Die Neuen Wilden Pearce Neobiota Chance

Fred Pearce nimmt Neobiota, also ortsfremde Arten in seinem neuen Buch in Schutz gegenüber angeblich voreingenommenen Umweltschützern, Ökologen und Invasionsbiologen. Das ist zum Teil gelungen und berechtigt, wirkt aber …

… manchmal etwas polemisch und absatztechnisch gedacht. Seine Argumentationslinie in DIE NEUEN WILDEN bezieht sich auf natürliche Migrationsbewegungen, die oft unangemessen wie bei nicht mehr auszumerzenden oder ökologisch nützlichen Neuankömmlingen aus Flora und Fauna, massiv bekämpft werden. Das sei Energieverschwendung und bremse unnötig Chancen neue Arten zu nutzen bzw. das Potential derselben zu entwickeln. Vielmehr sollen wir auf die Vitalität bisher nicht vorhandener Arten setzen.

Viele Organismen unserer biologischen Umgebung sind je nach Zeithorizont neue Arten. Was bedeutet neu also in landschaftlichen Räumen? Hinzu kommt die Problematik der Nährstoffverwerfungen in unseren Kulturlandschaften, die ein Eindringen von Arten erst ermöglichen. Egal ob Marderhund, Waschbär, Drüsiges Springkraut (Impatiens glandulifera) bei uns in Mitteleuropa oder Dingos, Kaninchen, Opuntia stricta in Australien oder der Fuchskusu in Neuseeland oder die zahlreichen Ratten- und Katzenkolonien auf diversen Inseln. Sie alle nutzen Freiräume, die wir durch unsere Ansprüche und Reiselust erst geschaffen haben. Oft durch Überdüngung, Übernutzung und damit verbundener Protektionismus durch Subventionen in der Landwirtschaft haben wir Magerstandorte, die oft Spezialisten beherbergten, verändert und so eine erfolgreiche Ansiedelung bisher woanders vorkommender Arten erlaubt.

Das führte beispielsweise zu Magerstandorten in Städten und Industriebrachen, die nicht nur, aber oft ohne Pestizide sind und so eine Migration vieler Arten wie z. B. Singvögel in diese Räume auslösten. Teils dadurch sind die Städte oft biodiverser als industriell bewirtschaftete Äcker. Und Pearce kritisiert hier unsere oder einen Teil der Umweltschützer, dass sie sich nicht mit der Agrarlobby anlegen, was ich nur zum Teil nachvollziehen kann, da durchaus viele NGO im Umweltschutz die Subventionen und oft schädlichen Methoden der konventionell wirtschaftenden Bauern kritisieren (Immerhin mögen Bauern und NGO die Windkraftanlagen auf unseren Äckern). Wir müssen dadurch teure Kläranlagen nutzen, die z. B. Nitrate filtern. Ursache ist Überdüngung.

Das falsche Adressieren der Ursachen ist nicht nur im Umweltschutz in Bezug auf invasive Arten und nicht nur dort ein Problem unserer Gesellschaft. Und Pearce sieht „fremde“ Arten viel optimistischer.

Richtig ist, dass wir viele biologische Räume nicht mehr zu einem gewesenen Zustand formen können. Aber unsere Fehler jetzt in der Aufforderung gipfeln zu lassen, dass wir nichtendemische Arten, ganz entspannt überall einführen können, halte ich für ziemlich naiv und verantwortungslos. Natürlich möchte Pearce nicht zur hemmungslosen Migration aufrufen. Fakt ist aber, dass viele Arten nicht ohne uns migrieren über Ozeane hinweg und geografische Isolation zur Koevolution führt und Speziationsdruck verursacht. Wenn die Art nicht schon ein Kosmopolit und sehr flexibel in den Umweltansprüchen ist. Natürlich sind viele Arten sehr vital und anpassungsfähig und können sich sowohl an schon heimische wie auch zugewanderte Arten anpassen, egal ob als Individuum oder intergenerational. Ich bezweifele aber ernsthaft, dass jemand auf Sizilien Klapperschlangen haben möchte oder andere Staaten bildende Insekten, die durchaus zu diversen Artenverlusten führen können. Das Klapperschlangenbeispiel ist übertrieben, ich weiß.

Pearce argumentiert, dass die Biodiversität ansteigt, wenn sich neue Arten ansiedeln. Das stimmt, aber es werden trotzdem andere Arten verdrängt. Die Anpassungsfähigsten und Vitalsten sollen dann überleben so Pearce. Das Schwierige daran, unsere Eliten/Gesellschaften sind nicht bereit, genug Mittel für ökologische Studien und daraus abgeleitete Entwicklungen bereitzustellen. Wie sollen wir dann, wie Pearce ja nicht ganz verkehrt vorschlägt, entscheiden können, welche Arten vielleicht unsere unharmonischen Artengemeinschaften ergänzen?

Sein Argument ist, dass durch Störungen in Naturräumen oftmals völlig neue und scheinbar zufällig generierte Artengemeinschaften entstehen, die sich aber nicht fest komplementieren. Und damit durch Verteilungen von wandernden Individuen Arten Räume wieder dynamisch besetzen. Jedoch ist das eher auf kleine und mittlere Räume und auch nur mit mittelstarken Störungen so. Je größer eine Störung ist, desto langsamer bauen sich allgemein dynamische Artengemeinschaften wieder auf. Es hat sich herausgestellt, viele als Primärwälder gedachte Wälder, sind durchaus schon länger von Menschen beeinflusst. Was nichts Neues ist. Er führt dabei bekannte und unbekannte Beispiele an. Hier verallgemeinert Pearce für mich etwas zu sehr und ignoriert das Problem unserer industriellen Wirtschaft. Die eben viele von Menschen und Fauna und Flora belebten Räume räumlich und zeitlich teilsterilisiert. Und nur bestimmten Arten Migration erlaubt. Und trotzdem ist diese Migration notwendig. Wir haben fürchte ich keine Wahl, auch wenn man antibiotische Resistenzen betrachtet Arges auf uns wartet.

