Das geheime Leben der Baeume von Peter Wohlleben

Ein grandioses Buch für ein Laissez-faire der Natur, ohne brachiale Eingriffe unsererseits. Kürzlich habe ich „DIE NEUEN WILDEN“ von Fred Pearce vorgestellt. Darin geht es auch um die bewusste Einführung bisher fremder Arten. Pearce argumentiert für das Individuum und einer zufälligen Auswahl der Natur derselben in Naturräumen. Peter Wohlleben steht nicht unbedingt diametral zu Pearce. Er beschreibt aber in „Das geheime Leben der Bäume“, dass mitnichten Bäume in halbwegs natürlichen Artgemeinschaften als Individuum existieren, sondern mit Artgenossen und anderen Lebewesen so dichte Kommunikationsräume bilden, dass der Artengemeinschaft der Vorzug gilt, natürlich an Abhängigkeit vom möglichen potenziellen Naturraum. 

Peter Wohlleben war nach leider immer noch gängigen Paradigmen ein Holzertragsfunktionär, gemeinhin Förster genannt. Obwohl er noch Förster ist, hat er sich vor Jahren entschlossen, seine ökologischen Beobachtungen und sein Wissen in Einklang mit der Artengemeinschaft Wald zu bringen. Die Holzertragsfunktion, also die Maximierung des erntebaren Holzzuwachses, steht in vielen Forstämtern seit Jahrhunderten an erster Stelle, trotz oder gerade durch Colbert und von Carlowitz, dem viel gepriesenen menschlichen Begründer der Nachhaltigkeit, zumindest in Deutschland. Es gibt sicher ein Umdenken. Da die aktuelle Plantagenwirtschaft in Monokulturen, teils historisch, teils wider besseren Wissen bedingt, letztendlich dem Holzertrag wie auch der Gesundheit unserer Wälder schadet. Denn, oh Überraschung, der Holzzuwachs in gesunden Wäldern ist größer.

Das geheime Leben der Bäume fasziniert, denn in der heutigen virtuellen Welt fühlen wir uns von technologisch manifestierbaren Abstraktionen oft unbewusst überfordert oder bedienen uns schlechter Oberflächen, die uns scheinbar helfen andere Oberflächen zu nutzen. Dabei stapeln wir ökologische Paradoxa übereinander und „wundern“ uns, warum unsere Lebensräume zerstört werden und wir uns immer gehetzter und ohnmächtiger fühlen. Die Faszination wie Bäume miteinander und anderen Lebensformen wechselwirken besteht für mich darin, dass Vielfalt und Intensität der Kommunikation unglaublich sind. Und wir schlicht, zumindest komme ich mir oft so vor, wie blind durchs Grüne laufen. Und wir trotzdem in diesem für uns oft, auch wissenschaftlich, unverständlich Grünen happy sind.

Bäume sind Wald über kurze oder lange Zeit. Das variiert selbstverständlich von Art zu Art und Standort zu Standort. Aber uns hilft Peter Wohlleben dabei, die verschiedenen Aspekte eines Baumes oder Waldes in unserer begrenzten Zeit zu begreifen. Oder einfach den sich selbst überlassenen Wald als etwas Gesundes zu erkennen. Ironischerweise wie so oft, gehen viele Menschen zur Erholung gern in den Wald, interessieren uns jedoch nicht unbedingt für das einzelne Elementarelement. Aber auch nicht in jedem Wald fühlen wir uns wohl. Ich hatte oft in künstlichen Schonungen in Monokulturen bei meinen Wanderungen kein gutes Gefühl. Einmal, weil ich um die Problematik weiß und dann sind natürlich die Botenstoffe in einer gestressten Monokultur nicht unbedingt der eigenen Wahrnehmung zuträglich. Peter Wohlleben beschreibt genau Dasselbe und vieles mehr, was die Ursachen dafür sind. Und warum wir aus psychologischen Gründen viel Zeit in natürlich gewachsenen Wäldern verbringen sollen. Und diese zumindest in der Norddeutschen Tiefebene durch die dominierende Buche kein undurchdringliches Dickicht sind.

Wohlleben schreibt, wie Bäume miteinander kommunizieren, sich unterstützen bei Problemen, ausgelöst z. B. durch Insekten oder Pilzen. Wie sie wachsen oder warum nicht. Was für ein Gedächtnis sie haben und wie langsam sie im Vergleich mit uns reagieren. Warum Mutterbäume für Buchen wichtig sind und warum kleine Buchen schon Jahrzehnte alt sein können. Warum unsere Angewohnheiten Bäume zu beschneiden, Blätter vom Boden zu entfernen oder in Baumschulen ihres feinen Wurzel- und Pilzgeflechts zu berauben Bäume verkrüppeln lassen und wir so ganze künstliche und verstümmelte Generationen erzeugen. Und uns dann in Städten wundern, warum Bäume krank werden und Baumpflege notwendig wird, weil die Bäume zusätzlich schlicht nicht genug Platz für ihre Wurzeln haben. Was würden wir von Eltern halten, die ihren Kindern die Zehen kürzen lassen oder verschiedene Rezeptoren in der Haut großflächig verätzen? Würden wir uns wundern, dass diese Kindern Probleme hätten? Wohl kaum. Das schreibt Wohlleben nicht so, ich habe bewusst übertrieben. Aber übertreiben wir nicht, sind wir nicht Extremisten nicht nur gegenüber Bäumen in den von uns ihnen zugedachten Lebensräumen? Es geht gar nicht so sehr um das Fühlen eines Baumes, das können wir nie nachvollziehen. Sondern, da wir ja alle so egoistisch sind, um das Verstehen, was uns gut tut. Eine ängstliche Kontrolle und, wirtschaftlich gedacht, Kosten, sind in intakten Lebensräumen durch ein umfassenderes Verständnis nicht oder in geringerem Maße notwendig und oft genug obsolet.

Das geheime Leben der Bäume

ist in kurze Kapitel gegliedert, die abgerundet und zügig zu lesen sind. Da sie ansprechend Phänomene darlegen, ohne sich zu sehr im Detail oder der Fachsprache zu verlaufen. Wohlleben hat für mich wirklich eines der besten populärwissenschaftlichen Bücher über unsere großartigen Mitbewohner geschrieben. Ich wollte bei einer neuen Erkenntnis sofort hinauslaufen und in den Wald fahren. Alte Wälder sind harmonische Bewusstseins- und Stofffilter, für sehr viele Arten. Und wie so oft habe ich mich beim Lesen über symbiotische Prozesse ertappt, ob unsere aktuelle Sprache überhaupt geeignet ist, etwas Zusammengehöriges adäquat zu beschreiben. Wälder sind unglaublich und wo sie fragmentiert werden, leidet der Naturraum unter massiven Stoffflussstörungen, die wir als Umweltzerstörung und Artenverlust wahrnehmen. Wer sich ein verständliches Bild über den aktuellen Status ästhetisch ansprechender und kranker Wälder bzw. Bäume machen möchte, sollte dieses Buch zur Hand nehmen. Er wird aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Nicht weil wir nicht selbst begreifen können, sondern weil wir uns nicht die Zeit dafür nehmen.

DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME

Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag

224 Seiten, 12,5 x 20,0 cm
ISBN: 978-3-453-28067-0

Das geheime Leben der Bäume ist auch als Hörbuch erhältlich. Außerdem ist ein Bildband zu dem Buch erhältlich.

Cover: RANDOMHOUSE/LUDWiG


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