Organischer Sprössling Mischwald Mecklenburg

Kürzlich habe ich den Film Captain Fantastic gesehen. Als Geschichte über eine radikale Aussteigerfamilie berührt er viele kritische Punkte nicht allein der amerikanischen Gesellschaft. Unter anderen die präzise Nutzung und damit das Wissen über die historische Herkunft und den gesellschaftsrechtlichen Sinn von Begriffen. Und wie diese etwas zu legere Nutzung uns selbst definiert, oft nicht unbedingt zu unserem Vorteil.

„Spannend!“ oder „Das ist ja interessant.“ Haben Sie den Eindruck, wenn jemand diese Phrasen sagt, dass bei Ihnen der Drang weiter über das Thema mit dem Phrasen dreschenden Gegenüber zu reden rapide abnimmt? Dabei möchte dieser Mensch vielleicht bloß höflich sein oder setzt er bewusst einen Block. Und manchmal erwische ich mich dann, dass ich aus meinem Erfahrungshintergrund heraus den Menschen dazu gezwungen habe, mir so eine Aussage an den Kopf zu werfen. Leider neigt zudem unsere Gesellschaft durch eine gewisse Hektik immer unpräziser zu sein, obwohl unser Wissen und die Verfügbarkeit beständig ansteigen. Fragt ruhig nach, wenn jemand eine abschließende Aussage macht ;). Um die Deutungsproblematik unter dem mittlerweile monströsen Dachbegriff Nachhaltigkeit etwas feiner zu strukturieren, werde ich gängige Begriffe scheinbar grüner Prägung immer wieder mal raussuchen und erläutern. Beginnen wir mit dem Begriff organisch. Organisch ist ein schön geschmeidiges Adjektiv, dass uns unterbewusst sehr sympathisch ist, zumindest mir.

Was bedeutet organisch?

Organisch übersetzt laut Duden heißt: lateinisch organicus < griechisch organikós = als Werkzeug dienend; wirksam. Nun können die meisten von uns in einer Unterhaltung mit einem Adjektiv allein wenig anfangen. Deshalb hören wir es häufig und es wird bewusst von Fachleuten für das Marketing und unbewusst, vielleicht mangels eines präziseren Ausdrucks eingesetzt. Beispielsweise im ökonomischen Jargon als organisches Wachstum oder von Umweltwissenschaftlern und Chemikern in der Organischen Chemie, was den Kontext präzisiert. Organisches Wachstum bedeutet in der Wirtschaft, dass eine Wirtschaftseinheit aus eigener Kraft wachsen kann. Was überhaupt nichts über die ökologische Qualität externer Auswirkungen auf die Umgebung aussagt. Und organisch im gesunden Sinne für unsere Zukunft ist es auch nicht laut gängigen betriebswirtschaftlichen Paradigmen. Aber es definiert sehr schön ein einfaches Prinzip für ökologischere Ansätze. Natur arbeitet immer organisch, selbst mit dem oft absurden Spezialfall von unserer Kultur.

Die Organische Chemie (de.wikipeda) dagegen ist wesentlich genauer und bearbeitet ein Teilgebiet der Chemie, in dem die chemischen Verbindungen behandelt werden, die auf Kohlenstoff basieren, mit Ausnahme einiger anorganischer Kohlenstoffverbindungen. Sie beschäftigt damit wohl die meisten Menschen weltweit, ob diese Menschen es so definieren oder nicht. Weit wichtiger ist dabei und uns oftmals nicht bewusst, dass wir sehr durch unser Prinzip Ausgraben, Zerhacken, Verschmelzen und Verbrennen mit Maschinen geprägt sind. Oder dass wir denken, viele anorganische und auch viele organische Stoffe erst massiv durch starken Temperatureinfluss, hohe Drücke oder hoch reaktive, oftmals für uns selbst gefährliche Katalysatoren verändern zu müssen. Organische Chemie beinhaltet unsere fossilen, nicht radioaktiven Ressourcen. Während natürliche Phänomene (Natürlich ist ebenfalls ein vieldeutiges Adjektiv, hier ist biologisches Wachstum bzw. Stoffwechsel ohne technologische Unterstützung gemeint. Technologie ist hier nicht als Wissen zu verstehen, sondern als massiver nicht in der Natur vorkommender Materialaufwand.) wie das Wachsen von Pflanzen im Garten oft bei durchschnittlicher Umgebungstemperatur bzw. durch möglichen saisonale Schwankungen mit leicht erhöhten Temperatur und biologischen Katalysatoren stattfinden. Abgesehen vielleicht von Extremophilen, das sind Organismen, die unter extremen Umgebungsbedingungen in der Lage sind Stoffwechsel zu betreiben, wie zum Beispiel die Artengemeinschaften an den Black Smokern auf den mittelozeanischen Rücken. Und diese natürlichen Stoffwechselvorgänge sind organisch, effizient und effektiv, während wir einen technischen Hokuspokus betreiben, der oft ans Lächerliche grenzt. Völlig anorganisch, denn wenn wir Lebendes in Totes verwandeln, was ist unser Handeln sonst? Warum dieser eher technokratische als notwendige Aufwand oft völlig unnötig ist, erläutere ich in einem anderen Artikel über eine landwirtschaftliche Studie der UN, die leider komplett ignoriert wird.