Richtig ist auch, dass u. U. Kulturlandschaften diverser als potenziell natürliche Vegetation sein können und oft sind, zumindest was am Anfang Habitate betrifft, und diverse Habitate führen zu stärkerer Artenbildung. Nur haben wir sehr die monotonen Habitate erst geschaffen. So homogenisieren wir unseren Planeten, da wir natürlich oft ökonomische oder willkürliche Interessen mit Arteinführungen verbinden.

Was ich für unangemessen halte, ist Pearce’s Analyse das Fremdenfeindlichkeit durch Invasionsbiologen und Umweltschützer, die invasive Arten oftmals gerechtfertigt in ihren Auswirkungen bremsen, unbeabsichtigt geschürt wird. Da gerät mir die Analyse zu kurz. Sich mal das pseudokapitalistische System und unsere politischen Kasten genauer anzusehen, das und die uns ja letztendlich zu den sozialen Verwerfungen und zu mangelnder Ressourcengerechtigkeit und zu Artenfluktuationen geführt haben, wäre sicher nicht verkehrt.

Der Autor benutzt wie andere (auch ich) und wie er Biologen und Naturschützern vorwirft emotional belegte Wörter, die bei einer objektiven Betrachtung nichts im Diskurs zu suchen haben, höchsten als Kritik an der Nutzung. Vielleicht liegt es auch an der Übersetzung. Begriffe wie fremdenfeindlich und rückwärtsgewandt, zweifellos sind Urteile, keine Belege. Er diskreditiert, da er diese Begriffe aufgreift, wenn er auch den Nutzern dieser Begriffe keine böse Absicht unterstellt. Sprache und Fachtermini entwickeln sich, wie sie politisiert und in der Öffentlichkeit übernommen werden, dafür kann ein Wissenschaftler der oft komplexen biologischen Wissenschaften nichts. Er wirft einigen Biologen und Naturschützern vor, die sich mit invasiven Arten beschäftigen, nicht gründlich genug zu sein. Das ist aber nicht nur Marketing der Naturschutzlobby, sondern auch von deren Gegnern. Dadurch wird sicher unsachliche Meinungsbildung betrieben. Er ist erschüttert, dass die internationale Wissenschaftsgemeinde so entgegen wissenschaftlicher Ethik arbeitet. Da er seit Jahrzehnten mit diesen Themen arbeitet und für die Institutionen, deren Mitarbeiter er hier angreift, oft gearbeitet hat, finde ich das seltsam. Möglich wäre auch die Unterfinanzierung bzw. teils imperativ gebundenen Handlungen von UN, NGO, Umweltschützern und Wissenschaftlern anzumerken. Weshalb es eben oft nicht möglich ist, umfangreiche und gute Studien auszuführen.

Das Ganze ist wie üblich komplex und ich halte das Buch für wirklich gut, wenn ich auch wie hier angedeutet, oft nicht einfach zustimme. DIE NEUEN WILDEN sind in Bezug auf Ökologie sehr anregend. Wohingegen ich den Untertitel „Wie es mit fremden Tieren und Pflanzen gelingt, die Natur zu retten“ für sehr reißerisch und unangemessen halte. Dazu sind die faszinierenden Beispiele zu spezifisch und zwangsläufig, ohne Vorwurf an den Autor, zu isoliert betrachtet. Und auch etwas zu ökonomisch. Der Ansatz im Buch weist damit in eine noch stärkere Ökonomisierung, für mich eine Ursache unserer Umweltprobleme. Dass ein Umdenken notwendig ist, bezweifelt mittlerweile keiner mehr, aber eben nicht nur im Natur- und Umweltschutz. Wir müssen überall und jederzeit Naturräume und dazu zähle ich alle Räume, auch Städte und Industriegebiete, integrativ betrachten und zwar nicht von der wirtschaftlichen Seite, sondern primär aus Ressourcen bewahrenden Blickwinkeln. Dann ergeben sich Erkenntnisse und ich bin der Meinung auch Jobs und umfassendere Lösungen, nach ein paar politischen Umbauten, von allein. Und Pearce hat recht, wenn wir vielleicht etwas mit unseren Urteilen abwarten. Die Natur reagiert auf Invasionen mit unterschiedlichen Zeitfenstern und die viele Arten sind in der Lage zu adaptieren und Arten nivellieren sich langfristig gegenseitig. Pearce erteilt keinen Freibrief, aber er stößt mit anderen ein Umdenken an.

DIE NEUEN WILDEN sind für mich nicht mein erstes Auf und Ab durch mein Verständnis von Biodiversität, Ökologie und Natur. Und bestätigen meine Auffassung semantische Kongruenz für fruchtbare Diskurse ist wichtig und selten zwingend. Ein guter Ansatz Fragen zu stellen über den Naturschutz und das Zusammenwirken von Mensch und anderen Arten ist das Buch von Fred Pearce.

DIE NEUEN WILDEN

Verlag: oekom, München 2016
ISBN: 9783865817686
22,95 €


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