qualität statt Quantität in der Wissenschaft
  • Transdisziplinarität
  • Innovision (holistische Innovationen oder ecodesign)
  • Schriftgröße

Was mir nicht so gut gefällt:

  • etwas zu technokratischer Ansatz
  • Wiederholungen
  • Buchumfang im Verhältnis zum Preis
  • auffällig hohe Zeichensetzungsfehler

Ille C. Gebeshuber
Wo die Maschinen wachsen. Wie die Lösungen aus dem Dschungel unser Leben verändern werden.
Ecowin Verlag, 1. Auflage
Format: 14,5 x 21 cm, 240 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-7110-0090-3
E-ISBN: 978-3-7110-5158-5
Preis: 24,00 EUR
Preis E-Book: 18,99 EUR


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