Die Entstehung fast aller Naturstoffe wie pflanzliche, tierische Farbstoffe, Zucker, Fette, Proteine, Nukleinsäuren und letztlich der uns bekannten Lebewesen basiert auf der Bindungsfähigkeit des Kohlenstoffs. Das klingt sehr organisch. Organisch, egal in welchem Kontext ist ein rein funktioneller Begriff, ohne Wertung. Wir könnten ihn weder positiv noch negativ belegen. Organisch wachsen auch gentechnisch veränderte oder in stark radioktiver Umgebung lebende Pflanzen und Tiere wie in dem Gebiet um Tschernobyl oder Fukushima. Sie haben am Beginn ihres Lebens alle die gleichen Startbedingungen, inklusive Strahlung. Jetzt müsste ich verschiedene Zeitfenster einführen wie organisch zu definieren ist, was aber zu weit führt.

Um konkreter zu werden, habe ich Organic cotton, zu deutsch allgemein Bio-Baumwolle, etwas näher betrachtet. Organic cotton wird in subtropischen Gebieten der Türkei, China, USA aus nicht gentechnisch veränderten Pflanzen angebaut, die vermutlich oder hoffentlich ohne die Verwendung von synthetischen landwirtschaftlichen Chemikalien wie Düngemitteln oder Pestiziden angebaut werden. In Europa wird für Bio-Baumwolle nach den Richtlinien des ökologischen Landbaus produziert. Im Gegensatz zum konventionellen Baumwollanbau ist der Einsatz von chemischen Pestiziden und Düngemitteln verboten. Aber auch mit Bio, was übrigens laut genannten Richtlinien, gleich Öko ist, muss es nicht unbedingt für einen anspruchsvollen Beobachter korrekt zugehen. Organisch allerdings immer, egal wie viele Pestizide, Düngemittel oder virtuelles Wasser ich verbrauche. Noch organischer, um Ressourcen bewahrenden und schonenden Sinn, wären statt Baumwolle nämlich der Verzicht, der Gemeine Lein oder Hanf. Warum? Ersterer ist Erzeuger der wichtigsten Ressource, Zeit zum Verstehen und Differenzieren. Lein und Hanf sind weit anspruchsloser an die Bodenverhältnisse als Baumwolle und benötigen weniger Wasser. Außerdem können beide auch in vielen gemäßigten Breitengraden angebaut werden. Abgesehen davon ist Hanf eine der vielseitigsten Pflanzen weltweit. Alle Pflanzenteile können genutzt werden. Organisch, umfassend ökologisch gedacht, ist für mich die höchstmögliche Reduktion von industriell technischem Aufwand. Können wir alle mit mehr Handarbeit und einem grundlegend tieferem Naturverständnis organischer, gesünder und erfüllter leben? Also von selbst wirksam sein, ohne Technologie in Form von aufwendiger Technik präsentieren zu wollen? Das setzt ein tiefes strukturelles Verständnis voraus. Sich der Bestandteile von Materie bewusst ist, aber sie eben nicht überbetonen. Organisch bedeutet dann, mit dem etwas Schaffen und Leben, was lokal verfügbar ist.

Falls wir organisch irgendwo lesen, dann gründlich nachsehen, was sich dahinter verbirgt. Wie immer. Bewährt hat sich bei mir auch: Kann ich bitte mehr Informationen haben? 🙂 Wobei immer mehr Produkthersteller so kritische Zeitgenossen wie mich natürlich auf dem Radar haben und durchaus gute Produkte anbieten. Organisch bedeutet auch autonom zu sein und fast alles mit seiner unmittelbaren sozialen Umgebung unabhängig von Großkonzernen und wahnwitzigen Transportwegen erleben zu dürfen.

Bild: Stephan Kühn-Logan Mecklenburg Mai 2017


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